Schauspiel - Nationaltheater verschickt in Vorbereitung auf verschobene Premiere Briefe mit der guten alten Post Postdramatik als dramatische Post

Von 
Ralf-Carl Langhals
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Eigentlich. So sollte das Unwort des Jahres lauten. Denn mit ihm beginnen Texte im Konjunktiv über coronabedingte Absagen oder Verschiebungen ins Ungewisse. Vor allem am Theater. Über und für das geschlossene Theater wird derzeit in Heimbüros geschrieben, von Dramaturginnen wie von Kritikern – also: Eigentlich wäre im Schauspielhaus am 5. Februar Premiere gewesen. „Gott Vater Einzeltäter – Operation Kleist“ heißt Necati Öziris Auftragswerk, das der aktuelle Hausautor für das Mannheimer Nationaltheater geschrieben hat.

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Lange schon befasste sich das NTM-Team mit dem Stück, in Zoom-Konferenzen hatten bereits Leseproben und ein reger thematischer Austausch mit Darstellern und Gewerken stattgefunden. Doch dann kam die Gewissheit, dass das NTM weiterhin geschlossen bleibt.

Tickets zum „Brief-Wechsel“

„Cecils Brief-Wechsel – ein Post-Drama“ von Sapir Heller, Lena Wontorra und Ensemble nach „Gott Vater Einzeltäter – Operation Kleist“ des aktuellen NTM-Hausautors Necati Öziri ist eine Zusatzproduktion der Schauspielsparte: ein Stück Theater kommt ganz analog per Post nach Hause.

Wer sich für die Teilnahme entscheidet, bucht ein Ticket für 20 Euro über die Theaterkasse (Telefon: 0621/1680-150, E-Mail: nationaltheater.kasse@mannheim.de).

Buchbare Starttermine für den ersten Brief, die an der Kasse buchungstechnisch wie Vorstellungstermine behandelt werden und sich durch die Postzustellung leicht verzögern können, sind: 8., 15, und 22. Februar sowie der 1. und 8. März.

Nachdem der erste Brief eingetroffen ist, geht es los. Spielregeln und Anweisungen liegen bei. Man folgt nicht nur der im Brief erzählten Geschichte, sondern inszeniert mit den beigelegten Requisiten ein persönliches Theatererlebnis. Am Ende verfasst man einen Antwortbrief an Cecil und tritt mit ihr in Dialog.

Damit man nicht zu einer Postfiliale muss, liegt den jeweiligen Briefen bereits ein frankierter Rückumschlag bei.

Aus organisatorischen Gründen ist die Ticketzahl auf 100 Teilnehmer begrenzt. Es gibt noch Karten. rcl

„Natürlich kamen sofort Überlegungen auf, was man in Corona-Zeiten aus der bisherigen Arbeit im digitalen oder hybriden Format machen könnte“, erzählt Dramaturgin Lena Wontorra am Telefon. Das ist insofern erstaunlich, als sich das Haus am Goetheplatz im Branchenvergleich in diesen Formaten bisher – wohlwollend formuliert – nicht besonders hervorgetan hat.

Männerbilder und Figuren

Noch erstaunlicher ist allerdings, was sich Regisseurin Sapir Heller (im Bild rechts) und Lena Wontorra mit dem Team ausgedacht haben: „Cecils Briefwechsel – ein Post-Drama“. Postdramatisch, also von den Genre-Zwängen des klassischen Stücke-Schreibens befreit, losgelöst in Textform und Figurenzuordnung ist Necati Öziris Werk freilich: ein Autor auf der Höhe seiner Zeit, der sich aus Biografie und Figurenpersonal des preußischen Dichters Heinrich von Kleists ein Ensemble herausgesucht hat, das in Verknüpfung mehrerer Stränge Männer- und Heldenbilder untersucht – damalige und heutige. Dass die Vorgeschichte zur postdramatischen Stückpremiere nun zu den „Zuschauern“ buchstäblich als echtes „Post-Drama“ per Briefträger in den Publikumsbriekasten kommt, war die zündende Idee von Sapir Heller. „Sie setzte bewusst einen ,undigitalen’ Kontrast zu digitalen Theateralternativen. Wenn die Menschen nicht ins Theater kommen können, muss aus dem Theater etwas in die Haushalte kommen – ganz analog als Brief“, erklärt Wontorra.

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„Zuschauer“ buchen Theaterkarten und erhalten dafür einen Brief von der Stück-Figur Cecil, die ihre Geschichte erzählt und auf die der Zuschauer als Schreiber mit einer schriftlichen Antwort reagiert. Ist der erste Brief noch für alle gleich, leisten Regie, Dramaturgie und Darsteller bereits mit dem ersten Antwortbrief individuelle Theaterarbeit.

Beilagen zum Einfühlen

Natürlich finden sich darin neben persönlichen Antworten auch weiterführenden Textpassagen – und zudem einige haptisch erfahrbare Giveaways und Gimmicks, die Nazli Saremi und Vivien Wilson als liebevoll gebastelte Zugaben den Briefen beilegen. Insgesamt werden es vier Briefe sein, die sich um Themen und Fragen drehen, die sich das Produktionsteam bei der vorbereitenden Beschäftigung mit Öziris Stück gestellt hat. In freier Anlehnung an Kleists Erzählung „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik“, in der ein weibliches Wunder den religiös motivierten Anschlag eines Bruderquartetts auf ein Kloster verhindert, forschen Stück und Briefwechsel nach Gründen und Wegen der Radikalisierung.

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Dramaturgin Lena Wontorra umreißt es so: „Woher kommt die Gewalt? Wie kann man die Gesellschaft darauf vorbereiten, dass so etwas nicht mehr passiert? ,Cecils Brief-Wechsel’ versteht sich als Angebot und Aufforderung, über diese Fragen ins Gespräch zu kommen.“ Dabei ein Erlebnis zu schaffen, einen realen, auch sinnlichen Austausch, durch den man der allgemeinen Bildschirmmüdigkeit zumindest für einige Zeit entrinnen kann, ist der Mehrwert dieser Zusatzproduktion.

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Theaterluft und das kollektive Erlebnis von realem Schauspiel kann das „Post-Drama“ sicherlich nicht ersetzen. