Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio) Überall Verschwörer

Von 
Jagoda Marinic
Lesedauer: 
Jagoda Marinic. © imago stock&people

Liebes Corona-Tagebuch, liebe Leserinnen und Leser,

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AUDIO: CoronaTagebuch 45

anfangs war ich guter Hoffnung: Man würde „den Verschwörern“ schon nicht so viel Raum geben in den Medien. Diese Hoffnung ist seit einer Woche dahin. Titelblätter, Porträts für Verschwörungsköche. Zu viele Bürgerinnen seien enttäuscht darüber, das heißt, dass die mediale Berichterstattung „zu einseitig“ gewesen sei. Man tut jetzt so, als seien Berichte über die Verschwörungsszene die Alternative dazu.

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Man tut so, als könne man die Hygiene-Demonstrierenden geduldig aufklären: Nein, unsere Regierung hat das Virus nicht in die Welt gesetzt, um die Bevölkerung auszulöschen. Nein, auch Bill Gates hätte nicht mehr viel von seinen Produkten, wenn er Millionen Menschen vernichten ließe. Zahlreiche Stiftungen haben online Material, wie man Verschwörungsfantasien mittels Argumenten zerlegt. Man muss dem Ganzen medial nicht überdimensional Platz geben.

Immer wieder lassen sich manche Medien vor sich hertreiben: Erst war es Pegida, die mit Galgenschildern marschierten, jetzt sind es Aluhüte. Die Berichterstattung stets überproportional, weil es ja ein „neues Phänomen“ sei, Quoten bringt. Dabei brauchen wir zukunftsgewandte Debatten, um aus der Krise gestärkt hervorzugehen. Wie groß die Schnittmenge der Aluhüte mit den Akteuren von Pegida ist, zeigt ein Video, in dem Sachsens Ministerpräsident Kretschmer die verständnisvolle Nähe zu den Aluhutträgern sucht.

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Und das in Sachsen, wo die Zahl rassistischer Übergriffe immer mit am höchsten ist und man solch fürsorgliche Videos des Ministerpräsidenten mit den Betroffenen oder Geflüchteten nur schwerlich findet.

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Vergangene Woche ging das Video eines sehr alten Mannes viral, der auf so einer Hygiene-Demo war. Er erklärte sich vor der Kamera: Seine Frau sei 84 und er dürfe sie nicht im Heim besuchen. Sie gehe ein vor Einsamkeit, sagte er, und brach in seiner eigenen Einsamkeit in Tränen aus. Da drängte sich schon ein jüngerer Mann ins Bild, der lautstark und mediengeil irgendeine Weltverschwörung propagierte. Der alte Mann blieb allein zurück, man hörte stattdessen wieder krude Thesen. Im Anschluss widerlegt man sie. Dabei wäre es wichtig, über die eigentlichen Fehler zu reden, über die Schmerzen, die manche Maßnahmen den Menschen gebracht haben. Bleiben Sie und ihre Liebsten gesund!

Jagoda Marinic

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Freie Autorenschaft Jagoda Marinic ist Schriftstellerin und Publizistin, lebt in Heidelberg und schreibt an dieser Stelle täglich außer samstags dieses Corona-Tagebuch bis auf weiteres. Sie schreibt die Corona-Kolumne ehrenamtlich, weil sie in der Krise einen Beitrag leisten will.

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