Geschichte - Wie Amerika das kulturelle Leben nach 1945 auch in der Rhein-Neckar-Region nachhaltig geprägt hat Siegeszug der Lässigkeit

Von 
Georgt Spindler
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Rhein-Neckar. Angesichts von Donald Trumps Machenschaften und grassierendem Rassismus haben die USA heute viel von ihrer Anziehungskraft eingebüßt. Vor 76 Jahren war das Gegenteil der Fall: Nach dem Ende der NS-Diktatur empfanden die meisten Deutschen die Begegnung mit der US-Kultur als Offenbarung. Vor allem der Jazz, der dem stampfenden Gleichschritt der Nazi-Aufmärsche eine unerhört beschwingte Leichtigkeit entgegensetzte, faszinierte.

Deutsch-amerikanische Begegnung 1952 in Mannheim: Louis Armstrong beobachtet Wolfgang Lauth, dahinter Ernst Knauth. © Jazzinstitut /Sammlung Lauth
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Les Browns gerade in jener Zeit des Zusammenbruchs so unverschämt entspannt daherkommender Hit „Sentimental Journey“, von Doris Day mädchenhaft gesungen, wurde 1945 in den Monaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu einem Gassenhauer – und sogleich eingedeutscht. Auch in Mannheim sang man zur Melodie: „Babbe, guck – do vorne liegt en Kippe, sterz dich druff, sunscht is er fort.“

Durch Jazz entnazifiziert

Fritz Rau, der seine Karriere als Konzertveranstalter in Heidelberg begann, betonte rückblickend immer wieder, er sei als Jugendlicher „durch den Swingjazz an Körper, Geist und Seele entnazifiziert“ worden. Der Militärradiosender AFN verbreitete die neuen Klänge von Glenn Miller oder Count Basie, die eine ganze Generation begeisterten. Und die Zigtausende von US-Soldaten, die in Mannheim, Heidelberg und Schwetzingen stationiert waren, trugen die Musik in die Region.

Die Army-Clubs, nach Angaben des Mannheimer Gitarristen Klaus Nagel allein in Mannheim fast ein Dutzend, wurden zum Traingscamp für Jazzer wie Wolfgang Lauth, Fritz Münzer oder Hans „Dottler“ Laib, die Mannheim in der Wirtschaftswunder-Zeit zu einem viel beachteten Zentrum der swingenden Zunft machten. Der Jazzclub „Cave“, 1954 in Heidelberg eröffnet und heute noch bestehend, war damals ein weithin ausstrahlender Mittelpunkt der Szene. Hier jammten spätere Berühmtheiten wie Don Ellis, Cedar Walton oder Albert Ayler. Unter den Gästen waren durchreisende Jazzstars wie Ella Fitzgerald, Lionel Hampton oder Chet Baker.

Heiße Nächte in der Adenauer-Ära

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Die GI-Clubs waren aber auch für Popgrößen wie Joy Fleming oder Hans Reffert noch in den 1960ern prägend. Zudem gab es eine Fülle von Tanzcafés, Musikbühnen und Nachtlokalen, in denen Jazz gespielt wurde. Es war, wie der Mannheimer Musiker Jochen Brauer einmal sagte, „eine Explosion des neuen Erlebens“. Keine Spur von der angeblichen Spießigkeit der Adenauer-Ära.

Die Deutschen entdeckten Jazz und später auch Rock und Soul als Ausdruck individueller Freiheit. Und viele waren fasziniert von der Begegnung mit dem Unbekannten: den Afroamerikanern. Heute, wo in jeder Casting-Show Lieder hinausgeschrien werden bis zur Karikatur, ist es kaum noch nachvollziehbar, mit welcher Begeisterung damals Louis Armstrong mit seiner Kratzstimme und dem jubilierenden Trompetenspiel gefeiert wurde. Oder später der samtige Gesang und die exotischen Rhythmen von Harry Belafonte.

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Die neue amerikanische Lässigkeit zeigte sich auch in anderen kulturellen Bereichen. Schriftsteller wie John Steinbeck, Ernest Hemingway oder Norman Mailer kultivierten eine Kunst des Erzählens, die – entschlackt und prosaisch – so ganz anders wirkte wie etwa die hochkultivierte, bildungsbürgerlich geprägte Diktion eines Thomas Mann. Und die US-Literatur beleuchtete das Leben der „kleinen Leute“, der Fabrikarbeiter, Farmer und Hobos.

