Das Porträt: Antje Bitterlich singt seit kurzem am Mannheimer Nationaltheater und entspannt am liebsten mit der Tuba Sie will keine Trillermaus sein

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Ann-Kathrin Ast

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Erst am Ende eines langen Gesprächs verrät Antje Bitterlich, Koloratursopranistin am Mannheimer Nationaltheater, welche trickreichen Methoden sie nutzt, um die Freude am Musizieren auch als Profi nicht zu verlieren: "Ich spiele Tuba - sehr schlecht, aber sehr gerne!", ruft sie fast heraus, in einem Posaunenchor mit Laien, denen sie nichts von ihrem Beruf erzählte, "um immer wieder zu spüren, warum ich eigentlich Musik machen wollte".

Die gebürtige Essenerin, die Rollen wie die Königin der Nacht übernimmt, spricht in einer leidenschaftlichen Weise über Musik, die nicht selbstverständlich ist für Berufsmusiker. Zuerst fällt ihre tiefe Sprechstimme auf, dann die natürliche, gar nicht divenhafte Art - bei einer hohen Sopranistin! Ihr Weg zur Oper verlief auch nicht ganz gewöhnlich: Sie studierte zunächst Schulmusik und Germanistik in Essen, schloss das erste Staatsexamen ab. "Ich dachte wirklich, dass ich Gymnasiallehrerin werde und nebenbei Oratorien und Lieder singe", sagt sie. Im Studium habe sich die Stimme aber so gut entwickelt, dass sie, "um ehrlich mit sich zu sein, versuchen musste, ob es reicht", und ein Gesangsstudium anhängte.

"Man lernt zu funktionieren"

Es reichte so gut, dass sie sofort beim ersten Vorsingen, noch im Studium, eine Stelle beim Schleswig-Holsteinischen Landestheater bekam. Dort blieb sie fünf Jahre als lyrische Koloratursopranistin: "Man lernt zu funktionieren", weil es viele äußere Zwänge gebe, aber das käme ihr jetzt, in einem größeren Haus zugute: "In Mannheim wird es einem vergleichsweise leicht gemacht, sein Bestes zu geben", findet sie.

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Auch wenn sie die anspruchsvollsten Koloraturrollen singt, ist ihr Ziel keinesfalls eine "Trillermaus" zu sein; die Tiefe möchte sie in jeder Figur finden - wie Diana Damrau, ihre Vorgängerin am Nationaltheater, von der sie völlig begeistert ist: "Da hat jeder Schlenker, jede Kurve und jeder Triller Ausdruck", sagt Bitterlich und bewegt ihre Hände in Wellenlinien. Die Oper nehme zwar ihre meiste Zeit ein, aber auch Kunstlied und Oratorium lägen ihr sehr am Herzen. Zusammen mit dem Gitarristen Wolfgang Niehusmann gibt sie Liederabende und hat mehrere CD-Aufnahmen veröffentlicht. "Ich hoffe, dass ich bald in Mannheim einen Liederabend geben kann, mit Straussliedern, das würde gut zur Zerbinetta passen." Von ihren Erfahrungen als Zerbinetta in der Mannheimer Ariadne-Produktion schwärmt sie: Die Figur habe Tiefe und könne langsam entwickelt werden, weil sie in ihren vielen Facetten von Anfang bis Ende beteiligt sei. "Man bleibt immer drin und merkt die technischen Schwierigkeiten beim Spielen nicht." Zwar empfindet sie die meisten Opernfiguren als sehr überhöht, aber sie könne von je-der Figur auch etwas für sich entnehmen, verrät sie, Facetten an sich entdecken: "Jede Rolle ist auch eine neue Sichtweise auf sich selber." Nur einmal in ihrer bisherigen Karriere habe sie sich geweigert, eine Regieanweisung auszuführen: Als sie ihren Kopf ins Wasser stecken sollte, um die "Martern aller Arten" darzustellen: "Mit Wasser in Augen und Nase kann ich nicht die Konstanze singen." Ansonsten glaubt sie, dass es in grundsätzlich jeder Position möglich ist zu singen, solange die Konsequenzen für die Stimme erwünscht seien. Gewisse Grenzen zieht sie aber doch: Mit dem Kostümbildner von Ariadne auf Naxos habe sie um Zentimeter der Rocklänge gefeilscht: "Ich finde, das ist kein Rock, nur eine Rüsche." Nackt auf der Bühne stehen wie ihre Kollegin in der Basler Lulu-Produktion möchte sie nicht. "Da muss man Bühnen-Ich und privates Ich schon sehr gut trennen." Zuhause befindet sich für Bitterlich "in einem Haus zwischen Essen und Aachen", das sie gemeinsam mit ihrem Mann, einem Lehrer, gekauft hat. Was tut Bitterlich, um zu entspannen? "Wir haben einen wunderschönen Garten und eine Sauna im Keller" - nicht zu vergessen natürlich: eine Tuba.