Literatur - Julian Barnes schreibt über einen „Mann im roten Rock“ / An diesem Dienstag wird der britische Schriftsteller 75 Jahre alt Subtil-ironische Reise ins England der 1880er-Jahre

Von 
Ulrich Rüdenauer
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Schrieb auch unter dem Pseudonym Dan Kavanagh: Julian Barnes. © dpa

Wer sich früheren Zeiten zuwendet, möchte meist etwas über das Jetzt erfahren. So erzählt „Der Mann im roten Rock“ von Julian Barnes zwar von der Belle Époque, aber natürlich kommen wir nicht umhin, dieses Porträt auf unsere Gegenwart zu beziehen. Es ist ein leichthändig geschriebenes und zugleich gewichtiges Buch über die Kunst und über die Macht des Klatsches, über die Lust am Spiel und das Spiel mit Gerüchten, über Freund- und Feindschaften, Duelle und Attentate.

Handlung setzt 1885 ein

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Und über die freudigen, verschrobenen, vielgestaltigen Beziehungen zwischen den Briten und Franzosen. Ein Hurra also auf die prachtvollen Missverständnisse und den fruchtbaren Ideenaustausch in Europa, und das alles vor dem Hintergrund eines im Brexit Ausdruck findenden insularen Patriotismus und einer tief gespaltenen EU. Julian Barnes, der an diesem Dienstag 75 Jahre alt wird und zu den großen Autoren der Gegenwart gehört, taucht mit „Der Mann im roten Rock“ also in eine andere Zeit ein, um vom Ungenügen der heutigen zu erzählen, oder besser: um ihrer Engstirnigkeit zu entkommen.

Samuel Jean Pozzi ist der Mann, der von John Singer Sargent im Rock gemalt wurde – das magnetische Zentrum im wunderbaren Langessay von Barnes. Aus einfachen Verhältnissen hatte er sich in die Elite der Pariser Gesellschaft emporgearbeitet. Pozzi war anglophil, kunstsinnig, elegant und blendend aussehend, ein Gynäkologe von Ruf und Weitsicht und ein fast noch größerer Liebhaber. „Pozzi war überall“, schreibt Barnes. Er verkehrte mit allen – gesellschaftlich und im Bett.

In Barnes’ subtil ironisch erzählter und raffiniert komponierter Geschichte hängt jeder mit jedem zusammen. Man lästerte übereinander, förderte sich, unternahm Reisen. Mit einer solchen setzt das Buch ein: Der junge Pozzi fährt 1885 zusammen mit dem Grafen Robert de Montesquiou und dem Prinzen Edmond de Polignac nach England, eine „intellektuelle und dekorative Einkaufstour“.

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Man besucht gemeinsam das Händel Festival im Crystal Palace, stattet Galerien Visiten ab, speist mit Henry James. De Montesquiou kommt bei Barnes die zweite Hauptrolle zu: ein homosexueller Dandy und Exzentriker par excellence, der augenscheinlich auch Literaten anregte. Die Figur des Baron de Charlus in Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ trägt ebenso seine Züge wie Des Esseintes, der dekadente Held in Huysmans „Gegen den Strich“.

Überzeugende Übersetzung

Barnes’ Buch ist randvoll mit hinreißenden Anekdoten, scharfsinnigen Beobachtungen, satirischen Spitzen, herrlich skurrilen Fundstücken. Es entsteht ein Wimmelbild des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, beobachtet mit feinem Sinn für die Doppelbödigkeit alles Überlieferten. Man hat das Gefühl, dank Barnes nicht auf eine Epoche zu blicken, sondern mit ihm in ihr herumzuspazieren. Auch wenn „Der Mann im roten Rock“ also kein Roman ist, hochliterarisch und dazu erkenntnisreich ist er allemal – und brillant übersetzt von Gertraude Krueger. Ein besserer Start in den literarischen Frühling lässt sich gar nicht denken.

Freie Autorenschaft