Gedenktag - Das Festival gilt als Fanal der Gegenkultur, weil 400 000 bis 500 000 Besucher allen Widrigkeiten zum Trotz ihre Werte feiern Statt zur Katastrophe wird Woodstock zum Mythos

Von 
Jörg-Peter Klotz
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Rock-Ikone Janis Joplin genießt ihren Auftritt sichtlich. © Elliott Landy/dpa

Dreieinhalb Tage voller Frieden und Musik haben vor 50 Jahren – ein Stück weit – die Welt verändert: Vom 15. bis in den Vormittag des 18. August 1969 erlebten geschätzte 400 000 bis 500 000 junge Menschen mit ihren Stars, Helfern und Polizisten das erste Rockfestival dieser Dimension. Ein musikalisches, in Zeiten von Vietnamkrieg und Studentenrevolten auch ein hochpolitisches „Fanal der Gegenkultur“, wie es US-Fotograf und Zeitzeuge Elliott Landy im Gespräch mit dieser Zeitung formuliert hat. Es fand unter heute unfassbaren Bedingungen statt.

Daten und Fakten

  • Das Festival „Woodstock Music & Art Fair presents An Aquarius Exhibition – 3 Days of Peace & Music“ war ursprünglich vom 15. bis 16. August 1969 in der Nähe der Kleinstadt Woodstock (US-Bundesstaat New York) mit etwa 100 000 Zuschauern geplant.
  • Proteste der Woodstock-Bewohner zwangen das Veranstalter- und Investorenquartett um Michael Lang, einen neuen Standort zu suchen. Fündig wurden sie am 15. Juli 70 Kilometer entfernt im Dorf White Lake bei Bethel.
  • Aufgrund des finanziellen Mehraufwandes wurde das Festival auf drei Tage verlängert und die Besucherkapazität auf 200 000 erhöht. Im Vorverkauf waren 186 000 Karten abgesetzt worden.
  • Da auf dem circa 2,4 Quadratkilometer großen Weideland des Milchbauern Max Yasgur die komplette Infrastruktur aufgebaut werden musste, reichte die Zeit nicht, um das komplette Festivalgelände einzuzäunen.
  • So versammelten sich bis zu 500 000 Besucher unkontrolliert. Das zwang Lang und Co. dazu, aus Woodstock ein Gratisfestival zu machen. Der Verlust von von 1,3 Millionen Dollar (entspricht heute etwa 8,5 Millionen Dollar) war erst 1980 abbezahlt.
  • Da der Menschenansturm auch die Anreise der Musiker verhinderte, brauch auch der Zeitplan zusammen. So begann Woodstock am Freitag um 17.07 Uhr mit Richie Havens und endete nach dreieinhalb Tagen am Montagmorgen um 11.10 Uhr mit Jimi Hendrix.
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Das Szenario: mehr als 2,4 Quadratkilometer Weidefläche bei Bethel, 70 Kilometer von Woodstock im Bundesstaat New York entfernt, zeitweilig völlig verschlammt im Dauerregen. Dort versammelte sich diese enorme Menge unkontrolliert, weil die Zäune nicht fertig wurden und die Einlasskontrollen vor dem Ansturm kapitulierten. Es gab keine ausreichende Verpflegung, sanitäre Einrichtungen und medizinische Versorgung. Bei völlig blockierten Nachschubwegen hätte das in eine ausgewachsene Katastrophe münden können. Nicht nur deshalb erwog der republikanische Gouverneur, das Gelände mit Hilfe der Nationalgarde zu räumen.

Bücher, Filme, Platten zur Festivallegende

  • Michael Langs Biografie: Zarte 24 Jahre alt war der New Yorker Michael Lang als er mit Artie Kornfeld und zwei weiteren Partnern auf die vermeintlich profitable Geschäftsidee kam, in ländlicher Idylle ein Rock-Festival aus dem Boden zu stampfen. Die Veranstalter wurden zwar völlig überrannt, schrieben aber trotzdem mehr als nur Rockgeschichte. Detailliert, mit vielen Zitaten von Musikern oder Zeitzeugen und erfreulicherweise ohne große Selbstbeweihräucherung dokumentiert sein erstmals auf Deutsch erhältliches Buch die Geschichte Woodstocks von der Planung bis zu den Folgen („Woodstock. Die wahre Geschichte. Vom Macher des legendären Festivals“. Edel Books, 384 Seiten, 24.95 Euro).
  • Elliott Landys Bilder: Die Wanderausstellung zum 50 Jubiläum des Woodstock-Festival gastiert hierzulande in Papenburg/Hauptkanal (bis 2. September), bei den Karlsruher Schlosslichtspielen (bis 15. September) und in der Nürnberger Egidienkirche (16. August bis 30. September). Die Schau kreist um 160 ikonische Fotografien des Fotografen Elliott Landy und seine Vision von Woodstock. Sein eindrucksvoller Bildband „Woodstock Vision. The Spirit Of A Generation“ (Zweitausendeins Verlag, 224 Seiten, 29,90 Euro) ist Ende Mai auf Deutsch erschienen.
  • Michael Wadleighs Film: Die Dokumentation des Festivals ist ein Meilenstein des Musikfilms und in jeder Version sehenswert. Buchstäblich ultimativ ist eine Version, die bereits zum 40. Woodstock-Jubiläum erschienen ist: „Woodstock. Ultimate Collector’s Edition“ zaubert auf vier DVDs oder zwei Blu-ray-Discs im von Regisseur Michael Wadleigh neu geschnitten Director’s Cut 24 bis dahin unveröffentlichte Aufnahmen aus den Archiven. (Warner)
  • Die Musik: Neben dem Bestseller-Soundtrack zur Wadleigh-Doku hat vor zehn Jahren die Jubiläums-Edition „Woodstock-40 Years on: Back To Yasgur’s Farm“ Maßstäbe gesetzt. Noch etwas vollständiger und klanglich an den Zeitgeschmack angepasst ist die aktuelle Edition „Woodstock – Back To The Garden“ in der rund 160 Euro teuren Zehn-CD-Ausgabe. Als Dreifach-CD oder Fünfer-LP liefert sie weitgehend das Übliche. Die spektakuläre, strikt auf 1969 Exemplare limitierte 38-CD-Deluxe-Box mit dem Komplettangebot 433 Tracks ist bereits vergriffen (erschienen bei Rhino).

Triumph der Menschlichkeit

Was stattdessen passierte, grenzt an ein Wunder: Im Geiste der Hippie-Ideale Friede, Liebe und Verständnis wurde Woodstock zu einem weitgehend friedlichen Rock-Utopia. Trotz des organisatorischen Desasters sowie einem Übermaß an Drogen und Alkohol kam es nicht zu großen Aggressionen. Die Besucher halfen sich und den Veranstaltern. Und als dann tatsächlich die Lebensmittel, vornehmlich Eier, und Getränke komplett ausgingen, plünderten die Anwohner ihre Vorräte und die Armee flog Essen und Medikamente per Hubschrauber ein. „Die Kids waren hungrig. Da mussten wir ihnen was zu Essen besorgen“, sagt ein Nachbar in Barak Goodmans unterhaltsamen Dokumentarfilm „Woodstock: Drei Tage, die eine Generation prägten“ (verfügbar in der ARD-Mediathek). Eine andere Anwohnerin sagt: „Wir waren vielleicht Hinterwäldler, aber wir heißen Fremde willkommen. Wie es in der Bibel steht.“ Ein kompletter Triumph der Menschlichkeit.

Dem allen hat vor allem Michael Wadleighs Oscar-gekrönter Film „Woodstock – Three Days Of Peace And Musik“ ein Denkmal gesetzt, als Gegenentwurf zum puritanischen Amerika der 1950er und 1960er Jahre. Als die Festivaldokumentation 1970 weltweit erfolgreich in den Kinos lief, manifestierte sie den Musikmythos Woodstock: Joe Cocker mit seiner Beatles-Adaption „With A Little Help From My Friends“, vor allem Santana, Janis Joplin und der besonders ausführlich gezeigte Gitarrenvirtuose Jimi Hendrix mit seiner damals skandalösen, wie mit dem Maschinengewehr zerschossenen Version der US-Nationalhymne wurden spätestens jetzt zu Weltstars. Wadleighs Film und die Soundtrack-Platte funktionierten wie ein Vorläufer von MTV – als gigantische PR-Maschine.

Wie ein frühes MTV

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Auch, weil sie eine neue Rock-Generation ins Schaufenster stellten – wie Folksänger Richie Havens, der sanft gezwungen werden musste, das Festival zu eröffnen, die stilprägenden Funk-Pioniere Sly And The Family Stone, aber auch die schwangere Joan Baez, The Who, Ten Years After, Canned Heat oder Jefferson Airplane kamen zu enormer Popularität. Dazu kamen Crosby Stills & Nash, die am 17. August in Woodstock ihren zweiten Auftritt mit Neil Young hatten.

Dass Stars wie Creedence Clearwater Revival, Johnny Winter oder The Band und die Hippie-Götter Grateful Dead in Woodstock spielten, war vielen lange nicht bewusst. Denn diese Künstler tauchten im Film nicht auf. Ohnehin verhinderten zwangsläufig schlechte Sicht und Akustik sowie in vielen Fällen noch schlechtere Drogen, dass die Besucher vor Ort allzu viel von der Musik mitbekamen. Hendrix spielte zum Beispiel am Montag zum Festivalausklang um 9 Uhr, als das Gros des Publikums schon die Abfahrtswege verstopfte.

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John Lennon war zwar nicht dabei, aber das Fazit des Ex-Beatles gilt bis heute: „In Woodstock hat sich die größte Menschenmenge versammelt, die nicht für ein kriegerisches Ereignis zusammengekommen ist. (…) Selbst auf einem Beatles-Konzert ging es gewalttätiger zu als dort.“ Der durch Woodstock ruinierte Veranstalter Michael Lang bilanzierte: „Was (...) sich anfühlte wie eine Abfolge etlicher Beinahecrashs und kleiner Siege, gipfelte in einem Festival, wie es die Welt zuvor noch nie gesehen hatte.“

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