Ulrich Khuon: „Holtzhauer hat gut auf die Kritik reagiert“

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Stefan M. Dettlinger
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Zur Unterstützung der „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“ durch Mannheims Schauspielintendant Christian Holtzhauer haben sich mehrere Menschen zu Wort gemeldet - im Raum stehen vor allem zwei Fragen: Ist das Engagement der Initiative, die sich dafür einsetzt, dass im Zweifel auch dem antisemitisch eingestuften BDS nahe stehende Personen in öffentliche Theater eingeladen werden dürfen, an sich auch schon antisemitisch? Und ist die Initiative an sich mit einer Resolution des Bundestages und Beschlüssen der Landes- und Kommunalgremien zu vereinbaren?

Christian Holtzhauer. © Christian Kleiner
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Ulrich Khuon (Intendant Deutsches Theater Berlin): Ich denke, dass jedem, der das Statement zur Gänze liest, klar wird, dass wir die Ersten sind, die sich gegen Antisemitismus und Rassismus wenden. Das ist unser Grundimpuls. Aber wie schafft man in einer Welt, in der sich die Abgeschlossenheit der Denkräume immer mehr formiert, Offenheit? Das ist unsere Aufgabe als Theater. Die Politik soll uns zutrauen, dass wir die Partner, mit denen wir reden, mit Bedacht selbst bestimmen können. Erreichen wir das mit GG 5.3? Ich finde schon. Das ist ein Langzeitprojekt. In Deutschland Offenheit herzustellen, ist sowieso eine Riesenaufgabe - vor allem auch der Theater. Man muss auch etwas aushalten. Es sind viele Israelis unter den Unterzeichnern. Christian Holtzhauer hat gut auf die Kritik reagiert, er will verstanden werden und die Geduld, die notwendigen Gespräche differenziert zu führen.

Rita Althausen (1. Vorsitzende Jüdische Gemeinde Mannheim): BDS ist eine gefährliche Bewegung, die in ihrer Ausrichtung nur ein Ziel hat, nämlich die Zerstörung des Staates Israel, was nichts anderes als Antisemitismus impliziert. Wenn der Staat Israel und seine Staatsbürger durch Hasstiraden verfemt werden, richten sich diese Aktionen gegen alle jüdischen Menschen. Wer gegen den Staat hetzt, israelische Künstler und Wissenschaftler von Veranstaltungen ausschließt, handelt eindeutig nicht nur antiisraelisch, sondern wendet sich auch gegen das Judentum. Deshalb ist die Initiative GG 5.3 Weltoffenheit so verwerflich, weil sie als Steigbügelhalter der BDS-Bewegung dient. Sprechen sich die Akteure auch offen gegen Antisemitismus und Rassismus aus, so unterstützen Sie in ihrer falsch verstandenen Kulturdiversität den Antisemitismus.

Daher hat der Bundestag sich eindeutig gegen die BDS-Bewegung ausgesprochen, um dem Antisemitismus entgegenzutreten. In Fortsetzung der Resolution des Deutschen Bundestages hat auch der Gemeinderat der Stadt Mannheim eine entsprechende Resolution gegen BDS beschlossen. Beide Institutionen bekennen sich damit zur besonderen Verantwortung gegenüber Israel.

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Umso unverständlicher und nicht nachvollziehbar ist es, dass das Nationaltheater Mannheim (NTM), vertreten durch den Schauspielintendanten Christian Holtzhauer, diese Petition unterschrieben hat. Schließlich ist das NTM eine Institution der Stadt Mannheim und sollte sich auch an die eigene Resolution halten und diese nicht konterkarieren. Mit der Jüdischen Gemeinde wurde vor kurzem auch ein Gespräch geführt, in dem die angeführten Aspekte deutlich zum Ausdruck gebracht wurden. Die Tragweite der Unterzeichnung des Plädoyers, das offenbar keine BDS-Unterstützung sein soll, wird verkannt und hätte im Vorfeld einer Unterzeichnung beachtet werden müssen.

Chris Rihm (Vorsitzender Deutsch-Israelische Gesellschaft Rhein-Neckar, spricht auch für Junges Forum der DIG Heidelberg, Freundeskreis Weinheim-Ramat Gan und Verein ehemalige Synagoge Hemsbach): BDS ist keine legitime Kritik israelischer Politik, die Kampagne verfolgt mit ihren politischen Aufrufen und Aktivitäten die Zerstörung Israels. Sie diffamiert den demokratischen Staat Israel mit unhaltbaren Anschuldigungen. Sie versäumt es, die kulturelle und ethnische Vielfalt Israels anzuerkennen, sie beschuldigt gegen den Einspruch vieler arabischer Bürger Israels den Staat Israel, eine Apartheid-Politik zu verfolgen. BDS würdigt in keiner Weise die Funktion des jüdischen Staates als Schutzraum gegen Antisemitismus.

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BDS fordert einen Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturboykott Israels (und nur Israels) weltweit. Betroffen sind beim Wirtschaftsboykott sehr viele Firmen, die vom besonderen Know-how israelischer Forschung und Entwicklung profitieren. Gleichermaßen betroffen sind im Fall des Wissenschafts- und Kulturboykotts größtenteils einzelne Jüdinnen und Juden, die für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden und unter Anfeindungen und Hass leiden.

