Wie das NTM während Corona neue Mitglieder besetzt

Von 
Hans-Günter Fischer
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Mannheim. Thomas Hermann war „das Ohr des Intendanten“. Schon in seiner Zeit am Passauer Theater diente er als Ratgeber in Sachen Sängerauswahl. Dabei saß er lange Jahre im Orchestergraben, als Flötist. Das sei aber „die ideale Stimmschule“ gewesen, sagt er dieser Redaktion am Telefon: Im Graben lenke keine bunte, turbulente Inszenierung von der musikalischen Performance ab, der eigenen wie der der Sängerinnen oder Sänger oben auf der Bühne. Davon profitiere er noch heute, wenn er mit seinen Kollegen in gewissen Abständen ein Vorsingen veranstalte.

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„Direktor für den musikalischen Bereich“ ist Thomas Hermann mittlerweile, und er arbeitet nicht mehr in Passau: Seit 2020 füllt er eine Leitungsposition im Nationaltheater Mannheim aus. Ein Vorsingen findet normalerweise mindestens einmal im Monat statt, meistens auf Einladung, oft gibt es bei der Vorauswahl Empfehlungen von Künstleragenturen. In der Regel sind vier Sängerinnen oder Sänger in den Sessions anwesend, sie tragen jeweils ungefähr vier Arien vor. Auf Nationaltheater-Seite trifft man, falls das Zeitfenster es zulässt, auf den Intendanten Albrecht Puhlmann, manchmal sogar auf den Generalmusikdirektor Alexander Soddy - und fast immer auf den Studienleiter Gábor Bartinai. Auf Thomas Hermann ohnehin.

Martiniana Antonie © Purdila

530 Bewerbungsvideos sichten

Zurzeit trifft man jedoch auf niemanden. Wegen Corona ruhen alle Proben, alle Vorsing-Sessions. Auch das Nachwuchsforum Opernstudio kann vorerst noch nicht besetzt werden, aber der Andrang der Bewerberinnen und Bewerber ist gleichwohl enorm: 530 haben ihre (Video-)Unterlagen eingereicht, sie kamen aus der ganzen Welt, von Deutschland bis Australien. Da war sogar Thomas Hermann leicht verblüfft, der außerdem mit einer „Unwucht“ hinsichtlich der Stimmlagen zu kämpfen hatte - weil allein 230 Sopranistinnen ins Opernstudio drängten.

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Das Procedere wurde für Hermann und seine Kolleginnen und Kollegen recht arbeitsaufwändig: „530 Mal jeweils drei Videos anschauen!“, stöhnt er noch heute. Videos, die bereits aufnahmetechnisch ein sehr unterschiedliches Niveau besäßen und „in völlig unterschiedlichen Locations“ aufgenommen worden seien. In die Endausscheidung kamen letztlich 77 Sängerinnen (unter ihnen 34 Sopranistinnen) und Sänger. Sie ist derzeit noch für Ende März geplant, aber es kann in dieser Seuchen-Zeit auch Mai werden. In jedem Fall wird sie vor Ort im Nationaltheater stattfinden, das „analoge“ Vorsingen ist unentbehrlich und kann nicht ins Homeoffice verlegt werden.

Nur so erkenne man, wie weit die Stimme wirklich trage und wie es um Auftreten, Erscheinung, Charisma oder den Umgang mit dem anfangs gänzlich unbekannten Pianisten stehe, der das Vorsingen begleite, weiht uns Hermann ein. Es gehe um ein überzeugendes „Gesamtpaket“, um das Erahnen des Entwicklungspotenzials von jungen Sängerinnen oder Sängern. „Hören, was man nicht hört“, müsse man, ein Casting-Komitee trage Verantwortung und fälle manchmal harte Urteile. Etwa, wenn einer 30-Jährigen bedeutet werden müsse, dass die langen Hochschulstudien wohl umsonst gewesen seien und es für ein Profi-Engagement nicht reichen werde.

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Martiniana Antonie ist 26 und hat es geschafft, zumindest in das derzeit aktuelle Nationaltheater-Opernstudio, dessen Mitglieder 2018 engagiert wurden. Die Mezzosopranistin kennt das alte Spiel vom Casten und Gecastet-Werden von der Gegenseite. Und es fängt jetzt wieder an, nach den drei Studio-Jahren braucht sie neue Engagements. Vorsing-Termine aufzutun, sei schwer, erklärt sie, die könne man nicht einfach googeln. Was ihr derzeit mit am meisten fehlt, ist eine Agentur: „Du existierst als Künstlerin sonst gar nicht.“

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Die Lunge als nolralgischer Punkt

Fragt man sich in Zeiten von Corona, ob man denn überhaupt den richtigen Beruf ergriffen hat? Natürlich, sagt sie, aber ein Berufsleben ohne Musik kann sie sich auch nicht vorstellen. Corona sei im Übrigen auch körperlich eine Gefahr: „Wenn ich infiziert wäre, was wäre dann mit meiner Lunge?“

Ein Kollege aus Italien, der an Covid-19 laborierte, habe ihr berichtet, dass er seither mit der Atemstütze kämpfe. Manchen geht in diesen Wochen buchstäblich die Luft aus. Martiniana Antonie hatte bislang „nur“ künstlerisches Pech: Wegen Corona schrammte sie am Nationaltheater an zwei Renommier-Rollen vorbei, die sie auf großer Bühne hätte singen dürfen: Cherubino aus dem Mozart-„Figaro“ und Hänsel aus der populären Märchenoper Humperdincks („Hänsel und Gretel“). Doch das war ja Pech genug.

  • Thomas Hermann sang in seiner Wiener Studien-Zeit im ORF- und Arnold Schoenberg Chor. Aber sein Hauptfach war das Flötenspiel, von 1994 bis 2014 war er als Flötist der Niederbayerischen Philharmonie beschäftigt. Seit 2007 war Hermann Opern-Referent und Disponent in Passau, dann ging er ans Staatstheater Nürnberg. Seit der aktuellen Spielzeit ist er „Direktor für den musikalischen Bereich“ im Nationaltheater.
  • Martiniana Antonie stammt aus Rumänien und hat in Bukarest studiert. 2018 wurde sie fürs Nationaltheater-Opernstudio engagiert. Mit einer Produktion, die vom Rossini-Festival in Pesaro/Italien stammt, wird sie im frühen Herbst im Oman gastieren. Vorerst ist noch ungewiss, wie es danach beruflich weitergeht.
  • Das Opernstudio ist das NTM-Nachwuchsforum. Neben Unterricht erhalten die vier Auserwählten kleinere bis mittelgroße Rollen auf der Bühne. Eine „Brücke zwischen Studium und Beruf“ sieht Hermann. Unter Claudia Plaßwich und Naomi Schmidt bietet das Opernstudio demnächst wieder eine Eigenproduktion: „Isolation“, ein szenischer Lieder- und Arienabend zu Corona, soll als Online-Miniserie laufen. Antonie singt mit.