Stimmen - Jagoda Marinic kritisiert das Nobelpreiskomitee scharf und sieht Fragen nach Schuld und Aufarbeitung ignoriert – andere aber loben Peter Handke „Werk und Autor dürfen nicht dem Bösen dienen“

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Kritisiert das Stockholmer Komitee: Jagoda Marinic. © Dorothee Piroelle

Der Literatur-Nobelpreis an Peter Handke beschäftigt auch Intellektuelle in der Region. Eine scharfe Kritikerin der Stockholmer Wahl ist die Heidelberger Autorin Jagoda Marinic, gut finden sie Autor Patrick Roth und Germanist Jochen Hörisch.

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Jagoda Marinic (Schriftstellerin)

„Das Nobelpreiskomitee sollte und wollte sich in einem Jahr Pause aus dem Schlamm ziehen und neu aufstellen. Nun überrascht Stockholm mit einem alten Schlamassel. Bei all den großartigen Schriftstellenden fällt ihnen als Preisträger ausgerechnet einer der umstrittensten ein. Einer, der sich nicht von Nationalismus zu distanzieren weiß. Ja, man kann sich als Komitee nach den Sexismus-Debatten in die nächste Krise stürzen, indem man die Frage stellt, ob ein Werk nobelpreiswürdig ist, wenn der Autor moralisch fehlbar ist. Doch nicht nur der nun bepreiste Autor ist moralisch fehlbar, auch Teile seines Werks sind es.

Das Komitee wischt existenzielle Fragen von Kriegsverbrechen, den Umgang mit Schuld und Aufarbeitung – gerade in der Literatur – einfach weg. Auch in seiner Literatur relativiert Handke Massaker, verhöhnt muslimische Opfer in Bosnien. Man mag die poetische Handschrift seiner eigensinnigen Texte schätzen oder lieben. Man mag sich gerne mit ihm zur poetischen Fahrt in den Einbaum gesellen. Aber die Welt hat derzeit mehr Fragen, als Handkes Texte auch nur annähernd stellen oder gar beantworten. Die Liste der Geehrten führt Künstler auf, die wie Herta Müller mit einem unbeirrbaren inneren Kompass jenseits ihres Werkes für Humanität standen. Und in ihren Werken erst recht. Ja, das Werk soll mit dem Bösen umgehen, aber ihm nicht dienen. Erst recht nicht der Autor. Aus meiner Sicht darf sich das Nobel-Komitee gerne noch mal ein Jahr Pause nehmen und sich geistig erneuern. Vielleicht kommt es nach der zweiten Pause mit frischem Blick und zwei Frauen zurück. Und trifft Entscheidungen, die zeigen, dass Literatur unverzichtbar ist in Zeiten, in denen um Humanität gerungen werden muss.“

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Jochen Hörisch (Emeritierter Germanistikprofessor)

„Es ist ein Preis für qualitativ hochwertige Literatur. Das poetische Werk Handkes ist unglaublich gut – mit großer Streubreite, aber Werke wie „Wunschloses Unglück“, „Niemandsbucht“ oder „Das Gewicht der Welt“ sind zum Niederknien gut. Das ist die vollkommen richtige Entscheidung. Der Nobelpreis ist keiner für politische Korrektheit oder Integrität. Man kann das prosaisch auch mit Richard Wagner illustrieren. Wagner war ein unerträglicher Antisemit, „Tristan und Isolde“ aber ein unglaublich gutes Werk. Ich würde so weit gehen und da den Vergleich machen und sagen: Ich schüttle den Kopf über die eine oder andere politische Äußerung von Handke, ich falle auf die Knie und gratuliere Stockholm für diese sehr gute und überzeugende Entscheidung.“

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Patrick Roth (Schriftsteller)

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„Ich freue mich sehr, dass mit dem Nobelpreis an Peter Handke ein Schriftsteller geehrt wird, der die Bildermacht des Traums anerkennt; und mit Olga Tokarczuk eine Autorin, die auf die Erforschung der Seele durch C.G. Jung und den numinosen Sinn hinweist, den die Bilder unserer Psyche transportieren. Beide arbeiten damit an der höchsten Aufgabe des Künstlers.“ tog/dms

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken. Im Zentrum seines Interesses stehen vor allem auch die politische und kulturpolitische Berichterstattung. Davor, seit 2000, war Dettlinger Musikredakteur in der Kulturredaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Dettlinger ist von Haus aus Musiker. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin am musikwissenschaftlichen Institut bei Hermann Danuser und Wolfgang Auhagen sowie dank eines Jahresstipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris bei Michel Béroff Klavier. Den Beginn des Studiums absolvierte er mit dem Musiklehrer-Diplom an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er Klavier, Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition in den Hauptfächern sowie Gesang im Nebenfach studierte. Dettlinger stammt aus Stuttgart, wo er Abitur machte und die ersten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Im Herbst 2016 veröffentlichte er im Wellhöfer-Verlag seinen ersten Roman "Linds letzte Laune", der in der Medienwelt spielt.