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Erzähl mir was

Silvia - wenn das eigene Kind stirbt

Kinder sollten nicht vor ihren Eltern sterben. Die Ich-Erzählerin erlebt den Tod der Tochter im Krankenhaus, spürt unendliche Trauer und Wut – bis sie einen Regenbogen als Zeichen erfährt.

Lesedauer: 
© dpa

Von Heidi Moor-Blank

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"Kommen Sie bitte mit in mein Büro.“ Der Chef der Kinderklinik sagt dies sanft, aber sehr bestimmt. Wir stehen neben einem Klinikbett, darin ein kleines Mädchen, mehrere Pflegerinnen kontrollieren die Infusion, richten die Sauerstoffmaske und messen permanent den Blutdruck.

Ich folge ihm. Er lehnt sich an seinen Schreibtisch, zeigt auf einen Besuchersessel, ich schüttele nur den Kopf.

„Wir können nichts mehr für sie tun. Die Bakterien sind überall, haben den kleinen Körper überschwemmt, das Blut ist voll davon.“

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Ich höre, verstehe, was er sagt, aber begreife nicht diese endgültige, grausame Konsequenz seiner Aussage.

„Ich kann ihr Blut spenden! Wir haben die gleiche Blutgruppe! Ich hab meinen Ausweis dabei!“

Mein Verstand sucht Lösungen, um seine Worte abzublocken. Er schüttelt den Kopf. Er sieht mitgenommen aus. Hilflos. Seine Stimme ist rau und brüchig – fast möchte ich ihn trösten.

„Die Antibiotika greifen nicht. Sie schaffen es nicht. Jedes neue Blut wäre sofort infiziert. Die Organe werden es nicht mehr lange mitmachen.“

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„Ich will wieder zurück zu ihr.“

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Er nickt. Das Zimmer ist inzwischen leer und abgedunkelt. Alle Kabel sind weg. Ich setze mich ans Bett, lege meine Hand auf den kleinen Körper, fühle das Herz schlagen.

Und plötzlich hört es auf. Ich habe vorher noch nie einen Menschen sterben sehen. Ich warte auf meine Tränen. Auf die Verzweiflung. Auf das Begreifen. Ich klingele, und als die Schwester leise hereintritt, frage ich sie, ob sie mir helfen kann, die kleinen Augen zu schließen. Weil man das ja so machen muss. Sie nickt. Ich sitze noch eine ganze Weile am Bett, die Hand auf dem kleinen Brustkorb. Der sich nun nicht mehr hebt und senkt.

Irgendwann, nachdem ich ihr alles zugeflüstert habe, was ich noch zu sagen hatte, springe ich auf und stolpere aus dem Zimmer, auf den Flur, hinaus in den Frühlingsmorgen.

Es ist viel zu tun. Glaube ich.

Gestern Nachmittag haben wir noch zusammen Eis gegessen. Ich war verwundert, dass sie die zweite Kugel, die ich ihr nach langer Diskussion erlaubte, nicht mehr schaffte. Abends hatte sie Fieber. Normalerweise kein Grund für Überaktivität. Wadenwickel, Fieberzäpfchen – ständig fangen sie sich was ein. Aber ihr Schulfreund war vor einer Woche ins Koma gefallen. Innerhalb von Stunden hatte er gefährlich hohes Fieber bekommen und der Notarzt hatte ihn gleich einweisen lassen. In der gleichen Nacht hatte eine Entzündung sein Hirn stark anschwellen lassen und er war kollabiert. Meningokokken lautete die Diagnose. „Die Menschheit fliegt zum Mond und kriegt diese Bakterien nicht unter Kontrolle?“ hatte ich damals gesagt. Jetzt rief ich direkt die Kinderklinik an, schilderte die Symptome, und dass die beiden in den Osterferien sehr viel Kontakt hatten. Dann brachte ich sie hin. Sie war fiebrig, aber ansprechbar. Ich habe ihr die Klingel erklärt und dass sie nicht selbst aufstehen dürfe, wegen der Infusionsnadel im Arm.

