Literatur - Im neuen Roman „Kein Feuer kann brennen so heiß“ entwirft die Weinheimer Erfolgsautorin Ingrid Noll eine kleine Utopie Sich regen und pflegen

Von 
Thomas Groß
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Rege bleibt sie auch selbst – und veröffentlicht mit 85 Jahren einen neuen Roman: Ingrid Noll im heimischen Wohnzimmer. © Uwe Anspach/dpa

Ein „Lorenz“ hätte sie nach dem Willen des Vaters werden sollen. Doch die Natur verfolgt eben ihre eigenen Pläne. Also wurde die Ich-Erzählerin im neuen Roman der Weinheimer Erfolgsautorin Ingrid Noll als Mädchen geboren – und auf den Namen Lorina getauft. Dass sie eher plump und ungeschickt sich verhalten würde, auch nicht hübsch und zierlich geriet, das hat wahrscheinlich niemand gewollt; es war aber dennoch der Fall. Und weil die Eltern und ihre große Schwester dafür nicht nur kein Verständnis aufbrachten, sondern auch noch gehässig waren, nannten sie Lorina „Plumplori“.

Spät der Berufung gefolgt

Die Autorin Ingrid Noll wurde 1935 in Shanghai geboren, in Bonn studierte sie Kunstgeschichte und Germanistik, brach das Studium aber ab, als ihr Vater starb. Ernsthaft zu schreiben begann die in Weinheim an der Bergstraße lebende Ehefrau eines Arztes erst, als ihre drei Kinder aus dem Haus waren.

Mit ironischen Noten versehene, eigenwillige Kriminalromane wurden zu Ingrid Nolls Markenzeichen. Mit Titeln wie „Der Hahn ist tot“ oder „Die Apothekerin“ erzielte sie in den 1990er Jahren hohe Auflagen. Einige ihrer Bücher wurden auch verfilmt.

Im vergangenen Jahr erschien ihre Kurzprosasammlung „In Liebe Dein Karl“ (Diogenes Verlag, 323 Seiten, 24 Euro). Ihr jüngster Roman trägt den Titel „Kein Feuer kann brennen so heiß“ (Diogenes Verlag, Zürich. 293 Seiten, 24 Euro). tog

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Doch sie, inzwischen dreißig, mit kugelrunden Augen und von walkürenhafter Gestalt, hat sich dennoch nicht unterkriegen lassen. Lorinas Arbeitgeberin schätzt und würdigt sie als „durch und durch praktische Frau“; und sie wäre auch keine Hauptfigur der Schriftstellerin Ingrid Noll, wenn sie nicht zudem ein wenig durchtrieben wäre. Sich ausnutzen lassen, das hat Lorina, genannt Lori, lange genug im Elternhaus; nun wohnt sie im Rhein-Neckar-Raum, hat Arbeit als Altenpflegerin und Köchin in der respektablen Villa einer wohlhabenden Seniorin gefunden – und besucht nur noch zum Weihnachtsfest die Familie im Ruhrgebiet, wo sie die obligatorische Gans zubereitet und nicht mal auf besondere Geschenke hoffen darf.

Es wird dieser Lorina Miesebach niemand verdenken, wenn sie auf Mittel und Wege sinnt, um sich auch einmal etwas zu gönnen. Denn Miesepetrigkeit ist ihre Sache eigentlich nicht. Wie so oft bei Ingrid Noll ergibt sich Wesentliches für die Figuren unvorhersehbar und ungeplant. Dass es auch in diesem Roman der Autorin irgendwann zwei Tote gibt, überrascht aber keine Leser – ebenso wenig wie der Umstand, dass das Ableben nicht eigentlich in Tötungsabsicht herbeigeführt wird, wie man es von konventionelleren Kriminalromanen her kennt. Die Opfer sollten nur einen Denkzettel erhalten, und das wird jeder verstehen, der die näheren Umstände erfährt.

Als Gegenentwurf zu lesen

Diese Umstände ergeben sich auch jetzt bei Ingrid Noll aus einigen Besonderheiten unserer Zeit. Mehr als sonst aber ist die Personenkonstellation (auch) als ein Gegenentwurf zu lesen. Auf den Pflegenotstand wird explizit hingewiesen, auf zehntausende unbesetzte Stellen; Lorina war zuvor bei einem mobilen Pflegedienst beschäftigt, hat dabei Hast bis zur Erschöpfung und fehlende Rücksicht auf Bedürftige erlebt. Nun aber wird sich gegenseitig respektiert. Die Hausherrin Victoria Alsfelder mag vom Namen her die Assoziation zu Alzheimer nahelegen, ist aber noch ganz Herrin der Lage, was nicht zuletzt ihr als „Erbschleicher“ verdächtigter Großneffe Christian erfährt. Und Lorina wird geschätzt und kann ihre Fähigkeiten ganz zum allgemeinen Nutzen praktizieren.

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Eine patente, lebhafte Haushaltshilfe namens Nadine unterstützt die Gemeinschaft. Auch die Dienstleistung von Masseuren nimmt Frau Alsfelder in Anspruch. Sie schätzt es besonders, wenn diese zudem zu singen oder zu rezitieren vermögen. Das können Boris und sein Nachfolger Ruben zwar durchaus, aber eigenwillige Exemplare ihres Geschlechts sind die beiden vielmehr noch in anderer Hinsicht, wie sich zeigt – Lorina freilich weiß das durchaus zu ihrem Vorteil zu nutzen. Überhaupt die Männer: Als „starkes Geschlecht“ haben sie abgedankt, haben zumeist klare charakterliche und moralische Mängel.

Männer über- oder unterschätzen sich hier und drücken sich regelmäßig vor Verantwortung. Als dem Gemeinwohl dienlicher erweist sich bald ein kleiner Hund und schließlich noch ein Neugeborenes, das über Umwege in den aufgeräumten Haushalt gelangt.

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Auch dieser Roman der Ingrid Noll ist eben munter und ironisch erzählt, zudem grundiert von Lebenskenntnis und viel Menschlichkeit. Erneut spielt die inzwischen 85-jährige Schriftstellerin mit Märchenmotiven; so fühlt sich Hauptfigur Lorina mal als Aschenputtel und dann wieder wie der eiserne Heinrich aus „Der Froschkönig“. Klassische Literatur zitiert Ingrid Noll wie gewohnt. Doch früher hat sie oft schärfer, boshafter geklungen.

Plädoyer für Menschlichkeit

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Zeigt sie sich hier nun also altersmilde oder gar betulich? Was auf der einen Seite fehlen mag, das kommt als eine andere Qualität hinzu. Randständige sind es allesamt, die hier zusammenfinden. Ihre Mängel ertragen sie leidlich, ziehen daraus aber die richtige Konsequenz, dass es nämlich besser ist, zusammenzustehen, als stets allein auf den eigenen Vorteil zu schielen. Denkbar, dass Noll zwischen den vorwiegend heiteren Zeilen eine kleine Utopie vorscheinen lassen möchte; zeitkritisch grundiert ist das Ganze allemal.

Will es die Schriftstellerin vielleicht auch als Tipp verstehen, wie man pandemische Zeiten leichter, besser übersteht? Gut in die Zeit passt jedenfalls auch dieses Buch der Ingrid Noll. Und ein Plädoyer für Menschlichkeit ist es wie alle ihre früheren Bücher.

Redaktion Kulturredakteur, zuständig für Literatur, Kunst und Film.