Künstler in Quarantäne - Madelein Sauveur und Partner Clemens Maria Kitschen sehen zwar auch Vorteile in der Zwangspause, Existenzfragen stellen sich aber trotzdem „Wir sind völlig ausgebremst“

Von 
Waltraud Kirsch-Mayer
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Hausbesuch bei den Musikkabarettisten Madeleine Sauveur und Clemens Maria Kitschen. © Manfred Rinderspacher

„Ausverkauft!“ prangt in Großbuchstaben hinter fast allen Aufführungsterminen des neuen Kabarettprogramms der Mannheimer Chansonsängerin Madeleine Sauveur und des Pianisten Clemens Maria Kitschen – aber nur bis Mitte März. Danach springen auf dem Gastspielplan einige dicke „Verschoben!“ ins Auge. Von wegen „Lassen Sie mich durch – ich bin Oma“ (so der Programmtitel). Corona erweist sich als undurchlässige Bühnenblockade. „Irrsinnig schade. Wir sind völlig ausgebremst“, schildert Madeleine Sauveur die Situation. Dabei hat das Jahr 2020 mit einer gefeierten Premiere begonnen. Dass die Pandemie alles verändern würde, spürten die Chansonnette und der Musiker bereits bei ihrem Zusatzgastspiel im Mannheimer Schatzkistl. Obwohl schon Wochen vorher sämtliche Karten weg waren, blieben am 13. März – als noch Veranstaltungen unter 1000 Besuchern erlaubt waren – viele Plätze leer. „Die Leute sind wohl aus Unsicherheit nicht mehr gekommen“, glaubt Sauveur.

Seit zwei Jahrzehnten ein Duo

  • Madeleine Sauveur (Jahrgang 1960) stammt aus Braunschweig, hat Germanistik und Politik studiert, entschied sich aber gegen den Lehrer-beruf. Der Traum von der Operndiva hat sich nach der Gesangsausbildung zwar nicht erfüllt, aber dafür machte die Wahl-Mannheimerin als Chansonnette und Kabarettistin Karriere – seit 1992 mit eigenen Programmen.
  • Clemens Maria Kitschen (Jahrgang 1964) kommt aus dem nordrhein-westfälischen Viersen, absolvierte in Frankfurt ein Musikstudium mit Zusatzausbildung in Jazz und Popular-musik. Er war europaweit mit ver-schiedenen musikalischen Besetz-ungen auf Tournee. 2017 gab er Kompositionen für den Klavier-unterricht heraus. Titel: „Spiel mir das Lied vom Blatt“. Seit gut zwei Jahr-zehnten begleitet der Mann mit Lockenkopf und Bart seine Bühnen-partnerin nicht nur am Piano. wam

Möglichkeiten im Internet

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Die Hoffnung, dass für den Mai terminierte Tournee-Gastspiele stattfinden können, ist längst verflogen. Mittlerweile hoffen die beiden, dass wenigstens ab September Auftritte möglich sind. „Existenzängste haben nicht nur Kollegen, die auf der Bühne stehen“, weiß Sauveur. „Schließlich haben auch Autoren, Regisseure, Techniker und all die anderen unserer Branche keine Aufträge mehr.“ Ja, das Internet biete wunderbare Möglichkeiten trotzdem Kultur ans Publikum zu bringen und sich auszutauschen, „aber sie ersetzen keinen Live-Abend“.

Clemens Maria Kitschen ist „sehr glücklich“ nach anfänglicher Pause weiter als Klavierlehrer unterrichten zu können – per Zoom, eigentlich ein System zum Abhalten von Webkonferenzen. „Alle meine Schüler und deren Eltern waren dazu bereit und machen toll mit“ , berichtet er erleichtert. Die erste Woche sei allerdings „total stressig“ gewesen – weil es mit der virtuellen Verbindung nicht immer sofort geklappt hat.

Kitschen staunt über so manch neue Erfahrung: „Üblicherweise sitze ich am Klavier neben den Kindern und Jugendlichen – nehme deshalb vor allem deren Profil wahr. Jetzt schaue er ihnen direkt ins Gesicht.“ Und das sei ziemlich ungewohnt. „Ich entdecke so manch eine Familienähnlichkeit, die mir vorher nicht aufgefallen ist.“ Natürlich fordere die neue Unterrichtsform mit digitalem Notenblatt mächtig heraus, aber sie eröffne auch zukunftsträchtiges Neuland. Kitschen kann sich vorstellen, auch nach Corona virtuelle Möglichkeiten für besondere Situationen zu nutzen – wenn beispielsweise ein Schüler nach dem Abi in eine andere Stadt zieht und den Kontakt zum Musiklehrer aufrecht erhalten möchte.

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Das Künstler-Paar hat sich vorgenommen, erst mal das Beste aus der Situation zu machen. Die von Corona verordnete Zwangspause bringe schließlich auch Vorteile, sinniert Madeleine Sauveur. Beispielsweise habe sie endlich Zeit zum Bücherlesen und Schreiben, für lange Telefonate mit Freunden, Verwandten und natürlich mit den Enkeln. Und Clemens Maria Kitschen will sein Ein-Mann-Orchester, das er auf der Bühne mit Händen, Füßen und Mund betreibt, bereichern: mit Bandoneon-Spiel. Seit zwei Jahren beschäftigt er sich mit dem Handzuginstrument, das nur wenige beherrschen. „Jetzt habe ich dafür mehr Ruhe.“

Gute Vorsätze hin, Entschleunigung her – so ganz lässt sich die beunruhigende „Wie geht es weiter?“ -Frage nicht aus dem Kopf verdrängen. Ohnehin steht für beide fest, dass sie ihr neues Programm in einigen Teilen so ummodeln beziehungsweise ergänzen müssen, dass sich darin die für alle einzigartige Ausnahmesituation spiegelt. „Schließlich sind gerade Großeltern betroffen.“ Sauveur erzählt, dass auch sie angesichts der Schutzempfehlungen derzeit auf Besuche bei den Enkeln verzichtet. Auch wenn sich bei den Bühnen wieder der Vorhang öffnet, so sind beide überzeugt, „wird die Situation eine andere als vor Corona sein“. Und ob die Menschen „danach“ in wirtschaftlich gebeutelte Kulturstätten strömen, bleibe abzuwarten. Allen Bedenken zum Trotz sind Sauveur und Kitschen erst mal zuversichtlich. Und eines ist für sie klar: In Krisenzeiten wie jetzt ist Humor besonders wichtig – und nicht nur weil dieser das Markenzeichen ihrer Bühnenprogramme ist.

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