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Schreibwettbewerb und Podcast "Erzähl mir was"

Wie ein deutscher Wehrmachtssoldat einem französischen Mädchen das Leben rettete

Von 
Gisela Bentz-Gargadennec
Lesedauer: 
© dpa

Audierne. Von Gisela Bentz-Gargadennec

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Es geschieht im Jahr 1940 in Audierne, einer Hafenstadt in der Bretagne, dem westlichsten Zipfel von Frankreich. Rennes ist am 18. Juni 1940 in deutsche Hände gefallen und nur einen Tag später die Truppen in Brest. Damit ist die Besetzung der Bretagne fast kampflos erfolgt. In Audierne befindet sich ein Internierungslager der Deutschen, und täglich kommen Bedienstete des Lagers, aber auch Ärzte und Pfleger der Krankenstation am Haus der kleinen Paule vorbei, die hier mit ihren Eltern und Geschwistern, dem älteren Gérard und dem jüngeren Henri, wohnt. Vom Haus, nur durch eine Straße vom Hafen getrennt, hat man einen wunderschönen Blick auf das raue Meer mit dem größten Gezeitenwechsel der Erde. Im Erdgeschoß des Hauses befindet sich ein Ladengeschäft. Die Familie war geschäftstüchtig und hat es zu Wohlstand gebracht. Ursprünglich waren die Gargadennecs Metzger gewesen. Die Großeltern besaßen fünf Häuser, in einem davon befindet sich immer noch eine Metzgerei, in einem anderen ein Restaurant, ein Café und ein Lebensmittelgeschäft. Im ersten Obergeschoß haben die Großeltern gelebt. Sie sind beide gestorben, und Paule vermisst vor allem den Großvater, der das quirlige Kind gerne überall mit hinnahm. Ein Stockwerk höher wohnt noch die Schwester des Großvaters. Es ist ein herrschaftliches Haus mit Marmorkaminen, Marmorfliesen und wertvollen Perserteppichen auf den Böden. Üppige Wandteppiche schmücken den Salon, während die Bediensteten in eher kleinen Mansarden unter dem Dach wohnen. Paules Vater, Guillaume, ist dem Widerstand, der Résistance, beigetreten, weil er nicht akzeptieren kann, dass sein Land zum wiederholten Male von den Deutschen überfallen worden ist.

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Eines Abends befindet sich die lebhafte Paule, sieben Jahre alt, in der Küche und möchte die Eltern mit frisch gebrühtem Tee überraschen. Auf dem Herd steht, wie üblich, der Wasserkessel mit kochendem Wasser und Paule zieht ihn nach vorne, um das Wasser in die Teekanne zu schütten, aber die heiße Kanne entgleitet ihr und das kochende Wasser ergießt sich über ihre Beine. Ein gellender Schrei durchbricht die Stille und Paules Eltern stürzen herbei. Voller Entsetzen sieht die Mutter, Germaine, was geschehen ist und nimmt das schreiende Kind in die Arme. Sie starrt auf die Beinchen ihrer Tochter, die in leinenen Strumpfhosen stecken. Der Vater versucht, ihr die Strumpfhose auszuziehen, aber die Haut bleibt daran kleben. Beide starren voller Entsetzen auf das rohe Fleisch der verbrannten Beine ihrer kleinen Tochter. „Gib sie mir“, fleht Guillaume lauthals, um die Schmerzensschreie der kleinen Paule zu übertönen: „Ich bringe sie zu François.“ Germaine übergibt ihrem Mann zitternd das schreiende Kind. Während Guillaume aus dem Haus stürmt, holt Germaine noch ein frisch gewaschenes Leinentuch aus dem Schrank, rennt hinter ihm her und deckt die Wunden damit ab. Guillaume rennt, so schnell er kann, zum Haus des Arztes und Freundes François Tanguy und klingelt an dessen Tür Sturm. Paule wimmert inzwischen nur noch, und es dauert eine ganze Weile, für Guillaume eine gefühlte Ewigkeit, bis sein Freund François die Tür öffnet und er ihm sagen kann, was passiert ist. Er trägt das kleine, wimmernde Bündel Mensch in die Praxis und legt es auf die Behandlungsliege. An François‘ Gesicht kann er den Ernst der Lage ablesen. Dieser gibt der kleinen Paule Schmerzmittel und verbindet die Brandwunden, die große Teile der Schienbeine umfassen. „Mehr kann ich im Moment nicht machen“, sagt François und legt dem Freund den Arm auf die Schulter. „Ich schaue morgen früh vor Praxisbeginn bei Euch vorbei“. Damit entlässt er Guillaume Gargadennec und sein fast regungslos sedimentiertes Kind. François erscheint an den folgenden Tagen morgens und abends, erneuert die Verbände und versucht, Trost zu spenden, aber die Wunden entzünden sich von Tag zu Tag stärker. Paule hat inzwischen hohes Fieber, und François muss seinem Freund schweren Herzens mitteilen, dass Paules Wunden so stark infiziert sind, dass sie es so wahrscheinlich nicht überleben werde. Es bliebe nur die Amputation beider Beine als mögliche Rettung. Guillaume schießen die Tränen in die Augen, er ringt um Fassung, ein Mann, der viel gesehen hat im Leben, aber das haut ihn um.



