Musiktheater - Mit einem „Live-Hörspiel-Konzert“ zu „Faust“ ist das Nationaltheater beim Carstival auf dem Maimarktgelände zu Gast Süße kleine Lügen

Von 
Ralf-Carl Langhals
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Auf der Suche nach dem, „was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält“, hat sich schon mancher verirrt. Den vier Protagonisten des Mannheimer Schauspielensembles schwirren zu Beginn des ambitionierten Spektakels auf dem Maimarktgelände in Überlappungen und Dauerschleifen Begrifflichkeiten um die Ohren, die des Menschen Streben nach Verstehen und Begreifen verknappen: „Was ist Moralität? Die Würde des Menschen ist unantastbar. Alles ist konstruiert. Der Satz des Pythagoras.“

„Faust“ vor Autopublikum – und mit viel Musik: Eine Szene aus der Aufführung auf dem Maimarktgelände. © Manfred Rinderspacher
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Atmosphärisch wabern also Erkenntnistheorien aus Mathematik, Philosophie und Jurisprudenz in den regnerischen Abendhimmel des Mühlfelds, wo das Carstival im Autokino-Format derzeit gute Unterhaltung ins corona-zersetzte Kulturleben bringt. Ein gelungener theatralischer Einstieg in der Deutschen berühmtestes Drama. „Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie...“ Wir können uns den anschließenden Reim auf Tor sparen, wissen wir doch, dass Dr. Faust sein „heißes Bemühn“ bitter bereut. Fahl und blutleer ist er über den Studien geworden und „zwei Dinge, so herrlich und groß“ sind dem alternden Manne verwehrt geblieben: „das glänzende Gold und der weibliche Schoß“. NTM-Ensemblemitglied Eddie Irle, der dazu mit drei Schauspielkollegen das ungewöhnliche Format eines gut 70-minütigen „Live-Hörspiel-Konzerts“ konzipiert hat, schenkt dieser dramatischen Grundsituation wenig Beachtung. Sein Faust ist nicht nur mit einer Frau, seiner exzellent singenden und eindringlich sprechenden Kollegin Annemarie Brüntjen, sondern somit auch wesentlich jünger besetzt.

„Faust“ – das Drama

  • „Als „Urfaust“ bezeichnet man die frühe Fassung von Johann Wolfgang Goethes Schauspiel, die zwischen 1772 und 1775 entstand. Der 23-jährige Dichter schrieb zeitgleich an seinem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“, der ihn berühmt machte. Mit 40 Jahren (1789) arbeitete Goethe weiter an dem Stoff: „Faust. Ein Fragment“.
  • Er überarbeitete ihn um 1800 zu „Faust. Eine Tragödie“. Mit Erscheinen seines Alterswerks „Faust II“ (1825-31) heißt das Werk dann „Faust. Der Tragödie erster Teil“. Er verquickte darin das Schicksal der Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt und die längst märchenhaft überhöhte Geschichte des historisch verbürgten mittelalterlichen Gelehrten Dr. Johann Faust.
  • Zahlreiche Komponisten beschäftigte Goethes Stoff: Robert Schumann, Richard Wagner, Franz Liszt, Hector Berlioz oder auch Charles Gounod. 

Konzentration auf Lieblingsszenen

Der berühmte Spielort des „hohen gotischen Zimmers“ ist einer hippen New Yorker Wolkenkratzer-Terrasse gewichen, die es zwar nicht zu sehen, aber über Soundteppich zu hören gibt. Seiner Lebenssattheit würde bereits ein winziger Schritt nach vorne Abhilfe schaffen, doch statt Tod gibt es Teufel. Mephisto heißt er, und Vassilissa Reznikoff raunt und singt ihn maliziös-verführerisch.

Auf dem Maimarktgelände ist Faust also kein frustrierter Altakademiker auf Freiersfüßen, sondern eine junge, kreative Kosmopolitin in der Sinnkrise. Das darf man so machen, will man im Club-Format erreichen, dass theaterferne Junge den Stoff für sich entdecken. Argumentativ könnte sich Irle auch auf die Entstehungszeit des „Urfaust“ stützen, den der junge Goethe noch stürmend, drängend parallel zu seinen „Leiden des jungen Werthers“ schuf.

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Aber das braucht er nicht. Ohnehin entzieht sich die aus mehreren Stückfassungen collagierte Textgrundlage einer dramaturgischen Entscheidung. Lieblingsszenen und eine traurige Liebesgeschichte sollen erzählt werden. Das löst der Abend fraglos ein: musikalisch, modern, verständlich, kurz und schmerzlos. Zumindest für diejenigen, die ihn als literarisches Konzert, Indie-Techno-Liedermacher-Hörspiel im Auto über Radio hören und auf der Leinwand des Carstivals zwischen synchron tanzenden Scheibenwischern sehen können.

Dass dabei oft auf das Notenpult nach Text geschielt wird, Ton und Bild zeitlich leicht versetzt sind, visuell gewollt wenig geschieht und Abstand haltende Schauspielerei per se befremdlich ist, stört sicher nur eingefleischte Sprechtheaterfreunde. Dennoch: Deren Theaterhunger zu stillen, wäre vielleicht dringlicher gewesen als die zu akquirierende Zukunftsmusik der Clubszene. Eine solche gibt es auch hier, „Auerbachs Keller“ heißt der heiße Schuppen, wo Techno, Bierflaschen und Koks für beste Unterhaltung sorgen und Fäustin Brüntjen auf den keuschen Greterich in Gestalt von Eddie Irle trifft. Zum brillant vorgetragenen Chart-Hit „Als hätt sie Lieb im Leibe“ geht die Party richtig los.

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Auch später im Garten der kuppelnden Nachbarin Marthe (Patrick Schnicke) wird Gretchens „Meine Ruh ist hin“ zu einem heftig beklatschten und behupten Erfolgsschlager. Als Liebesduett von Faust und Gretchen – durch Vassilissa Reznikoff und Patrick Schnicke zum Quartett ergänzt – wird Goethes Text zum Libretto eines Songs in Liedermacherqualität, voll Wärme und gegenwärtiger Poesie. Auch an der Hörspielqualität gibt es nichts zu mäkeln. Gerätepiepsen auf der Intensivstation, Geschmatze auf Unterarmen und mit Salatgurken, Polizeisirenen und ein Ritt durch die Popgeschichte lassen kaum Wünsche offen und haben Witz. Etwa wenn durch die berühmte Gretchenfrage („wie hast du’s mit der Religion?“) der Fleetwood-Mac-Hit „Little Lies“ mäandert. Bei der Verführung selbst greift man mit süßen kleinen Lügen und Mendelssohn Bartholdys „Elias“-Chorsatz „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir“ dann vielleicht doch ein wenig zu tief in die Kitschkiste.

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Nun lässt der Zug merklich nach, der Sack muss offensichtlich schnell zugemacht werden. Kein Wunder: Kalte Füße und beschlagene Scheiben sorgen für anspringende Motoren. Wie kalt dem „Faust“-Quartett bei nur noch 12 Grad unter den Regenoveralls sein muss, lässt sich nur vermuten. Auf Muttermord, Blitzschwangerschaft und Kerker folgt rasch und kühl ein mephistophelisch-urfaustisches „Sie ist gerichtet!“ Auf das himmlische „Gerettet!“ der späteren Fassung wird verzichtet. Wie auf vieles andere. Selbst gelungene Experimente erfordern Opfer – auch von Schauspielfreunden.

Carstival "Faust" im Mannheimer Autokino

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Redaktion Ralf-Carl Langhals studierte Jura, Germanistik, Romanistik, Theater- und Musikwissenschaft in Mannheim, Berlin und Nizza. Er arbeitete als Regieassistent und Dramaturg an verschiedenen deutschen Theater und schrieb danach als freier Theaterkritiker für SWR, Die Welt, Frankfurter Rundschau, Theater der Zeit u.a. Seit 2006 ist er Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen, zuständig für die Bereiche Schauspiel, Tanz und Performance.