„Wir sollten Woodstock nicht feiern, sondern genau studieren“

Die Festivalbilder des US-Fotografen Elliott Landy zeigen viel mehr als nur Musik: die Vision einer besseren Welt. Vom 8. August bis 15. September sind seine Motive als Teil der Karlsruher Schlosslichtspiele zu sehen.

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Kurz vor einem magischen Moment: Joe Cocker wird gleich unter anderem mit „With A Little Help From My Friends“ Rockgeschichte schreiben. Seine Band und die gigantische Menschenmasse beim Woodstock-Festival warten auf den Briten. © Elliott Landy

Elliott Landy war nicht nur dabei, sondern mittendrin: Auf, hinter und vor der Bühne des Woodstock-Festivals ab 15. August 1969. Der Fotograf schoss dabei nicht nur Musikbilder für die Ewigkeit, sondern auch beeindruckende Publikumsaufnahmen. Auch von regelrecht intimen Momenten, herausgepickt aus der bis dahin unvorstellbaren Masse von Menschen auf dem Land des Milchbauern Max Yasgur. Schätzungen gehen bis zu einer halben Million Zuschauer; da die Zäune und Einlasskontrollen vor dem Ansturm kapitulierten, gibt es keine genauen Zahlen.

Chronist der Gegenkultur

  • Elliott Landy, Jahrgang 1942, ist einer der ersten Rockfotografen, deren Arbeit als Kunst bewertet wurde. Nach dem Studium in New York fotografierte er für Underground-Magazine und Zeitungen Demos der Bürgerrechtsbewegung sowie Helden der Rock-Gegenkultur.
  • Der Magnum-Fotograf fing ikonische Motive von Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison oder Bob Dylan ein. Letzteren begleitete Landy intensiv, als er 1969 mit den Musikern von The Band in einer Künstlerkolonie in Woodstock (US-Bundesstaat New York) lebte. Auch den Geist des gleichnamigen Festivals vom 15. bis 18. August 1969 im nahegelegenen Bethel hielt der Fotograf und Autor in bewegenden Bildern fest.
  • Landys Fotos sind vom 8. August bis 15. September im Rahmen der Schlosslichtspiele Karlsruhe („The Evolution Of Love“) zu sehen. Dort werden sie ab 23.10 Uhr für zehn bis 15 Minuten als Teil des Lichtspiele-Programms kunstvoll auf das Schloss projiziert (Zeitplan: www.schlosslichtspiele.info). 115 Landy-Motive sind in den Schaufenstern der Innenstadt präsent.
  • Die Wanderausstellung „50 Years Woodstock. The Exhibition“ wird noch bis 2. September im Papenburger Zeitspeicher und vom 16. August bis 30. September in der Kirche St. Egidien in Nürnberg gezeigt (www.woodstock-exhibition.com).
  • Dazu erscheint das Buch „Woodstock Vision“. Zweitausendeins. 224 Seiten, 300 Fotos.. 29,90 Euro. 
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Zum 50. Jubiläum von Woodstock hat Landy eine Wanderausstellung auf den Weg gebracht, die zurzeit in Papenburg und ab 16. August in Nürnberg gezeigt wird. Als zentraler Teil der Schlosslichtspiele in Karlsruhe sind die Motive ab 8. August in einem Programm mit spektakulären abendlichen Projektionen auf der historischen Architektur zu sehen – und in Schaufenstern in der Innenstadt. Die Botschaft des legendären Festivals, die Landys Leben bis heute prägt, hat er in dem Buch „Woodstock Vision“ in einem spannenden Text und mit Hilfe von 300 Fotos aufgearbeitet. Er erläutert sie in diesem Interview.

Mister Landy, der 50. Jahrestag des Woodstock-Festivals steht bevor. Sind ihre Erinnerungen an die legendären dreieinhalb Tage so scharf wie Ihre Fotografien?

Elliott Landy (lacht): Genau genommen fotografiere ich gar nicht gern scharf.

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Die Frage stellt sich, weil seinerzeit ja nicht nur Mineralwasser und gute Landluft konsumiert wurden.

Landy: Das stimmt. Aber wissen Sie: Ich bin aus anderen Gründen nicht sicher, was meine Erinnerungen angeht. Denn die werden extrem von meinen Bildern definiert, mit denen ich mich seit Jahrzehnten immer wieder beschäftige. Trotzdem erinnere ich mich sehr genau an bestimmte Momente.

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Was waren für Sie persönlich die musikalischen Glanzlichter?

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Landy: Vor allem Janis Joplins Auftritt fand ich fabelhaft. Obwohl sie selbst und ihr Management ihn nicht so sehr mochten. Joe Cocker natürlich, Richie Havens ganz am Anfang vor dieser gigantischen Menge, Ten Years After waren großartig. Auf den Platten zum Festival gibt es noch weitere fantastische Aufnahmen. Die habe ich vor Ort teilweise nicht mitbekommen, weil ich auch viel auf dem riesigen Gelände unterwegs war, um das Publikum zu fotografieren.

Und die visuellen Höhepunkte?

Landy: Die sehen Sie auf den Fotos, die ich gemacht habe (lacht).

