Kunst: Echte und unechte Michelangelos in Frankfurt Zeichnender Bildhauer

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Christian Huther

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"Zeichne Antonio und verlier keine Zeit!" Der solcherart von Michelangelo (1475-1564) auf dem Zeichenblatt Ermahnte mühte sich redlich, gab jedoch nach wenigen Strichen auf. Kein Wunder, denn Michelangelo hatte die Madonna mit furiosen Strichen plastisch skizziert, so dass daneben Antonio Minis Versuche recht kläglich aussehen. Antonio war ehrgeizig, aber es fehlte ihm die Begabung. Ohnehin war er nur Hausgehilfe bei Michelangelo. Doch der gab seinen Dienern ebenso Zeichenunterricht wie jungen Adligen. Aber systematisch Schüler ausgebildet hat der Renaissance-Künstler nicht. Dazu war der "Göttliche" zu egomanisch. Zudem hatte er Angst vor Ideenklau, weshalb er keine Werkstatt betrieb und kurz vor seinem Tod fast alle Zeichnungen verbrannte. So sind heute nur noch wenige Blätter erhalten, aber keines ist signiert. Und nicht immer lässt sich eine Zeichnung so eindeutig dem Meister zuschreiben wie die Lehrer-Schüler-Skizze, die zusätzliche Sicherheit bietet dank Michelangelos in Briefen dokumentierter Handschrift.

Original oder Kopie?

Diesem diffizilen Problem der Zuschreibung widmet sich eine kleine, aber anschauliche Ausstellung im Frankfurter Städel, vorwiegend bestückt mit Leihgaben aus England und Italien. Allerdings ist wohl kein Blatt unter den zwölf Michelangelo-Zeichnungen, so Grafik-Leiter Martin Sonnabend, das nicht schon einmal ab- oder zugeschrieben worden wäre. Vollkommene Sicherheit gibt es nicht, nur viele Indizien, die für oder gegen den Künstler als Urheber sprechen. Als erste Anhaltspunkte dienen schriftliche Überlieferungen, motivische Parallelen, Materialprüfungen und Beschriftungen. Aber den Ausschlag geben oft stilkritische Vergleiche. So versucht das Städel mit Vergleichsbeispielen Original und Kopie voneinander zu scheiden. Dabei zeigt sich wieder einmal, dass weniger mehr ist. Denn an zwölf Blättern sieht man mehr als beim Vorübergehen an 100 Blättern.