Festlicher Opernabend - Giuseppe Verdis „Il trovatore“ im Mannheimer Nationaltheater mit starken Gesangsleistungen und erschütternden Charakterdarstellungen Unerfüllter Traum von einem besseren Leben

Von 
Uwe Rauschelbach
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Roman Burdenko als Graf Luna in Verdis „Il trovatore“. © Michel

Mannheim. Wir leiden mit Manrico, der von seinem eigenen Bruder gemeuchelt wird. Wir trauern mit Leonora, die sich vergeblich für ihren geliebten Manrico opfert. Und doch ist es die „Zigeunerin“ Azucena, der unser wahres Mitgefühl gilt. Ihr Schmerz, ihr Schicksal, ihre unerfüllten Träume von einem besseren Leben - das nimmt uns bis zum bitteren Ende mit.

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Vielleicht, weil Giuseppe Verdi in der Figur der Azucena jenes menschliche Hoffen und Sehnen am tiefsten verankert hat - und ihm die Tragik ihres Verfehlens am radikalsten zumutet. Sicher aber auch, weil sich Ekaterina Semenchuk die Partie dieser vom Schicksal misshandelten Frau so authentisch anverwandelt. Die Mezzosopranistin gibt der gequälten Seele mit nuancenreichen Färbungen und Schattierungen glaubhaft Ausdruck. Es sind jammervolle Affekte, die uns bis zur Grenze des Erträglichen - und darüber hinaus - erschüttern.

So leuchtet der Opernabend mit Roger Vontobels Inszenierung von Verdis „Il trovatore“ jene tragischen Ereignisse, in die Azucena verstrickt ist, mit unerbittlicher Schärfe aus. Irakli Kakhidze porträtiert den Manrico in allen Facetten: zwischen flehentlicher Verzweiflung und wilder Entschlossenheit. Der Tenor kann sich mit fortschreitender Entwicklung steigern und ist im Geschehen dank hochdramatischer Registerlage präsent.

Roman Burdenko stellt den Grafen Luna auf der grau-schwarz verdüsterten, von Rauchwolken eingenebelten Drehbühne dank seines machtergreifenden, voluminösen Baritons mit imperialer Wucht auf die Bretter. Doch ist er auch von schicksalhafter Pein geplagt. In der Arie „Il balen del suo sorriso“ erlaubt sich Burdenko, von Klarinetten-Girlanden umflort, durchaus einige emotionale Schluchzer.

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Leidensfähige Hingabe

Izabela Matula lässt die Leonora zu Beginn mit fein abgestuftem Hell-Dunkel-Timbre sowie einem natürlich-beseelten Vibrato in leidensfähiger Hingabe erscheinen. Im Gedächtnis haften bleibt ihr marianisch verklärter Auftritt im Kloster; im weiteren Verlauf mischen sich metallische Färbungen in ihren Sopran; auch büßt dieser an Strahlkraft und Durchdringung ein. Sung Ha als Ferrando, Natalija Cantrak als Ines und Koral Güvener als Ruiz setzen stimmliche Akzente. Das Orchester des Nationaltheaters unter der Leitung Roberto Rizzi Brignolis ist, vom klagenden Ton des Horns zu Beginn bis zum wütenden Sturmwind, den es im Finale entfacht, dicht dran am Bühnengeschehen. Der Chor (Dani Juris) begeistert mit kraftvollen, homogen disponierten Stimmen. Tänzerin Delphina Parenti agiert als Zwischenwesen, das sich in die Seelenabgründe der Figuren vertieft, um sie mit kunstvoller Körpersprache auszudeuten. Eine faszinierende Darbietung.

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Am Ende ist es der Vorhang, der uns vor weiteren Seelenqualen rettet - und der eine umjubelte Aufführung beendet.

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Veröffentlicht
Von
Stefan M. Dettlinger
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Redaktion Zuständig für Lokales in Lampertheim (Kommunalpolitik, Kultur), Mitarbeit im Kulturressort des Mannheimer Morgen (Musikkritik, CD- und Bücher-Rezensionen).

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