„Weiß ich doch, Mama!“

Als sie eingeschlafen war, meinte die Schwester, das sei ein gutes Zeichen. Die Antibiotika schienen anzuschlagen.

„Sie wird jetzt eine ganze Weile schlafen, fahren Sie nach Hause.“



Nachts um halb drei ruft die Klinik an. Ich soll kommen. Kurz vor sechs ist sie gestorben. Es ist seltsam, wie gut die Natur es eingerichtet hat, dass der Mensch nur so viel begreift, wie er auch ertragen kann. Das Gespräch mit dem Beerdigungsinstitut, die Auswahl des Kleidchens für den Sarg, die Erlaubnis zur Obduktion, um vielleicht den Schulfreund aus dem Koma holen zu können, das Buchen des Cafés für den Leichenschmaus – all diese Dinge tue ich konzentriert, aber wie in Trance.

Eingepackt in einen dicken Wattekokon erlebe ich die Tage um die Beerdigung wie in dichtem Nebel. Das Gefühl des letzten Herzschlages immer noch in meiner Hand, habe ich aber auch dieses letzte Schnappen nach Luft in meinem Hirn. Diese weit aufgerissenen Augen sehe ich immer vor mir, wenn ich an sie denke, und ich bedauere sehr, die Frage der Krankenschwester, ob ich sie noch einmal sehen wolle, verneint zu haben. Das war, als ich ihre Sachen auf der Kinderstation abholte.

Das Zimmer war jetzt hell und leer, kein Bettchen stand darin, und doch war das alles hier passiert. Einen Moment überlegte ich, ob ich nicht auch ein Holzkreuz hier aufstellen sollte. So wie es einige für Unfallopfer am Straßenrand gibt. Wo man Blumen ablegen kann. Direkt am Sterbeort. Und ich fragte mich, ob oft Kinder starben auf dieser Station. Und vielleicht schon mehrere Kreuze hier ihren Platz haben müssten.

Fürsorglich hält sie das Tuch zusammen

Die Krankenschwester hatte Dienst, die mir geholfen hatte, ihr die Augen zu schließen. Und übergab mir ihre Kleider. Und fragte mich, ob ich sie noch einmal sehen wolle. Ich hatte nur den Kopf geschüttelt und war gegangen.

Und das tut mir jetzt leid.

Einen Tag später bin ich im Keller der Kinderklinik auf der Suche nach einer Tür mit der Beschriftung „Kühlkammer“ oder „Leichenhalle“. Klar ist abgeschlossen. Und klar wird mir auch in diesem Moment, dass man mich vielleicht wegsperren würde, wenn man mich auf meiner Suche entdeckte.

Auf der Station frage ich nach der Schwester. Und ich habe Glück, auch heute hat sie Dienst. Sie hat nicht nachgefragt, als ich zielstrebig auf den Keller und den Leichenkühlraum zusteuere. Und sie hat ganz fürsorglich das weiße Tuch über der schmalen Brust zusammen gehalten. Obwohl ich genau weiß, dass dort der Y-Schnitt der Obduktion zu sehen sein muss.

Aber ich habe sowieso nur Augen für das Gesicht. Das Köpfchen leicht auf die Seite geneigt, die Augen geschlossen, die Unterlippe zu einem kleinen Schippchen vorgeschoben. Dieser Anblick macht mein Hirn wieder heile. Das letzte Bild von ihr in ihrer Sterbeminute wird überlagert von diesem so entspannten Gesichtsausdruck.

In den nächsten Tagen kommt die Trauer.

Heidi Moor-Blank über sich

Ich bin 63 Jahre alt, wohne in Lustadt und bin seit 1. Juni im Ruhestand. Großartiges Gefühl – und vielleicht endlich die Basis, längere Texte zu schreiben.

