Das Porträt - Mannheimer Fotografin Petra Arnold begleitet pfälzische Schausteller-Familie über zehn Jahre hinweg Vom Leben der Zirkusartisten

Von 
Helga Köbler-Stählin
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Über Nacht ist der Zirkus da. Und mit ihm der Duft der Tiere. Petra Arnold geht auf die Wagen zu, mehr aus Neugierde studiert sie die Zelte, die Pferde, die Ponys, die Esel, die im Freien daneben stehen. Ein blondes Kind im Husarenkostüm, mit Stehkragen und Schnurverzierungen schaut sie an, ein anderes schlägt unbekümmert ein Rad. Der Mann mit dem dichten schwarzen Haar und den kräftigen Augenbrauen scheint das Familienoberhaupt zu sein. Ein Mädchen lehnt sich an seine Schulter. Er raucht. Petra Arnold fragt ihn, ob sie ein paar Fotos machen darf. August Francesco Fischer willigt ein. Er ist der Direktor, Vater von zehn Mädchen und zwei Buben, Feuerschlucker, Tierpfleger und vieles mehr. Seine Tiger zieht er mit der Flasche groß und bringt ihnen Kunststücke bei, die sie in der Manege vorführen.

Im Husaren-kostüm: ein Mädchen auf dem Zirkusplatz. © Arnold
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Dann kommt die Zeit, in der über artgerechte Tierhaltung diskutiert wird und mittlerweile verbringen die Wildkatzen ihren Lebensabend im afrikanischen Lions-Rock-Park. Auch ohne sie führen August und seine Frau Karin das Familienunternehmen „Fischer-Starligth“ fort, das an jenem Tag im Odenwald gastiert und die Fotografin so magisch anzieht. Zehn Jahre liegt das zurück.

Die zahlreichen Projekte der Fotografin

  • Petra Arnold ist in Heidelberg geboren, lebt in Mannheim und im Odenwald. Ihre fotografische Ausbildung begann mit einer klassischen Lehre. Zu ihrem Portfolio gehören Industrie- und Werbefotografie. Sie arbeitet freiberuflich für renommierte Magazine, Medien und Agenturen. Ihre Schwerpunkte sind Porträts und People, Reportagen und Fotojournalismus. Dazu kommen Langzeitprojekte aus dem In- und Ausland.
  • Die Fotokünstlerin stellt in Gruppen und Einzelausstellungen aus. Sie veröffentlicht Bildbände und ist mit Preisen ausgezeichnet.
  • Für die Finanzierung des aktuellen Bildbandes „Beyond Starligth“ hat eine Spendenaktion begonnen. Bis 8. Dezember kann man das Projekt unter www.startnext.com/beyond-starlight unterstützen. 

Bilder im Zeitenwandel

Die Kinder, ob Clowns, Dompteure, Seiltänzer, Jongleure, Akrobaten in glitzernden Kostümen, sind erwachsen, einige verheiratet, arbeiten im Schaustellergeschäft, verkaufen Crêpes oder werben fürs Bogenschießen. Andere reisen als Gastartisten. Dreißig Enkelkinder sind zur Welt gekommen, der Zusammenhalt ungebrochen. Und doch ist die Zirkusfamilie kleiner geworden. Kenia, die damals anlehnungsbedürftige und jüngste der Töchter, ist heute 17 und sie ist es, die mit ihren Eltern und zwei russischen Künstlern die Tradition fortführt, die über viele Generationen gewachsen ist.

Solche Geschichten kann die Fotografin erzählen. Sie schaut hinter die Kulissen, weiß um den Rückschlag, als neun Pferde und zehn Hunde bei einem Gewitter ums Leben kommen. Kennt die Schockstarre, in welche die Familie fällt, die nicht versichert ist. Doch unterkriegen lassen sich die Fischers nicht. „August denkt immer positiv“, sagt sie.

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Zehn Jahre lang hat Petra Arnold die Familie mit der Kamera begleitet, sie in vielen Städten besucht und durch die Fenster der Wohnwagen gespitzelt, weil Vertrautheit und Vertrauen zueinander gewachsen sind. Einige ihrer Fotos sind Gegenüberstellungen von damals und heute. Von Kind sein und erwachsen werden. Von Lebensumständen, Menschen und Tieren. Die Bilder sind überwiegend in schwarz-weiß und analog aufgenommen. Wie immer bei ihren freien Reportagen. Mit kleinster Ausstattung geht die Fotografin nach draußen, ist angetan von der Momentaufnahme, dem Spontanen und der ungekünstelten Darstellung ihrer Helden. 1996 reist sie in die Staaten, macht Bilder auf der Straße –ihre neue Leidenschaft.

Handschrift entwickelt

Sie nimmt Menschen frontal auf oder in Bewegung. Mitten in der belebten Stadt. Einmal lichtet sie einen Jungen mit Pistole ab. 1997 ist das. In San Francisco. „Hier habe ich meine Handschrift entwickelt“, sagt Petra Arnold, die 2006 mit ihrem Bildband „Mannheimer Leben“ für Aufsehen sorgt. Weil sie mit ihren stets starken Aufnahmen nicht Prominenten, sondern den Bürgern der Stadt ein Gesicht gibt – ein moralisches Verdienst. In der aktuellen Arbeit „Beyond Starlight“, geht es ihr wieder um Menschen, um das Porträt einer gesellschaftlichen Minderheit. Um Offenheit und menschliche Vielfalt. Um die Poesie des Zirkuslebens.

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Obendrein um ein immaterielles Kulturerbe. „Der Zirkus gehört dazu. In den drei europäischen Ländern, Finnland, Niederlande und Ungarn steht er bereits auf der Liste der UNESCO. Deutschland bewirbt sich gerade.“ Arnolds Langzeitprojekt ist noch nicht ganz zu Ende. Wieder ist ein Bildband in Planung. „Weil Zirkusleute unsere Aufmerksamkeit verdienen“, sagt sie.

Freie Autorenschaft Studium: Journalismus, Medien- und Pressearbeit