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Schreibwettbewerb und Podcast "Erzähl mir was"

Taktlos - Mittendrin in einem Krieg, der anders ist

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© istock

Von Vanessa Palumbo

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Der Krieg weckt viele Gefühle: Trauer, Angst, Tod, Hoffnung. Vor allem die Hoffnung ist es, die den Erzähler um seinen Schlaf bringt. Er befindet sich im Krieg. In einem, der anders ist als die anderen zuvor.

„Der Krieg ist losgebrochen und die Schlachten sind erbarmungslos, Tag und Nacht.“

Zwei kleine, blaue Augen blicken mir hoffnungsvoll in die Seele. Eine tiefe Männerstimme verkündet in düsterem Ton: „In der vergangenen Woche haben wir wieder mehr als 200 Opfer zu beklagen.“ Im nächsten Moment wache ich schreiend auf.

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Mein kehliger Schrei verschwimmt mit einem schrillen Piepen, das mir durch Mark und Bein fährt. Bereits tausende Male gehört und trotzdem stehe ich wieder innerhalb von Sekunden kerzengerade in meinem Bett – das Herz wild schlagend bis zum Hals im monotonen Takt des Piepens. In Panik tastet meine Hand hektisch nach dem Lichtschalter an der rauen Wand neben meinem spärlichen Bett. Das aufflackernde Licht der Stehlampe enthüllt die Schweißperlen auf meiner Stirn und lässt sie gespenstisch glänzen. Meine Ohren schmerzen regelrecht von dem Piepen, das weiter in gleichmäßigem Takt schrillt. Es ist so weit. Schon wieder. Dabei kommt es mir so vor, als hätte ich gerade erst meine Augen geschlossen. Der Krieg jedoch, der Krieg besitzt kein Taktgefühl.

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Mechanisch erhebe ich mich und nehme meine grüne Uniform vom Haken. Unter dem unerbittlich grellen Piepen streife ich sie mir über. Mit einer schrecklichen Leichtigkeit gleitet sie über meine nackten Arme, umhüllt meine Beine und umschlägt mein Gesicht. Wie eine zweite Haut passt sie sich meinen Körper an. Und das passt mir nicht. Zu routiniert sind diese Bewegungen geworden. Eine Routine, die ich mir nie gewünscht habe.

Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wie oft sich der grobe Stoff bereits über mich gelegt hatte – immer noch gefüllt mit der Wärme der vergangenen Nacht, die doch eigentlich so bitterlich kalt gewesen war. Durch die Uniform durch dringt die bittere Kälte jedoch nie. Zumindest nicht auf meine Haut. Langsam drehe ich mich zu dem staubigen Spiegel, der neben der Garderobe an der Wand hängt. Der Takt des durchdringenden Piepens hallt weiter in meinen Kopf. Verschnellert er sich oder bilde ich mir das ein?

Den Oberkörper zum Spiegel gedreht, halte ich mit geschlossenen Augen für einen kurzen Moment inne. Soll ich wirklich? Ich sollte nicht. Und trotzdem werfe einen Blick in das kalte Glas. Und das wirft mich aus der Bahn.

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Für den Bruchteil einer Sekunde blicken mir zwei grüne, dunkle Augen entgegen. Doch dann verschwimmen sie und große, rehbraune Augen, die mich Hilfe suchend anschauen, nehmen stattdessen ihren Platz ein. Graue, trübe, gespenstisch umschleierte Augen starren durch mich hindurch. Verzweifelt kneife ich die Augen zusammen, doch meine Lider schützen mich nicht vor dem nächsten Anblick. Kleine blaue Augen mit dunklen, langen Wimpern blicken sich wieder so unschuldig in mein Herz, dass es mich innerlich zerreißt. Ich bekomme kaum Luft. In den Blicken liegt so viel: Hoffnung, Trauer, Angst. Tod. Aber nicht der Tod, nein, vor allem die Hoffnung ist es, die mich jede Nacht um meinen Schlaf bringt. Mich fast umbringt.