Als Mitglied der Mörderischen Schwestern schreibe ich kriminelle Kurzgeschichten. Diese sind veröffentlicht in Anthologien; eigene Geschichten habe ich zudem in zwei Sammelbänden herausgebracht.

Zu meiner bisherigen Arbeit in einem Softwarehaus war das Geschichtenschreiben ein super Ausgleich. Aber Schreiben war schon immer wichtig für mich.

Endlich kommen Tränen. Und schreckliche Wut. Das Weltgefüge ist verletzt. Kinder dürfen nicht vor ihren Eltern sterben.

Und ich war keine Mama mehr. Alles, was ich ihr beigebracht hatte, war weg. Radfahren, Schwimmen, Tischmanieren und andere Lebensregeln – weg. Ich hatte ihre erste Liebe erleben wollen. Vielleicht ihre Hochzeit, vielleicht Enkelkinder – alles weg.

Gehen, gehen, bis ich nicht mehr kann

Ich strukturiere meine Tage. Geh wieder zur Arbeit. Das lenkt ab und funktioniert gut. Abends vergrab ich mich in meine Trauer, heule und schreie, sehe alte Fotos und Filme an. Ich suche den Schmerz, er kann gar nicht groß genug sein. Dann schlafe ich erschöpft ein.

So geht das viele Tage. Ich war mir sicher, das würde nie aufhören, und ich würde daran zugrunde gehen. Obwohl mich kaum jemand weinen sah.

So können Sie abstimmen

  • Der Wettbewerb: Noch bis Samstag, 17. Juli, lesen Sie täglich die besten Geschichten unseres Schreibwettbewerbs „Erzähl mir was“. Es sind die von einer zwölfköpfigen Redaktionsjury aus rund 110 gültigen Einsendungen ausgewählten Finaltexte. Daraus wählen Sie den Sieger oder die Siegerin sowie die anderen Platzierungen aus.
  • Die Entscheidung: Ab Samstag, 17. Juli, bis einschließlich Samstag, 24. Juli, können Sie für Ihren Favoriten ihre Stimme abgeben. Das tun Sie am besten direkt auf unserer Website (Adresse siehe unten) oder telefonisch (Nummer und Zeit siehe unten). Jede Person kann nur einmal für einen Text abstimmen.

An einem ganz schlimmen Tag bin ich direkt von der Arbeit in die Weinberge gefahren. Ich will gehen, gehen, bis ich nicht mehr kann. Ich rede mit mir selbst, ich diskutiere, schimpfe und heule. Das Wetter ist grausig, deshalb bin ich mir sicher, niemandem zu begegnen und kann alle Gefühle einfach rauslassen.

Auf dem Berg angekommen, stehe ich neben der kleinen Kapelle und sehe eine Wolkenwand über dem Haardtrand aufsteigen. Die ersten Tropfen klatschen mir ins Gesicht. Der Wind reißt an meiner Regenjacke, und ich schreie all meine Verzweiflung in dieses Unwetter.

Irgendwann bin ich erschöpft.

Und klatschnass – trotz Regenjacke.

Als ich mich umdrehe, steigen mir erneut Tränen in die Augen. Aber dieses Mal nicht aus Verzweiflung. Der wunderschöne, riesige Regenbogen, der dort zu sehen ist, bringt Frieden in meine Seele. Ich werde ganz ruhig. Fühle mich getröstet. Wie ein kleines Kind bin ich mir plötzlich sicher, dass meine Kleine da oben im Himmel mir diesen Regenbogen geschickt hat. Um mich zu trösten und mir zu sagen, dass alles gut ist. Natürlich war die Trauer nicht plötzlich vorbei. Aber sie war nun anders. Die extreme Verzweiflung war nicht mehr da. Weinen befreite. Tränen trösteten. Die Wut war abgeflacht.

Dieser Regenbogen war der erste Schritt. Der erste Schritt zurück in mein Leben.

Diese etwas kitschige Erzählung ist eine wahre Geschichte. Meine Tochter starb am 15. April 1988 an einer Meningokokken-Infektion.

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