Theater - Shakespeares Globe Theatre in London steht kurz vor dem Aus / Freilichttheater fehlen Fördermittel Sein oder Nichtsein?

Von 
Katrin Pribyl
Lesedauer: 

Das letzte Mal, als Hamlet auf dieser Freiluftbühne stand, spielte eine Frau den dänischen Prinzen und sinnierte vor tausenden Zuschauern über seinen Weltschmerz einerseits und die Furcht vor dem Tod andererseits. „Sein oder Nichtsein?“ Touristen wie Einheimische kamen auch wegen des Monologs mit der berühmten Frage ins Londoner Globe Theatre. Nur unweit entfernt vom aktuellen Spielhaus wurde vor rund 420 Jahren die Tragödie des Schriftstellers William Shakespeare uraufgeführt.

Wegen der Corona-Pandemie und der fehlenden finanziellen Unterstützung etwa durch die nationale Fördereinrichtung für Künste könnte das Eingangstor des Globe Theatre langfristig geschlossen bleiben. © Alex Hare/imago
AdUnit urban-intext1

Das heutige Gebäude, ein 1997 fertiggestellter Nachbau des elisabethanischen Originals aus dem Jahr 1599, das etwas geduckt am Südufer der Themse zwischen Geschäftshäusern, Wohnblöcken und Museen steht, lockt in normalen Zeiten bis zu einer Million Besucher jährlich an und gehört zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der britischen Hauptstadt. Doch nun liegt es verlassen an der South Bank. Seit dem Ausbruch der Coronavirus-Krise und dem im Anschluss verordneten Lockdown ist auch das „wooden O“, das hölzerne O, wie Shakespeare das Globe in seinem Stück „Henry V“ bezeichnet hat, bis auf Weiteres geschlossen.

Ohne Unterstützung

Und plötzlich stellt sich für das Freilichttheater selbst die Existenzfrage. Sein oder Nichtsein? In einem Hilferuf hieß es am Mittwoch von Seiten des Schauspielhauses, es stünde der „größten Bedrohung seiner Zukunft“ seit der Eröffnung vor 23 Jahren gegenüber. Man müsse im Zuge der Pandemie womöglich aufgeben, so die Warnung. Es wären mindestens fünf Millionen Pfund notwendig, umgerechnet rund 5,6 Millionen Euro, um den Betrieb wieder aufnehmen zu können. Derzeit verbrauchen die Verantwortlichen alle Reserven, doch die Insolvenz rückt offenbar immer näher. „Dies ist finanziell verheerend und könnte sogar zum Ende führen.“

Das nicht subventionierte Theater generiert 95 Prozent der Einnahmen durch Ticketverkäufe, Merchandising und geführte Touren durch die Spielstätte. Während einige andere Kulturinstitutionen im Land öffentliche Hilfsgelder zur Überbrückung der Krise erhielten, sei das Globe von der nationalen Fördereinrichtung für Künste, dem Arts Council of England, „ohne jegliche Notunterstützung stehengelassen“ worden, so die Kritik. Der konservative Abgeordnete Julian Knight, der Leiter des Kulturausschusses, sprach in einem Brief an Kultusminister Oliver Dowden von einer „Tragödie“, sollte das Theater schließen müssen, das „nicht nur ein Teil unserer nationalen Identität“ darstelle, „sondern auch ein führendes Beispiel dafür ist, wie Kunst einen wichtigen Beitrag zu unserer Wirtschaft leistet“. Bislang gibt es keinen Termin, wann die Kulturszene im Königreich wieder ihren Betrieb aufnehmen kann, doch kaum jemand rechnet damit, dass dies vor Juli der Fall sein könnte – frühestens.

AdUnit urban-intext2

William Shakespeare, der Dramatiker mit dem Lippenbärtchen und der Halbglatze, feierte bereits zu Lebzeiten als Autor und Schauspieler im Londoner Globe Erfolge, wurde Mitinhaber des Theaters und kam so zu Reichtum, da bereits zu Zeiten von Königin Elisabeth I. eine außergewöhnliche Theaterbegeisterung auf der Insel herrschte. Damals wurde in der vermutlich nicht ganz kreisrunden, drei Stockwerke hohen Spielstätte auf Vorhang, Licht und Kulissen verzichtet. Es gab lediglich die ins Publikum reichende Bühne und die Zuschauer – die meisten standen direkt vor der Bühne. So wurde das Gefühl erzeugt, sich mitten im Geschehen zu befinden. Die Emotionen wie auch die Stehplätze und der Mangel an Mikrofonen, Scheinwerfer und Vorhänge sind geblieben.

Inszenierungen im Internet

Doch wird das Theater an der Themse überleben, insbesondere wenn im Stehbereich die Distanzregeln schwer umzusetzen sein dürften? Immerhin, ganz auf Shakespeare muss man nicht verzichten. Seit dem Lockdown zeigt das Globe auf dem eigenen YouTube-Kanal wechselnde, in der Vergangenheit aufgezeichnete Inszenierungen umsonst – ob „Hamlet“, „Macbeth“ oder „Das Wintermärchen“, das gerade läuft – teilweise sogar mit Audiodeskription. War es im 17. Jahrhundert und bis zum 20. März dieses Jahres ein Gemeinschaftserlebnis von Darstellern und Besuchern vor Ort, ist es nun ein Gemeinschaftserlebnis mit Shakespeare-Fans aus aller Welt.

Korrespondent