Diese pure, reine, Hoffnung, die diese Augen in mich gelegt haben – wie eine schwache Primel am Abend in die sichere Wiederkehr der kräftigen Sonnenstrahlen des nächsten Tages. Doch manchmal hängt der Himmel voller undurchdringlicher Wolken.

Ich konnte sie nicht alle retten. Und dafür hasse ich mich so sehr. Die dunkelgrünen Augen im Spiegel scheinen mich zu mustern. Enttäuscht. Vorwurfsvoll. Verabscheuend.

Wie oft habe ich gebetet, dass sich der feine Staub auf dem Spiegel nicht nur auf das kalte Glas, sondern auch über meine Erinnerungen legen würde. Dass sie auch einfach einstauben, bis sie nur noch blass zu erkennen sind und schließlich in völliger Unkenntlichkeit verschwinden. Doch Gott erhört meine Gebete nicht. Die Gesichter bleiben gestochen scharf und Tag für Tag kommen neue hinzu. Einzig das Paar dunkelgrüner Augen verlor mit jedem Tag mehr an Klarheit. Tief hole ich Luft – immer tiefer und tiefer, bis mir fast schwindelig wird und mein Herz gemeinsam mit dem schrillen Piepen aus dem Takt zu fallen scheint.

Einzig der kleine, unscheinbare Gegenstand auf der alten Truhe vor meiner Garderobe rettet mich heute davor, nicht endgültig in dem dunklen Tsunami meiner Gedanken zu ertrinken. Sacht streiche ich über den festen Kunststoff und betrachte die wabernde Flüssigkeit darin. Unglaublich – wie lange hatte ich auf diesen Moment gewartet. Endlich dem Feind entgegenzutreten – nach Monaten des Kämpfens. Langsam drehe ich die Waffe in meinen Fingern. Für einen kurzen Moment verharrt mein Finger auf dem Auslöser.

Zur Person

Ich bin 19 Jahre alt und gebürtig aus Oftersheim.

Seit vergangenem Jahr lebe ich in Berlin und studiere dort im gehobenen Auswärtigen Dienst des Auswärtigen Amts.

Schreiben bedeutet für mich die Freiheit, meine Gedanken in Worte zu fassen, ohne sie direkt auszusprechen. Es ist vergleich-bar mit der Arbeit eines Malers. Die Vielfalt der Farben in seinem Malkasten sind meine Wörter. Die richtige Mischung ver-schiedener Wörter ergeben auf dem Papier ein Gemälde, dessen Botschaft der Leser für sich selbst entdecken kann.

„Ob ich das wirklich konnte?“, hatten sie mich zu Hause oft gefragt. Bevor ich loszog, kamen sie zu mir und versuchten mich umzustimmen. „Es gibt doch noch so viele andere Möglichkeiten“, sagten sie. „Möglichkeiten, bei denen du auch etwas verändern kannst, aber nicht selbst verändert wirst. Bist du dir sicher?“ Doch eisern erwiderte ich jedes Mal: „Jahrelang wurde ich ausgebildet. Keiner hat mich darauf vorbereitet, dass es so hart werden würde. Es ist keine Frage des Könnens oder des Sicherseins. Ich werde jetzt gebraucht. Also bin ich da.“ Und mit diesen Worten bin ich losgezogen. Losgezogen in einen Krieg, bei dem viele kein gutes Los gezogen haben.

Das schrille Piepen sticht weiter durch den stickigen Raum direkt in mein Herz. Jetzt spüre ich es deutlich. Der Takt hat sich verschnellert. Mir ist, als würden draußen verzweifelte Stimmen meinen Namen rufen.

Ich knöpfe meine Uniform zu und ziehe eine Maske über. Entschlossen werfe ich einen Blick auf die Tür. Meinen Mut hinterherwerfend, trete ich nach draußen. Kalte Luft schlägt mir entgegen und versucht unter meine Uniform zu kriechen. Fröstelnd kämpfe ich mich Schritt für Schritt voran, die Waffe fest unter meiner Uniform in der Hand haltend. Für einen Moment könnte man fast glauben, alles wäre normal. Die Sonne steht hellstrahlend am Horizont, der Himmel – das Nest zwitschernder Vögel. Aber blickt man genauer hin, offenbart sich der unruhige Himmel als graues Meer voller düsterer Wolken, in dem die kriegsliedersingenden Vögel zu ertrinken drohen:

„Der Krieg ist losgebrochen und die Schlachten sind erbarmungslos, Tag und Nacht.“

Der Marschtakt in meinem Kopf mit jedem meiner Schritte schneller werdend, wurde nur durch das schrecklich regelmäßige Vorbeifahren von Militärfahrzeugen durchbrochen. Die Waffe unter meiner Uniform zittert unter dem Druck meiner verkrampften Finger.

Noch eine Abzweigung, dann stehe ich vor dem großen, bedrohlich wirkenden Gebäude. Ich öffne die schwere Eingangstür und trete in den sterilen Flur. Das schrille Piepen schallt mir von einer geschlossenen, weißen Tür entgegen. Mechanisch bewege ich mich auf sie zu.

Meine Schritte sind taktlos.

Das Piepen, das mir von einem Monitor in dem Raum entgegenschallt, ebenso.

Ich betrachte den kleinen, hilflosen Körper, der in den großen, weißen Laken des Bettes zu ertrinken droht. Die Schläuche aus seinem Körper scheinen wie hilflose Arme nach mir zu greifen.

Plötzlich ist das Piepen nur noch ein durchdringender, taktloser Schrei im Raum.

Mir bleibt nicht viel Zeit, jetzt muss es schnell gehen.

Mit einer Hand greife ich den dürren Arm des kleinen Jungen und ziehe mit den verkrampften Finger der anderen die Spritze hervor. Für einen kurzen Moment halte ich inne. Kleine, blaue Augen mit dunklen, langen Wimpern blicken sich wieder so unschuldig in mein Herz, dass es mich innerlich zerreißt.

Dann drücke ich ab.

Langsam erscheinen die grünen Linien auf dem Überwachungsmonitor regelmäßiger, bis die großen, schönen Bögen schließlich wieder in normalen Bahnen auftreten und das kleine, grüne Herz in der rechten, unteren Ecke des Monitors vergnügt auf und ab hüpft.

Der Takt und das Piepen erklingen in einer wundervollen Melodie.

Der Patient atmet wieder. Ich atme auf.

Leise schlüpfe ich aus dem Raum und verlasse das Krankenhaus. Auf dem Heimweg werfe ich meine Maske in einen Mülleimer am Straßenrand. Sie hat tiefe Abdrücke hinterlassen. Zu Hause angekommen, ziehe ich meinen grünen Kittel aus und hänge ihn an den Haken. Durch den Spiegel über der Garderobe blicken mich hellgrüne Augen an, in denen sich Hoffnung spiegelt.

„Der Krieg ist losgebrochen und die Schlachten sind erbarmungslos, Tag und Nacht. (…) Es gibt jetzt hier keine Unterteilung mehr nach Chirurgen, Urologen und Orthopäden – wir sind alle nur noch Ärzte, die versuchen, diesen Tsunami zu bekämpfen, der auf uns herabstürzt. (…) Ich sah die Müdigkeit in Gesichtern von Menschen, die trotz der ohnehin schon anstrengenden Arbeitsbelastung nicht klagen. (…) Krankenschwestern mit Tränen in den Augen, weil wir nicht alle retten können. Es gibt keine Schichten mehr, keine Stunden.“

März 2020, Dr. Daniele Macchini, Klinik Bergamo

Auch, wenn dieser Text ebenso wie ein leeres Händeklatschen im Wind verhallt und Kriege keinesfalls mit Kriegen gleichzusetzen sind. Ihr sollt wissen: Wir sehen, was ihr leistet, ihr tapferen Kämpfer:innen. Danke für euren unermüdlichen Einsatz, Menschen zurück ins Leben zu holen.

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