Wie ein Dieb durch die Hintertür

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Voller Verzweiflung, es ist ein wundervoller Tag, die untergehende Sonne spiegelt sich im Meer und glänzt geheimnisvoll, entscheidet Guillaume, dass seine kleine Tochter Paule diesen Zauber noch einmal erleben soll. Er packt sie behutsam in eine Wolldecke und legt sie vorsichtig auf eine Chaiselongue vor das Haus und setzt sich, ihr Händchen haltend, neben sie. Er bemerkt nicht, wie sich eine Person nähert. Erst, als diese ihn anspricht, wird er aus seiner Erstarrung und seinem Schmerz gerissen und hebt erschrocken den gesenkten Kopf. „Was ist mit dem Kind?“ fragt eine männliche Stimme auf Französisch mit unverkennbar hartem, deutschem Akzent. Guillaume antwortet mechanisch: „Sie hat sich die Beine verbrannt, kochendes Wasser darüber geschüttet. Die Wunden sind infiziert, es gibt keine Rettung mehr außer, vielleicht“, er stockt, „man amputiert ihr die Beine.“ „Ich bin Arzt“, stellt sich der fremde Mann vor: „Gestatten, Dr. Werner Schmidt, ich sehe, wie es um Ihre Tochter steht, aber vielleicht kann ich ihr helfen. Lassen Sie es mich versuchen, bitte“. Er macht eine kleine Pause: „Ich komme nach Einbruch der Dunkelheit mit Medikamenten wieder. Wo soll ich klopfen?“ „Gehen Sie rechts um das Haus, dort ist der Hintereingang“. „Gut, gegen elf werde ich da sein“. So wie der Mann aus dem Nichts aufgetaucht ist, verschwindet er auch wieder, und Guillaume fragt sich, ob er auch schon phantasiert wie seine kleine, fiebernde Tochter. Als er es seiner Frau erzählt, wird ihm klar, dass ihm gerade der Besatzer Frankreichs, der Feind, angeboten hat, das Leben seiner Tochter retten zu wollen. Kann er das überhaupt annehmen, er ist in der Résistance? Seine Frau entscheidet in resolutem Ton, der keinen Widerspruch duldet: „Wenn er kommt, was ich nicht glaube, werde ich ihm die Tür öffnen und ihn versuchen lassen, Paule zu retten. Wir haben nichts zu verlieren.“

Die Autorin über sich

  • Ich bin 1960 in Ludwigshafen geboren, lebe in Lorsch und bin Heilpraktikerin mit eigener Praxis.
  • Aus meiner Ehe mit Dominique Gargadennec, von dessen Familie die Geschichte erzählt, habe ich einen Sohn und mit meinem Lebensgefährten eine Tochter.
  • Vor zehn Jahren habe ich einen Schreiblehrgang absolviert und hoffe, nach Beendigung meiner Berufstätigkeit vielleicht ein Buch zu schreiben. 

