Serie Kulturutopie - Die Mannheimer Schauspielintendantin der Kinder- und Jugendsparte Ulrike Stöck pocht auf neue Ansätze Visionen für junges Theater

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Von Ulrike Stöck
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Im Kinder- und Jugendtheater sitzt die Zukunft im Zuschauerraum. Wenn wir eine Produktion für Kinder ab sechs Monaten machen, haben wir im Saal die Menschen, die in 50 Jahren diese Stadt mitgestalten werden. Eine gute Vorstellung, ein Teil des Starts ins Leben zu sein. Eine erste Begegnung mit Kunst. Das ist schon ziemlich utopisch. Und eine große Verantwortung. Verantwortung für den Umgang und den Zugang zu Kunst. Eine zentrale Frage der kommenden Jahre wird die nach den Hürden sein, die die vermeintliche Hochkultur in den vergangenen Jahrzehnten bewusst oder unbewusst um ihre Tempel gestapelt hat. Denn damit Kinder und Jugendliche feststellen können, dass das, was da in und um unsere Bühnen stattfindet, sie meint und sie etwas angeht, müssen sie diese Räume erst einmal betreten.

Eine Sechsjährige steht hinter einem Vorhang. Nur ihr Gesicht ist zu sehen. © iStock
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Uns Theatermachern fällt es oft nicht leicht, diese Hürden zu sehen: Die Angst vor dem Gebäude, die Angst vor dem Nichtverstehen, die Angst vor dem Eintrittspreis, die Angst vor dem Ungewissen. Aber ob wir sie sehen oder nicht, wir werden sie abreißen müssen.

Jüngste Generation im Blick

  • Zur Person: Ulrike Stöck (Bild) wird 1975 in Halle an der Saale geboren. Sie studiert Germanistik und Jüdische Studien an der Universität Potsdam. Von 2001 bis 2004 ist sie als Dramaturgin und Regisseurin am Theater Senftenberg tätig. Sie gründet (gemeinsam mit Peter Spuhler) das Junge Staatstheaters Karlsruhe und leitet es von 2011-2017. Als freischaffende Regisseurin und Dramaturgin im Kinder- und Jugendtheater arbeitet sie für unterschiedliche Häuser. Seit Beginn der Spielzeit 2017/2018 ist sie Intendantin des Jungen Nationaltheaters Mannheim.
  • Zur Serie: Wie wird die Kulturlandschaft in 20, 30 oder 50 Jahren aussehen? Wie werden die traditionellen Kulturbetriebe arbeiten und mit der freien Szene kooperieren? Wird es noch klassische Museen und Theater geben? Oder wird alles digitalisiert sein? In der Serie Kulturutopie blicken Kulturschaffende der Region für diese Zeitung mit Gastbeiträgen in die Zukunft. (red)

Die Kinder- und Jugendtheater sind seit Jahren auf einem guten vielversprechenden Weg der Auflösung von tradierten Formen und Strukturen. Als kleinste Einheiten im Stadttheaterbetrieb und ganz ohne das zu pflegende Repertoire können sie viel grundsätzlicher fragen: Was wollen wir genau und in welcher Form unserem Publikum erzählen? Mit welchen Mitteln und aus welchem Antrieb? Das Publikum ist, zumindest wenn es im Klassenverband kommt, schon heute so heterogen, divers und international, wie die Gesellschaft der Zukunft sein wird. Aber welche Kultur brauchen dessen Kinder und Enkel in 30 oder 50 Jahren?

Hologramme neben Schauspielern

Die Frage der Digitalisierung wird für das zukünftige Publikum gar keine Frage mehr sein. Im Gegenteil: Wir werden es nicht mehr schaffen, ihm zu erklären, wie eine Welt ohne Internet und Mobiltelefon funktioniert hat. Bestimmt werden Hologramme Bühnen bevölkern und Roboter tanzen – wobei sie das in Ansätzen jetzt schon tun. Das Theater hat so viele Kulturtechniken nach und nach integriert, dass unser zukünftiges Publikum das Digitale im Theater für völlig alltäglich halten wird. Vielleicht so, wie wir heute den Videobeamer oder den Lautsprecher nicht als überraschend empfinden. Was aber in meiner Utopie das Magische am Theater bleibt, ist immer die Begegnung mit realen Menschen. Und die können ganz sicher auch neben Hologrammen bestehen und diesen begegnen.

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In „Tschick“, vermutlich dem erfolgreichsten Jugendstoff der letzten Jahre – lässt Herrndorf Maik irgendwann sagen: „Seit ich klein war, hatte mein Vater mir beigebracht, dass die Welt schlecht ist. (…) Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.“

Wenn wir es schaffen, dass unser Publikum sich dieser Betrachtung ein wenig bemächtigt und auf das Theater und auch aufeinander zugeht, ohne vorher schon alles zu wissen – mit ein bisschen von Maik erlernter Naivität –, dann kann das Kinder- und Jugendtheater ein Ort des Diskurses sein. Und zwar jenseits von im Elternhaus erlernten Denkstrukturen und mit der Freundesgruppe entwickelten Blasen oder den vom humanistischen Erziehungsbild geprägten Erwartungen.

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Und für diesen Diskurs werden wir Formen entwickeln müssen, sodass er während der Aufführung beginnen kann und danach weitergeführt wird. Dafür brauchen wir ganz neu aufgestellte Ensembles, deren Fertigkeiten weit über das klassische Schauspiel hinausgehen. Wir brauchen tanzende Programmierer, singende Puppenspieler und diskursleitende Musiker. Wir brauchen Theater, das ohne Sprache funktioniert und Theater, das das babylonische Sprachgewirr unseres Publikums auf die Bühne holt. Wir brauchen Formen, die Platz für die verschiedenen mitgebrachten Ideen von Theater haben und den Glauben daran, dass Menschen aller Orte es lieben, Geschichten zu erzählen. Und dass das alles dann wunderbar unhierarchisch nebeneinander und miteinander existieren kann.

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Am 7. Oktober hatte ich Premiere mit dem Stück „Utopie – Eine Recherche über unsere Zukunft“. Am 69. Geburtstag der DDR – einer toten Utopie. Bei den Recherchen haben wir bemerkt, wie viel 50 Jahre für technische Entwicklungen und wie wenig für menschliche Entwicklungen sind. Mit unserem Publikum haben wir diskutiert, wie die Welt in 100 Jahren sein könnte. Natürlich haben wir keine Antwort darauf, aber wenn wir den Kopf heben und uns trauen, unserem Gegenüber eine ernst gemeinte Frage zu stellen und uns die Antwort anhören, dann ist das ein klitzekleiner, aber stabiler Baustein in die Zukunft.

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