AdUnit Billboard
Erzähl mir was

Wo ist Max?

Von 
Uwe Dittes
Lesedauer: 
© picture alliance/dpa

Gerade haben Jo und Max ein Smartphone gestohlen und die Daten für das Online-Konto gehackt. Um an die digitale Beute zu gelangen, benötigt Jo einen Code. Den hat Max. Doch Max ist verschwunden.

AdUnit Mobile_Pos2
AdUnit Content_1

Hoffnung. Jo kickte die Glasscherbe auf dem Boden des Bahnsteigs Richtung Gleisbett. Noch gut fünf Minuten, bis der Zug nach Mannheim eintreffen sollte. Ob Max es noch rechtzeitig schaffte? Jo schaute vom Boden auf und lenkte seinen Blick in Richtung der Berliner Straße. Von dort würde Max kommen. Sobald die letzte Aktion ausgeführt war. Und dann ab in ein neues Leben. Raus aus der engen und stickigen Kleinstadt, in der sie beide zu viele Jahre ihres noch jungen Lebens verbracht hatten.

Mehr zum Thema

Schreibwettbewerb

Finale bei „Erzähl mir was“: Für diese zwölf Besten ist der Weg frei

Veröffentlicht
Von
Stefan M. Dettlinger
Mehr erfahren
Erzähl mir was

Jugendsiegerin Nora Antonic im Interview: „Schreiben ist atmen“

Veröffentlicht
Von
Stefan M. Dettlinger
Mehr erfahren

Noch vier Minuten. Unnachgiebig drehte sich der Zeiger der alten Bahnhofsuhr Runde um Runde. Gefühlte Zeit wurde gefühlte Ewigkeit. Der blaue Sportrucksack hing lässig über Jos Schulter. Kaum zu glauben, dass dieses kleine Behältnis all das enthielt, was im Leben eines 17-Jährigen wertvoll und wichtig war. Das Signal zum Aufbruch kam plötzlich, aber nicht unerwartet. Und die Auswahl dessen, was in das neue Leben hinübergerettet werden sollte, erfolgte pragmatisch und schnell. Keine Zeit für langes Überlegen. Das Online-Ticket erlaubte eine Reise bis in den hohen Norden Europas. Als einfache Fahrt von zwei Personen, die sich kaum kannten, aber dennoch durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden waren. Jo erinnerte sich nicht mehr genau an den Tag, als Max mit der Idee zur Aktion um die Ecke kam. Er hatte anfangs noch gezögert, da das Risiko hoch, die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns noch höher war. Doch zu verlockend die Aussicht auf eine rosigere Zukunft, endlich wieder zurück ins Leben.

Drei Minuten. Jo wurde langsam etwas unruhig. Nicht auffallen, nur nicht auffallen. Nichts tun, was das große Ziel gefährdet. In der Masse der Menschen untertauchen, mit dem Strom schwimmen, bis alle Gefahren hinter ihnen lagen. Das war der Plan. Immer noch kein Zeichen von Max. Jo kratzte sich verlegen am Nacken. Was hatten sie übersehen? Eigentlich gab es keine Spuren auf ihrem Beutezug, welche Rückschlüsse auf ihre wahre Identität zugelassen hätten. Ein Hoch auf den Idioten, der sein Smartphone ungesichert und ungeschützt in seiner Jackentasche getragen hatte. Kurzes Anrempeln, etwas Kaffee auf die Hose schütten, entschuldigen und weitergehen. Keine zehn Sekunden, um ein jungfräuliches digitales Werkzeug in die Finger zu bekommen. Und keine weitere zehn Sekunden, um in der großen Schar der Pendler und Berufstätigen unsichtbar zu werden und abzutauchen. Der Rest war Geschichte.

AdUnit Mobile_Pos3
AdUnit Content_2


Noch zwei Minuten. Nun erkannte Jo auf der gegenüberliegenden Seite die wohlvertraute Silhouette von Max. Er näherte sich zügig dem Eingang zum Bahnhof. Dann mit großen Schritten Richtung Unterführung, welche den Zugang zu den anderen Gleisen des Bahnhofs erlaubte. Jo atmete auf. Also doch alles gut gegangen. Jo stutzte. Sein Partner nahm nicht den Weg zu den Treppenstufen, die zu dem Bahnsteig führten, auf dem sich Jo gerade befand. Seltsam. Max drehte sich um und lief wieder einige Meter Richtung Ausgang. Und schaute in die Richtung, aus der er gerade gekommen war. Jo zögerte. Was war hier los?