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BDS behauptet gewaltfrei zu sein, aber ist zugleich nicht willens, sich von gewaltbereiten Aktivisten und Terrorgruppen wie der Hamas, der Hisbollah und der Fatah zu distanzieren. BDS schadet nachhaltig dem Miteinander von Juden und Arabern in einer demokratischen Gesellschaft. Durch Boykottaufrufe schadet BDS nicht nur jüdischen Staatsbürgerinnen und -bürger, sondern auch den arabischen.

Die Resolution des Bundestages war ein enorm wichtiger Schritt, der deutlich gemacht hat, dass Kampagnen, die Israels Existenzrecht in Frage stellen und seine Existenz aktiv bekämpfen wollen, nicht als Teil des demokratischen Diskurses gesehen werden sollten. Selbstverständlich kann jede und jeder weiterhin nach Belieben diese antisemitische Kampagne unterstützen - die Resolution ist weder Verbot noch Zensur. Allerdings empfiehlt die Resolution des Bundestages zu Recht, solche Positionen nicht mit Geldern aus öffentlicher Hand zu fördern oder ihnen in kommunalen Räumen eine Bühne zu bieten.

Der Initiative GG 5.3 Weltoffenheit stehen wir kritisch gegenüber. Im Kern ist ihr Anliegen eine Ablehnung der Politik des Boykotts. Auch wenn sich der Text der Initiative selbst gegen BDS ausspricht, versucht sie doch mit dem Großteil des Texts, diese Kampagne in den demokratischen Diskursraum zurückzuholen und zu einem wichtigen Gesprächspartner zu machen. Aus unserer Sicht kann es kein Gespräch mit Vertreterinnen und Vertretern einer antisemitischen Kampagne geben, die die Zerstörung Israels als jüdischen Staat zum Ziel hat.

Das sehen jedoch viele Institutionen vor allem im Kulturbereich anders; dieses Recht wollen wir nicht bestreiten, erlauben uns aber, uns damit kritisch auseinanderzusetzen, indem wir auf den judenfeindlichen Hintergrund der Kampagne hinweisen. So geschehen auch in Mannheim: Nachdem der Mannheimer Gemeinderat seinen Beschluss gegen BDS 2019 verabschiedet hatte, konnte im Juni 2019 trotz des Protests der DIG Rhein-Neckar e.V. die britische Künstlerin Kate Tempest, die eine ausgesprochen lautstarke Unterstützerin der antisemitischen BDS-Kampagne ist, ohne Probleme beim Maifeldderby auftreten.

Wir wollen, dass für BDS und seine Protagonisten ganz im Sinn der Erklärungen des Bundestags und des Mannheimer Gemeinderats keine öffentlichen Räume und keine öffentlichen Gelder zur Verfügung gestellt werden.

Die Initiative behauptet, die Resolutionen lösten „vorauseilenden Gehorsam“ des Kulturbetriebs aus. Auf der Suche danach schafft sie es nicht, israelbezogenen Antisemitismus von völlig legitimer und allerorts geäußerter Kritik an israelischer Politik zu unterscheiden und schafft es ebenso wenig, zwischen präziser und inhaltlicher Kritik am Auftritt von BDS-Befürwortern wie etwa Achille Mbembe und Zensur oder Meinungsverboten zu unterscheiden.

Aufbauend auf den vorherigen Ausführungen stehen wir auch der Unterschrift von Christian Holtzhauer unter der Initiative kritisch gegenüber. Mannheim hat mit seinem Gemeinderatsbeschluss gegen BDS eine klare, demokratische Positionierung in dieser Sache vorgenommen, die im Einklang mit der begrüßenswerten Resolution des Bundestags steht. In unseren Augen muss diskutiert werden, in welchem Verhältnis diese Unterschrift des Intendanten des Mannheimer Nationaltheaters - einer städtischen Institution also - zum Gemeinderatsbeschluss steht. Diese Frage wollten wir in einem Gespräch mit Herrn Holtzhauer klären, allerdings ist dieses Gespräch bisher noch nicht zustande gekommen.

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Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken. Im Zentrum seines Interesses stehen vor allem auch die politische und kulturpolitische Berichterstattung. Davor, seit 2000, war Dettlinger Musikredakteur in der Kulturredaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Dettlinger ist von Haus aus Musiker. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin am musikwissenschaftlichen Institut bei Hermann Danuser und Wolfgang Auhagen sowie dank eines Jahresstipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris bei Michel Béroff Klavier. Den Beginn des Studiums absolvierte er mit dem Musiklehrer-Diplom an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er Klavier, Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition in den Hauptfächern sowie Gesang im Nebenfach studierte. Dettlinger stammt aus Stuttgart, wo er Abitur machte und die ersten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Im Herbst 2016 veröffentlichte er im Wellhöfer-Verlag seinen ersten Roman "Linds letzte Laune", der in der Medienwelt spielt.