Das sind sehr, sehr viele – 300 Fotografien allein in ihrem in Deutschland neu erschienen Buch „Woodstock Vision“. Darunter gibt es keine persönlichen Favoriten?

Landy: Ich spreche immer wieder gern über ein Bild aus dem Publikum. Im Zentrum sitzt eine junge Frau mit blonden Haaren, die einen blauen Luftballon festhält und offensichtlich ziemlich bekifft ist. Sie verkörpert für mich exakt die Generation der 1960er Jahre. Sie ist zwar knapp bekleidet, aber das wirkt nicht sexuell, sondern sensuell. Sie präsentiert ihre Schönheit und ihren Körper nicht bewusst, damit Leute sie anschauen, sondern ist ganz natürlich – ein menschliches Wesen. Die Menschen um sie herum, sind ihr zwar extrem nah. Aber jeder macht sein eigenes Ding. „Do your own thing“, war ja auch eine Parole der Sixties. Nach dem Motto: Werde dir bewusst, wer du bist, und lebe dein Leben so, wie es gut für dich und die Qualität deiner Erfahrungen ist. Genau das sieht man auf diesem Bild. Auch, dass es im Leben darum geht, das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Und zu akzeptieren, dass es Wandel gibt und nicht alle Erwartungen erfüllt werden.

Noch mehr als die Musik wird Woodstock bis heute gefeiert für seine utopische Botschaft um Liebe und Frieden als Verkörperung der Ideale einer Hippie- Gegenkultur. Vertreten sie diese Sicht- weise – oder war es am Ende nicht doch nur ein Musik-Event am Rande einer Katastrophe mit zu vielen Menschen, zu viel Schlamm und zu wenig Toiletten?

Landy: Nein, ich stehe voll zu der ersten Position (lacht). In Woodstock hat sich echte Spiritualität in menschlicher Erfahrung manifestiert. Das war wirklich ein utopischer Moment. Etwas, dass meiner Meinung nach alle Religionen anzustreben versuchen: Harmonie, Frieden und Liebe zwischen allen. Das Festival ist ein Beispiel, wo das zur greifbaren Realität wurde. Deshalb sollten wir Woodstock auch nicht alle paar Jahre feiern, sondern genau studieren. Wir müssen die Teilnehmer fragen, warum sie sich so friedlich und solidarisch verhalten haben, und nicht aggressiv geworden sind – obwohl die Organisation nicht funktionierte und es zuletzt sogar den Anschein hatte, dass es nicht genug zu Essen und Trinken geben würde. Das Bewusstsein, das dabei herrschte, die Denkweise der Hippies beim Woodstock-Festival, sollten wir genau analysieren. Sie verkörpert eine Vision.

Mit dem Ziel, die Menschheit besser zu machen?

Landy: Wir führen Kriege, weil Menschen denken wie sie denken. Nämlich, dass wir unterschiedlich sind, weil jemand zum Beispiel eine andere Hautfarbe hat, eine andere Sprache spricht oder wir Öl brauchen.

Zurzeit erleben wir aber das Gegenteil dieser Vision. Viele Leute stehen hinter den Donald Trumps und Boris Johnsons, die die liberalen Fortschritte der Generation Woodstock oder hierzulande der 1968er wieder zurückdrehen. Verzweifeln Sie als Zeitzeuge daran?

Landy: Nein. Wir dürfen das nicht nur durch die Brille der Medien oder auf der politischen Ebene betrachten. Nehmen Sie das normale Alltagsleben: Da sind die Fortschritte enorm – von Gleichberechtigung auf vielen Ebenen über das Bewusstsein für Umwelt- oder Tierschutz bis zur Verbreitung von spirituellen Dingen wie Yoga und Meditation, die den Einzelnen weiterbringen. So etwas hört man nicht in den Medien. Wir können uns immer noch sehr glücklich schätzen, in westlichen Gesellschaften zu leben.

Warum wählen die Menschen Politiker wie Trump, den Ungarn Viktor Orbán oder den Brasilianer Jair Bolsonaro?

Landy: Weil es immer noch ein Bildungsproblem gibt. Und viele sind nicht bereit, unaufhaltsame Veränderungen zu akzeptieren: Als Hillary Clinton im Wahlkampf Alternativen zum Kohleabbau aufgezeigt hat, haben sie die Bergarbeiter nicht gewählt, weil sie an ihren Jobs hängen – obwohl viele von ihnen an den gesundheitlichen Folgen ihrer Arbeit sterben.

Der damalige Woodstock-Mitveranstalter Michael Lang hat die große Neuauflage zum 50. Jubiläum gerade abgesagt. Eine nennenswerte gab es eigentlich nur 1994. Machen solche Projekte für Sie Sinn – oder wären sie heute sogar notwendig?

Landy: Das weiß ich nicht. Aber das ist so, als ob man einen neuen Jesus herbeiwünscht. Woodstock war ein einmaliger Moment der Menschheitsgeschichte, in dem diese Generation sich darauf fokussiert hat, die Welt ein wenig zu verbessern. Aber das Ziel sollte schon ein neues Woodstock sein.

Das Interview wurde telefonisch geführt. Elliott Landy wünschte keine Autorisierung.