Noch eine Minute, bis der Regionalexpress einfahren würde. Die Bahnhofsdurchsage verkündete die Verspätung des Zugs nach Mannheim und informierte über das Herannahen der S-Bahn Richtung Karlsruhe. Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig sammelten sich die Reisenden, um zügig einsteigen zu können. Max stand regungslos inmitten der Menschenmenge. Kurz bevor die S-Bahn einfuhr, drehte Max seinen Kopf in Richtung von Jo. Beide sahen sich nun von Angesicht zu Angesicht. Die Miene von Max verriet keine Emotion, nur kurz glaubte Jo, einen traurigen Glanz in den Augen seines Partners zu sehen. Dann versperrten die grauweißen Waggons den Blick auf die andere Seite. Die S-Bahn setzte sich in Bewegung. Und hinterließ einen leer gefegten Bahnsteig. Max war verschwunden.

Transfer von Krypto-Währung

Jo begann innerlich zu zittern. Langsam griff er in die Tasche seines Hoodies, um das Prepaid-Handy herauszuziehen. Keine SMS, keine Nachricht von Max. Totale Funkstille. Jo wurde immer unruhiger. Das war so nicht geplant. Seine Augen schauten der S-Bahn hinterher, die in der Ferne verschwand. Bald unsichtbar wie der Raureif auf den Stufen der Eingangstür zum Wohnblock. Seiner alten Heimat. Eine kleine Träne begann ihren Weg über seine bleichen Wangen. Jo zwinkerte kurz und versuchte, das Chaos in seinem Kopf, seine wirren Gedanken zu sammeln. Keine Panik, bloß keine Panik. Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung auf der gegenüberliegenden Seite wahr. Eine Person in Schwarz, einem Schatten gleich, lehnte an der Seitenwand des Bahnhofseingangs. Sie schien zu telefonieren, verbarg ihren Mund hinter der linken Hand. Und spähte immer wieder in die Richtung der abgefahrenen S-Bahn. Sie hatten sie gefunden. Waren sie aufgeflogen? Jo hielt seinen Rucksack nun noch fester in der Hand. Was nun? Abhauen, über die Gleise rennen? Das Quietschen der Bremsen der Regionalbahn beendet jäh seine Gedankenspiele. Türen wurden geöffnet und die Passagiere betraten den Bahnsteig. Jo wartete einen Augenblick, bis sich der Strom der Menschen in Richtung der Waggons umkehrte. Dann ließ er sich zusammen mit den anderen Abreisenden in das Innere des Zuges einsaugen. Mechanisch bewegte er sich zu einem freien Fensterplatz in der zweiten Klasse. Setzte sich, wagte es aber nicht, einen Blick durch das Glas nach draußen zu werfen. Nur nicht auffallen. Die Türen schlossen sich automatisch, doch der Zug setzte sich nicht in Bewegung. Jo schloss seine Augen. Und dachte an die vergangenen Stunden: das Hacken der digitalen Geldbörse, der Transfer von digitaler Kryptowährung auf ein anderes geheimes Online-Konto. Auf das nur er und Max Zugriff hatten. Der Moment, als ihr Türwächterprogramm einen unerlaubten Zugriff von außen anzeigte. Der Moment, als ihnen klar wurde, dass die andere Seite ihre Witterung aufgenommen hatte. Und dabei war, das Tor zu ihrer digitalen Festung mit harten und präzisen Schlägen zu zerstören.

Uwe Dittes über sich

Ich bin in Schwetzingen aufgewachsen und wohne seit mehr als 20 Jahren in Ketsch. Zusammen mit der besten Ehefrau von allen kümmern wir uns um unsere vier Kinder.

Als Leseratte habe ich in der Pandemie das Schmökern von Büchern wiederentdeckt. Die Teilnahme am Schreibwettbewerb ist für mich eine Premiere, auch das Erstellen einer Kurzgeschichte. Für mein Umfeld schreibe ich kleinere Gedichte.

Fünf Minuten nach der geplanten Abfahrt. Dunkelheit umgab Jo. Aus der Ferne hörte er das Zischen der Zugtür, gefolgt von leisem Gemurmel der Zuginsassen. Er öffnete langsam seine Augenlider und betrachtete die Spiegelungen in seinem Zugfenster. Nicht weit von seinem Platz entfernt entdeckte er eine Gestalt in Schwarz, die sich nahe einer der Haltestangen der Mitte des Waggons befand. Gotcha. Ruckartig setzte sich der Zug in Bewegung. Jo glaubte, den Blick der unbekannten Person in seinem Nacken zu spüren.

AdUnit Mobile_Pos4
AdUnit Content_3

Noch zehn Minuten bis Mannheim. Zeit wurde Ewigkeit. Jo schloss wieder seine Augen und wartete darauf, den kräftigen Griff des Schattens an seiner Schulter zu spüren. Spes saepe fallit – die Hoffnung täuscht oder enttäuscht oft. Dieses Zitat aus seiner Schulzeit kam ihm wieder ins Gedächtnis. War alles vergebens? Die ganze Aktion sinnlos? Kein Freifahrtschein zurück in ein Leben, ein besseres Leben? Doch nichts geschah. Die Waggons rumpelten über die Weichen, welche den Zug Richtung Hauptbahnhof lenkten. Meter um Meter näherte sich Jo seinem ersten Haltepunkt. Nun wieder bereit, das weitere Geschehen selbst in die Hand zu nehmen. Der Schatten in seinem Rücken machte immer noch keine Anstalten, sich Jo zu greifen.

15 Minuten Verspätung. Der Zug hielt wie geplant auf Gleis 10. Auf dem Weg nach draußen passierte Jo den unheimlichen Begleiter. Blickte ihn verstohlen von der Seite an, aber er kannte ihn nicht. Hastig stieg Jo die Stufen zur Unterführung herab, immer mit dem mulmigen Gefühl, doch noch erwischt zu werden. Der Duft von warmen Brezeln und muffiger Luft wehte um seine Nase. Jo folgte der Spur der Gerüche bis zur Quelle, dem Innenraum des Bahnhofsgebäudes. Dort angekommen suchte er sich eine Sitzgelegenheit am Rande des Haupteingangs. Nahm seinen Rucksack von der Schulter und öffnete ihn. Zog vorsichtig das kleine Netbook heraus und schaltete es ein. Als er WLAN-Empfang hatte, versuchte er, die Tür zum dunklen Netz zu öffnen.

Wo ist Max?

Es gelang ihm mühelos, Zugang zu ihrem digitalen Geheimversteck zu bekommen. Ihr gemeinsames Fort Alamo. Wo war Max? Immer noch keine Nachricht. Jo drehte sich um, konnte aber inmitten des Gewusels keine bekannten Gesichter erkennen. Nun versuchte Jo, Zugriff auf ihre digitale Beute zu bekommen. Er stockte und hörte auf zu tippen. Nur Max kannte die letzten vier Ziffern des Zugangscodes. Und Max war nicht hier. Verzweifelt klappte Jo das Netbook zu, seine Hände begannen zu zittern. Er merkte, wie sich die Wut aus seinem Herzen auf den Weg nach oben in seinen Verstand ausbreitete. Wollte das Stück Technik auf den Marmorboden der Bahnhofshalle schmettern. Sinnlos, alles so sinnlos. Jo stand auf, packte das Netbook wieder in den Rucksack und machte sich auf den Weg nach draußen. Frische Luft atmen, solange es noch möglich war.

Auf den Bahnhofsvorplatz empfing ihn der strahlend blaue Himmel über der Quadratestadt. Unschlüssig, was nun zu tun sei, bewegte sich Jo in Richtung der Innenstadt. Sein Prepaid-Handy summte plötzlich. Jo zog es eilig aus seiner Tasche und blickte auf das Display. 2142.

Thema : Schreibwettbewerb "Erzähl mir was"

  • Erzähl mir was "Erzähl mir was": Vanessa Palumbo mit „Taktlos“ weit vorn

    Vanessa Palumbo aus Oftersheim hat für ihre Kurzgeschichte „Taktlos“ mit Abstand die meisten Stimmen unserer Leserinnen und Leser gesammelt und damit den von dieser Redaktion organisierten Schreibwettbewerb „Erzähl mir was“ gewonnen“.

    Mehr erfahren
  • Schreibwettbewerb und Podcast "Erzähl mir was" Die Stille ist ein Geschenk

    Franz wartet seit zwei Jahren darauf, dass seine Frau Asali aus dem Koma erwacht. Er sitzt da und denkt nach, über die Welt, das Leben - und wie Asali durch den Autounfall nichts von der Pandemie mitbekommen hat.

    Mehr erfahren
  • Schreibwettbewerb und Podcast "Erzähl mir was" Der Mai ist ein schöner Monat - zum Sterben?

    95 Jahre sind genug – Martha will sterben; aber nicht, ohne sich zu verabschieden, Kleidung auszusuchen und Musiker proben zu lassen. Manchmal hat das Leben aber andere Pläne.

    Mehr erfahren
AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1