Ausstellung - Frankfurts Museum für Kommunikation widmet sich bis 26. April dem Thema Geheimnis / Staatliche Überwachung als Gefahr Reden ist Silber, Schweigen Gold

Von 
Christian Huther
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Was muss öffentlich gemacht werden, was darf im Privaten bleiben? Wer Geheimnisträger ist, befindet sich mitunter auch in einem Gewissenskonflikt. © KAY HERSCHELMANN

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, besagt eine alte Redensart. Aber darf man tatsächlich das Handy seines Partners kontrollieren? Aus dieser Frage, in eine harmlos-vergnügte Chatrunde geworfen, entflammt sogleich eine hitzige Debatte. Andi lehnt das Nachschauen ab, es zeuge von Misstrauen. Doch Micha kontert: „Wenn da nix ist, gibt’s auch nichts zum Aufregen, oder?“ Schnell fallen dann Worte wie „Vertrauen“ und „Privatsphäre“. Kleine Geheimnisse, so die Mehrheit der Chatter, dürfe man haben, wenn sie nicht den Partner betreffen.

„Das Geheimnis. Ein gesellschaftliches Phänomen“

Ein Geheimnis jemandem anzuvertrauen, ist ein Beweis für Vertrauen und Freundschaft. Geheimnisse sind also eine Art „soziale Währung“, meint Silke Zimmermann, die Kuratorin der Frankfurter Geheimnis-Ausstellung.

Die zwölfjährige Tanja, die in der Schau neben anderen Jugendlichen und Kindern zu Wort kommt, ist jedenfalls stolz, wenn ihr ein Geheimnis anvertraut wird. So weiß sie, dass sie eine wichtige Freundin ist.

„Das Geheimnis. Ein gesellschaftliches Phänomen“ – Sonderausstellung im Museum für Kommunikation, Frankfurt, Schaumainkai 53, bis 26. April. Di bis Fr 9-18, Sa/So 11-19 Uhr. Telefon: 069/60 600.

Internet: www.mfk-frankfurt.de hut

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Damit ist der Besucher schon mitten in der Ausstellung des Frankfurter Museums für Kommunikation, die aber keine klassische Schau, sondern ein „Denkraum“ sein soll, so Kuratorin Silke Zimmermann. Es geht darum, viele Fragen zu stellen, damit jeder seine eigene Haltung findet; das Vermitteln von Wissen kommt erst an zweiter Stelle.

Misstrauen sitzt tief

Die Schau sammelt Pro- und Kontra-Stimmen, hält sich aber mit einer eigenen Meinung zurück. Das liegt am Selbstverständnis der Münchner Nemetschek-Stiftung, von der Idee und Konzept der Schau stammen. Die Stiftung versteht sich streng überparteilich, sie will die Demokratie fördern. Die Ausstellung mit dem Titel „Geheimnis. Ein gesellschaftliches Phänomen“ ist also etwas für Erwachsene oder für Jugendliche.

Eigentlich geht es auch gar nicht um das Geheimnis, sondern um das genaue Gegenteil, um die Transparenz, die heute überall gefordert wird, vom gläsernen Bürger bis zum Politiker mit seinen vielen Nebenämtern. Kein Zweifel, Geheimnisse werden zunehmend verdrängt von den neuen sozialen Formen der Kommunikation und von der um sich greifenden Überwachung.

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Zugleich aber sitzt das Misstrauen tief, wie die Ausstellung an einer Umfrage zeigt. Die Frage, ob der Staat ohne berechtigten Verdacht die Computer der Bürger durchsucht, beantworteten immerhin 71 Prozent mit Ja und nur 27 Prozent mit Nein. Doch die Schau widmet sich auch den vertraulichen Informationen in Politik und Wirtschaft. Der Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz etwa plädiert für ein Ablaufdatum von Geheimnissen der Innen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik. Der Grünen-Politiker ist einer von sechs Protagonisten, die in kurzen, aber sehr interessanten Filmen zu Wort kommen.

Keimzelle Wohnzimmer

Früher war jedoch der Pfarrer der wichtigste Geheimnishüter, er wusste als Beichtvater über fast jeden Bescheid. Heute ist es eher die Sekretärin in großen Unternehmen, über deren Schreibtisch alles läuft, von Vertragsabschlüssen über Bilanzen bis zu Entlassungen. Nicht nur der Geheimagent, auch die Sekretärin muss sich zur Verschwiegenheit verpflichten. In einem der Filme berichtet die frühere Sekretärin Petra Balzer über ihre Arbeit; inzwischen berät sie Führungskräfte.

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Ob man selbst als Geheimnisträger taugt, zeigt schnell eine Selbsteinschätzung mit exakt 23 Fragen. Wer viel redet, jeden Klatsch weiterverbreitet, sehr vertrauensselig ist und kein Geheimnis für sich behalten kann, braucht sich erst gar nicht beim Verfassungsschutz zu bewerben. Auch in der Forschung sollte man nicht zu schnell an die Öffentlichkeit gehen und besser vorab nochmals jedes Detail überprüfen.

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Das gilt auch für Journalisten. Als Berufsgeheimnisträger haben sie besondere Schutzrechte. Das gilt aber nicht für Whistleblower, die sich rechtlich und moralisch auf schmalem Grat bewegen. Der Aufdeckung von Machenschaften tun solche Menschen mit Gewissensbissen gut, aber betroffene Regierungen und Firmen haben darauf noch keine klare Antworten gefunden.

Im Zentrum der Schau steht jedoch ein Wohnzimmer. Denn die Familie als Keimzelle jeder Gemeinschaft hat viele kleine Geheimnisse. Leider geht es oft nicht nur um die Überraschung zu Weihnachten, sondern auch um Drogen, Gewalt, Missbrauch oder um die Vergangenheit. Autorin Ines Geipel hat das am eigenen Leib erlebt. Sie entdeckte erst spät, dass ihr Vater lange als Terroragent der Stasi im Westen tätig war und verstand endlich das „viele Schweigen am Tisch“.

Freie Autorenschaft Als freier Kulturjournalist im Großraum Frankfurt unterwegs; Schwerpunkte sind bildende Kunst und Architektur. Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie.