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Klassik - Ryo Yamanishi spielt bei der Klavierwoche im DAI

Wenn Händel fast zu Brahms wird

Von 
Hans-Günter Fischer
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Ryo Yamanishi ist ein kleiner junger Mann, der nicht nur wegen seiner Brille immer noch ein bisschen wie ein Musterschüler wirkt. Aber das täuscht gewaltig, wie der Auftritt des zum Teil in Freiburg ausgebildeten Japaners anlässlich der 33. Klavierwoche im Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI) am Rand der Heidelberger Altstadt beweist. Und zwar bereits im Warmspielstück, einem der populärsten Fixsterne aus dem Sonaten-Kosmos von Scarlatti, den der Pianist mit federleichten Trillern ausstattet. Sein Spiel ist apollinisch: hell und klar, artikuliert und reflektiert, gestützt auf eine tadellose Technik – die geeignet ist, das Alte blitzblank aufzuputzen.

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Jedes Stück des Abends hat einen Bezug zum 18. Jahrhundert. Auch wenn dieses 18. Jahrhundert häufig „nur“ einer perfekten Anverwandlung unterzogen wird, wie in Busonis auf einen modernen Flügel eingemessenen Bearbeitung der einzigartigen d-Moll-Chaconne von Bach. Mit ihrer Wucht der Bass-Akkorde, ihrem quasi-orchestralen Zuschnitt. Und auch Liszt steckt Bach hier in den Knochen, aber lähmend wird das nie bei Yamanishi. Als Kontrast setzt er entrückte Abschnitte in ausgedünntem, schwebendem Klaviersatz.

Die Chaconne wird auch in ein gerade mal zehn Jahre altes Stück Gilead Mishorys eingeschmuggelt – er war Yamanishis Freiburger Klavier-Professor. Während es ansonsten viel Diskant und wenig Bass verwendet. Manchmal scheint es klirrend kalte Eiskristalle in den Saal zu regnen.

„Musterschüler“ als Wunderknabe

Nach der Pause gibt es einen kurzen Ausflug in die Welt der Händel-Suiten. Eine „ideale“ Welt der Töne, in der keine Hindernisse existieren. Yamanishi spielt das quecksilbrig und fließend. Brahms dockt mit den „Händel-Variationen“ an die B-Dur-Suite des Meisters an, formal scheinbar zurückhaltend: Der Takt des Originals wird nie verlassen und die Tonart selten je gewechselt.

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Trotzdem wohnen wir in Heidelberg der Brahms-Werdung von Händel bei, der Yamanishi etwas lustvoll überschäumend Virtuoses gibt. Ohne zu poltern. Aus dem Musterschüler wird hier endgültig ein Wunderknabe.

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