Kurz vor elf klopft es mit deutscher Pünktlichkeit an der Hintertür, und davor steht ein groß gewachsener, blonder Mann mit einem grauen Umhang und einer Tasche in der Hand. Germaine bittet ihn herein und führt ihn zu Paule. Er redet nichts, untersucht das Mädchen, packt eine Infusion aus seinem Koffer und legt sie mit dem Einverständnis der Eltern der kleinen Paule in die Vene. Dann öffnet er die Verbände an ihren Beinen, streut ein Puder auf die faulig riechenden Wunden und verbindet sie erneut. Es sei ein neu entwickeltes Medikament, Penizillin, hochwirksam gegen Infektionen, es könne Leben retten, wo vorher keine Hoffnung war, erklärt dieser mysteriöse Dr. Schmidt den erstaunten Eltern. Er habe selbst eine Tochter in Paules Alter, fügt er hinzu, wie um zu erklären, warum er es nicht übers Herz brachte, an dem totkranken Kind des Feindes vorüber zu gehen

Dr. Schmidt erscheint jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit, wie ein Dieb durch die Hintertür, und behandelt die kleine Paule, deren Zustand sich von Tag zu Tag mehr stabilisiert. Am zweiten Abend geben die Gargadennecs dem hilfsbereiten Arzt eine Flasche besten Rotweins mit. Am nächsten Tag trinken sie nach getaner Arbeit den Wein mit ihm zusammen und reichen ihm französische Spezialitäten. Als klar ist, dass Paule es schaffen wird und ihre Beine gerettet sind, bereiteten Sie Werner Schmidt als Dank ein üppiges, bretonisches Mahl mit Austern, Meerestieren aller Art sowie Galettes und bretonischem Kuchen. Eine Bezahlung anderer Art will dieser deutsche Arzt nicht annehmen, das Leben der kleinen Paule sei ihm Lohn genug. Solange er in Audierne stationiert ist, sieht man ihn öfters des Nachts im Hause der Gargadennecs einkehren und nach zwei, drei Stunden das Anwesen wieder verlassen.

Gutes Verhältnis zu Deutschland

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Die kleine Paule ist heute 89 Jahre alt und hat mir mit großer Freude gestattet, ihre Geschichte zu erzählen. Sie ist die Cousine meines vor 30 Jahren verstorbenen, französischen Ehemannes Dominique J.M. Gargadennec. Ich besuche Paule seit vielen Jahren regelmäßig und sie nennt mich „ihre Cousine aus Deutschland“. Sie hat mir ihre vernarbten Beine gezeigt, die ihr ein Leben lang Schmerzen verursachten, aber sie durfte, dank eines Arztes, dem Menschlichkeit in Zeiten eines mörderischen Krieges wichtiger waren als der Hass, mit ihren Beinen weiterleben. Und obwohl Paule noch fünf weitere Jahre Krieg erlebt hat und heute unweit der Gedenkstätte von Oradur-sur-Glane wohnt, in der die Waffen-SS in einer Nacht ein ganzes Dorf niedermetzelte, hat sie ihre Liebe zu Deutschland und den Deutschen nie verloren und immer gepflegt. Und ich hoffe so sehr, dass ich Paule bald wiedersehen werde nach der Zwangsunterbrechung durch die Coronapandemie und den Zeiten der Lockdowns, denn allzu viel Zeit bleibt uns wegen ihres hohen Alters wohl nicht mehr.

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