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Ganz anders waren auch die neuen Kino-Helden aus den USA: Marilyn Monroes unverhohlener Sexappeal, Marlon Brando als zorniger junger Mann oder James Dean mit seiner Mischung aus Verletzlichkeit und jugendlicher Rebellenattitüde erinnerten in nichts an die biederen deutschen Leinwandstars (Horst Buchholz mal ausgenommen). Die US-Ikonen – man denke nur an Robert Mitchums, ja, lässigen Gang – agierten mit einer Körperlichkeit vor der Kamera, die heute Standard ist.

Aber auch auf der Schauspielbühne waren die neuen Einflüsse schon früh spürbar – wenngleich deutlich weniger nachhaltig als in anderen Bereichen. Schon Ende der 1940er Jahre tauchen dort Werke von US-Dramatikern im Programm des Nationaltheaters Mannheim auf, das damals in der Schauburg spielte. Von Thornton Wilder wird 1948 das vor dem Hintergrund der Kriegskatastrophe entstandene apokalyptische Menschheitsdrama „Wir sind noch einmal davongekommen“ gezeigt: trotz experimenteller Verfremdungseffekte ein ebenso großer Erfolg wie drei Jahre später „Unsere kleine Stadt“. Glänzende Kritiken ernteten auch die Stücke von Arthur Miller („Tod eines Handlungsreisenden“,1950, „Hexenjagd“, 1954). Aber die US-Dramatiker setzten sich in Mannheim nicht auf Dauer durch.

Amerika war eher der Taufpate der modernen Populärkultur, wie wir sie heute noch kennen. Sie erlebte in den 1950ern ihre Geburtsstunde. Nach dem Jazz kam der Rock ’n’ Roll, und zwar mit Getöse: Der Auftritt von Bill Haley am 25. Oktober 1958 in Berlin, bei dem 7000 Fans den Sportpalast zertrümmerten, ist berühmt-berüchtigt. Friedlich verlief dagegen Elvis Presleys Militärzeit, der von 1958 bis 1960 in Friedberg stationiert war. Am 24. Oktober 1958 trafen sich beide bei Haleys Konzert im Ufa-Palast in Mannheim – ohne Krawalle. Aber der Rock ’n’ Roll war angekommen, mit Ted Herold und Peter Kraus begann die deutsche Rockmusik.

Die amerikanische Ungezwungenheit veränderte vor allem die Alltagskultur. Jeans und T-Shirts, anfangs in deutschen Elternhäusern vehement abgelehnt, traten ihren Siegeszug an und verdrängten im Lauf der Zeit Bügelfalten und Anzug aus dem Bereich der Freizeitmode.

Zunehmend auf Distanz

Seit den 1960er Jahren prägte, überschattet von Vietnamkrieg und Rassismus, eine zunehmende Distanz das Verhältnis zur US-Kultur. Zugleich gewann die Subkultur an Bedeutung. Beatnik-Autoren wie Jack Kerouac und (vom Mannheimer Carl Weissner ins Deutsche übertragen) Charles Bukowski beleuchteten die dunklen Seiten der US-Gesellschaft. Ebenso schilderten schwarze Autoren wie James Baldwin und Amiri Baraka ihre Sicht der Dinge. Schließlich sorgte die Folkszene (Joan Baez, Bob Dylan) und der Rock-Underground (Jefferson Airplane, Grateful Dead, Velvet Underground) für einen veränderten Blickwinkel auf die USA. Deutsche Bands wie Guru Guru oder Amon Düül wären ohne diese Vorbilder undenkbar.

Neue Perspektiven eröffnete die Pop-Art. Künstler wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Claas Oldenburg brachten die Ästhetik von Comic-Strips, Werbeanzeigen und Konsumartikeln in die Galerien. Da war sie wieder, diese Coolness, die nun hierzulande Künstler wie Gerhard Richter oder Sigmar Polke inspirierte. Was bis heute bleibt, ist das Bewusstsein, dass hinter der Staatsfassade auch das „andere Amerika“ existiert, das nach Trump wieder an Bedeutung gewinnen könnte. Und vielleicht auch wieder an Lässigkeit.

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