Nachruf - Im Alter von 94 Jahren erliegt die französische Filmikone Michel Piccoli den Folgen eines Schlaganfalls Tod eines Charakterdarstellers

Von 
Birgit Holzer
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Er stand mehr als 60 Jahre lang vor der Filmkamera und auf der Theaterbühne: Michel Piccoli © Eric Gaillard/AFP/dpa

Mal mimte er den kalten Zyniker, der für seine Frau, so schön und anziehend sie auch sein mag, nur noch Verachtung aufbringt – dem gleichnamigen Filmtitel „Die Verachtung“ entsprechend. In „Das große Fressen“ gab er sich einer ausufernd-dekadenten, gastronomischen und fleischlichen Orgie hin. Dann wieder schlüpfte er in Nanni Morettis „Habemus Papam – Ein Papst büxt aus“ in die Rolle eines überforderten Kirchenoberhauptes, das eigentlich lieber Schauspieler geworden wäre und sich nun diesem immensen Amt stellen muss.

(Unvollständige) Liste der bedeutendsten Filme mit Michel Piccoli

  • Die Verachtung (Le mépris), 1963
  • Tagebuch einer Kammerzofe (Le journal d’une femme de chambre) 1964
  • Belle de Jour – Schöne des Tages (1967)
  • Die Dinge des Lebens (Les choses de la vie),1969
  • Das Mädchen und der Kommissar (Max et le ferrailleurs), 1970
  • Das große Fressen (La grande bouffe), 1973
  • Trio infernal (Le trio infernal), 1974
  • Die Spaziergängerin von Sans-Souci (La passante du Sans-Souci), 1982
  • Ich geh’ nach Hause (Je rentre à la maison), 2001
  • Habemus Papam – Ein Papst büxt aus (Habemus Papam), 2011
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Michel Piccoli gehörte zu den bedeutendsten Charakterdarstellern des französischen Kinos. Romy Schneider, Catherine Deneuve und Brigitte Bardot waren seine Filmpartnerinnen, er drehte mit Regisseuren wie Jean-Luc Godard, Roger Vadim, Louis Malle oder Alfred Hitchock. Zu seinen Freunden zählten einst der Musiker und Schriftsteller Boris Vian sowie der Philosoph Jean-Paul Sartre und eine der drei Frauen, die er heiratete, war die Chansonsängerin Juliette Gréco.

Bereits vor einer Woche, am 12. Mai, starb der französische Film- und Theaterschauspieler, Produzent und Regisseur im Alter von 94 Jahren „in den Armen seiner Frau Ludivine und seiner kleinen Kinder Inord und Missia an den Folgen eines Schlaganfalls“, wie seine Familie am gestrigen Montag über seinen Freund Gilles Jacob, den früheren Präsidenten der Filmfestspiele von Cannes, mitteilen ließ.

Frühes Interesse am Schauspiel

In mehr als 200 Filmen spielte Piccoli mit, darunter befanden sich Klassiker wie „Belle de Jour – Schöne des Tages“, „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ oder „Das Mädchen und der Kommissar“. Er war Ritter der französischen Ehrenlegion und Träger des nationalen Verdienstordens. 1980 nahm Piccoli bei den Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme für die Hauptrolle in Marco Bellocchios Drama „Der Sprung ins Leere“ entgegen. Beim Filmfestival Locarno wurde er unter anderem für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

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In Paris geboren und aufgewachsen, kam Michel Piccoli von klein auf mit einem bourgeois-künstlerischen Milieu in Berührung. Sein italienischstämmiger Vater Henri Piccoli war Violinist, seine Mutter Marcelle Expert-Bezançon Pianistin. Früh interessierte er sich für die Schauspielerei, nahm Unterricht und begann an verschiedenen Pariser Bühnen aufzutreten. Nach einem Filmdebüt kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs 1944 wurde seine Karriere vor der Kamera in der Folge zunächst ausgebremst, bevor sie zehn Jahre später in Gang kam. Übernahm er zunächst nur kleinere Rollen, etwa in Jean Renoirs „French Can Can“, so machten ihn ab den 1960er Jahren Filme von Luis Buñuel, darunter „Tagebuch einer Kammerzofe“, und vor allem „Die Verachtung“ von Jean-Luc Godard zur Ikone.

Hierbei halfen Piccoli sein großes Repertoire, das vom zynischen Erpresser über den eiskalten Mörder bis zum romantisch Verliebten reichte. Mit seinen buschig-schwarzen Augenbrauen, den früh ergrauten Haaren und seiner hohen, frei liegenden Stirn galt er nie als purer Schönling vom Schlage eines Alain Delon und auch nicht als viriler Rebell à la Jean-Paul Belmondo – eher als Anti-Star mit diskretem Charme, der menschliche Abgründe brillant darzustellen wusste.

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Auch auf der Theaterbühne feierte er bis ins hohe Alter hinein Erfolge. Seine letzte Filmrolle übernahm er noch im Jahr 2014, mit 88 Jahren. Dass das Spielen sein Leben war, dessen Ende er fürchtete, gab Piccoli 2015 in einem Gesprächsbuch mit Gilles Jacob preis: „Man wünscht sich, dass es niemals aufhört, aber es wird aufhören“, sagte er damals. „Das ist sehr schwierig.“

Korrespondent