Professor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg: „Es fehlt nicht an Israel-Kritik“

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Das Zusammenleben bleibt schwierig: Israelische Araber nehmen an dem Freitagsgebet vor einer Demonstration gegen die Polizeigewalt gegen Araber im Land teil. © dpa

In Deutschland mangele es nicht an Israelkritik, sagt Johannes Becke von der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg zum Thema Initiative GG 5.3. „Derartige breite Allianzen von deutschen Kulturschaffenden würde man sich auch bei anderen Themen wünschen“, sagt er und verweist darauf, dass es ein ähnliches Engagement gegen den chinesischen Einfluss auf die deutsche Öffentlichkeit durch etwa das Konfuzius-Institut nicht gebe.

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Herr Becke, Ihr Lehrstuhl ist nach Ben-Gurion benannt, wie die israelische Ben-Gurion-Universität. Achille Mbembe geriet unter anderem in die Kritik, weil er sich aktiv daran beteiligte, die israelische Psychologin Shifra Sagy von der Ben-Gurion-Universität von einer akademischen Konferenz in Südafrika auszuladen - was unter dem Druck der BDS-Bewegung dann auch geschah. Wie beurteilen Sie sein Verhalten?



  • Johannes Becke ist Professor für Israel- und Nahoststudien an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.
  • Er studierte Politikwissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, der Universität Kairo und der University of Illinois. Nach seiner Promotion an der Freien Universität Berlin (2014) forschte er als Postdoctoral Fellow an der Universität Oxford. Im Anschluss an seine Juniorprofessur an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg wurde Johannes Becke 2020 auf die W2-Professur für Israel- und Nahoststudien berufen.
  • Aktuell leitet er die Forschungsgruppe „Gathering the Dispersed. State Evasion and State-Making in Modern Jewish, Kurdish and Berber History” am Centrum für Transkulturelle Studien Heidelberg (gefördert von der Volkswagenstiftung).

Johannes Becke: Ich kenne Herrn Mbembe nicht persönlich und maße mir daher kein Urteil über sein Verhalten an. Aber die BDS-Bewegung an sich zielt klar auf die Dämonisierung des Staates Israel: Mit Argumenten und Taktiken des Kalten Krieges soll jede wissenschaftliche, kulturelle, wirtschaftliche oder politische Kooperation mit jüdischen Israelis unmöglich gemacht werden; langfristig soll der Staat Israel durch Boykott und palästinensische Massenzuwanderung untergraben werden. Das Geschichtsbild der BDS-Bewegung ist dabei ähnlich revanchistisch wie der rechtsextreme Rand der deutschen Heimatvertriebenen - und selbst die fordern nicht die Zerschlagung Polens durch eine massenhafte „Rückkehr“ der Heimatvertriebenen und ihrer Nachkommen.

Hat denn die Bewegung Erfolg mit dem, was sie verfolgt?

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Becke: Zum Glück ist die BDS-Bewegung weitgehend gescheitert: Die arabisch-israelischen Beziehungen normalisieren sich zunehmend, auch die jüdisch-muslimischen Beziehungen verbessern sich - denken Sie nur an Projekte wie den Podcast „Mekka und Jerusalem“ oder die Jüdisch-Muslimischen Kulturtage Heidelberg. Außerhalb einer überschaubaren Szene von Künstlern und Intellektuellen, die weiterhin mit der Drittwelt-Ideologie des Kalten Krieges sympathisieren, hat BDS im Westen keine nennenswerten Unterstützer.

Welche Probleme ergeben sich für Sie als Wissenschaftler und die Lehre überhaupt durch die Resolution des Bundestages von 2019?

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Becke: Ich kann keinen negativen Effekt des Bundestagsbeschlusses auf Forschung und Lehre erkennen. Ganz im Gegenteil: Gerade die BDS-Bewegung zielt in erster Linie auf die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit. In vielen arabischen Ländern sind wissenschaftliche Kooperationen mit dem Staat Israel unmöglich; viele arabische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weigern sich - unter dem Druck der BDS-Bewegung - an Tagungen mit israelischen Teilnehmern teilzunehmen.

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Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die Initiative GG 5.3?

Becke: Grundsätzlich ist zu begrüßen, wie klar die Initiative sich von der BDS-Bewegung distanziert. Auch das Plädoyer für eine großzügige Auslegung der Meinungsfreiheit kann ich unterstützen: Gerade weil die Anhänger der BDS-Bewegung sich so energisch dafür einsetzen, die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit von jüdischen Israelis zu beschränken, sollte man die Logik des Boykotts nicht auf sie anwenden. Das Pathos der Initiative ist dagegen überraschend: Derartige breite Allianzen von deutschen Kulturschaffenden würde man sich auch bei anderen Themen wünschen - und nicht nur bei der sehr deutschen Obsession mit dem Thema der „Israelkritik“.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Becke: Wenn wir an das Thema der Meinungsfreiheit denken, würde man sich eine breite Allianz aus Wissenschaft und Kultur wünschen, die sich kritisch mit dem chinesischen Einfluss auf die deutsche Öffentlichkeit auseinandersetzt. Das betrifft unmittelbar die Freiheit von Forschung und Lehre: Mit den sogenannten „Konfuzius-Instituten“ haben wir direkte Brückenköpfe des chinesischen Regimes an deutschen Universitäten - über die chinesische Herrschaft in Tibet oder Xinjiang werden sie dort wenig erfahren.

Was sind Ihre Erfahrungen als Nicht-Jude im Umgang mit Kritik an Israel - also auch von Ihnen?

Becke: Ich habe nicht den Eindruck, dass es in Deutschland an einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Staat Israel mangelt. Häufig ist das Gegenteil der Fall: Die scharfe Auseinandersetzung vieler deutscher Nahost-Korrespondenten mit der israelischen Gesellschaft sucht ihresgleichen - obwohl nur die allerwenigsten Nahost-Korrespondenten sich durch Hebräisch- oder Arabischkenntnisse auszeichnen. Vielleicht fehlt es uns nicht an „Israelkritik“, sondern an Israel-Studien, also einer ernsthaften, wissenschaftlich-vergleichenden Auseinandersetzung mit der israelischen Geschichte und Gegenwart: Der Ben-Gurion-Lehrstuhl an der Hochschule für Jüdische Studien ist deutschlandweit der einzige, der sich mit der israelischen Kultur und Gesellschaft im Umfeld des Nahen Ostens beschäftigt - angesichts der besonderen Beziehung zwischen Deutschland und Israel ein überraschender Befund.

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Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „MM“ seit 2006.