Lesen.Hören - Jackie Thomae, Katja Oskamp und Andreas Leusink erzählen vom Ende der DDR Schicksale und Geschichten aus der Wendezeit

Von 
Helga Köbler-Stählin
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Schreibt über das sich vereinigende Deutschland: Katja Oskamp. © Paula Winkler

„Gundermann“, der Mann aus der Lausitz, war ein Musiker, ein Spitzel des Staatssicherheitsdienstes, ein Idealist, der bespitzelt wird. All das haben die Besucher des gleichnamigen Kinofilms am Nachmittag schon erfahren. Und am Abend sind „wenig mehr Leute“ zur Lesung in die Mannheimer Alte Feuerwache als ins Atlantis gekommen, wie Moderator Gerwig Epkes zu Beginn feststellt.

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„Einheit einmal anders“. Das ist das abendliche Thema, zu dem drei Gäste auf der Bühne sitzen, die sowohl in Ost als auch in West zuhause sind. Einer von ihnen ist Andreas Leusink, der ein Buch der Erinnerungen an Gerhard Gundermann herausgegeben hat.

„Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse“. Briefe, Dokumente und Interviews sind darin zusammengefasst. Leusink liest daraus, um vom Thema „Stasi“ zu erzählen, wie es Gerhard Gundermann erkläre.

Katja Oskamp freut sich, „dass wir seine Lieder haben“. In den 1980er-Jahren sei sie ein Fan seiner Musik gewesen. Heute allerdings sind die Zuhörer wegen ihr gekommen. „Marzahn mon Amour“ stammt aus Oskamps Feder. Und wie die Geschichten aufs Papier kamen, entlockt ihr Epkes mit humorigem Charme, den die Autorin launig aufgreift. Nach ihrem Studium am Leipziger Literaturinstitut und drei Veröffentlichungen, erzählt sie, wollte keiner mehr was von ihr haben. „Nörgler verbreiten schlechte Laune“, so ihr Motto, war Grund, einen neuen Beruf zu erlernen. Sie wurde Fußpflegerin. Von da an kamen die Geschichten zu ihr.

Präzise Beobachtungen

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Von 23 Biografien stellt Katja Oskamp ihre Kundin Jutta Janusch vor, Jahrgang 1942. Ihr Mann kann nach der Wende die Tischlerwerkstatt nicht mehr halten, weil die Zahlungsmoral schwindet. Er ist krank und stirbt. Bei beiden Autorinnen sei es die präzise Beobachtung, die ihren Kollegen Leusink begeistert. Etwas zu erzählen, was man noch nie gehört hat. Durch die Wende mussten sich viele in der Mitte des Lebens neu erfinden, erläutert Oskamp. Sie lerne von deren Erfahrungsschatz.

Um Vor- und Nachwendegeschichten geht es auch bei Jackie Thomae in ihrem hochgelobten Roman „Brüder“. Sie leben völlig unterschiedlich und wissen nicht, dass sie denselben Vater haben. Er gehörte zu den afrikanischen Studenten, die in der DDR nicht erwünscht waren und denen es nicht leicht fiel, wieder zu gehen, sagt Thomae. Den Roman nennt sie autofiktional, da auch sie einen farbigen Vater hat. Es gehe jedoch um ihre Generation.

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Und dann ist der Abend zu Ende. Fast. Denn Oskamp erzählt noch einmal. Von einer Zustimmungskünstlerin mit Berliner Schnauze. Es wird gelacht. Ein toller Abend, Frau Blumeier? „Wollt ick jerade sagen“, erwidert die Protagonistin in einer von Oskamps Geschichten.

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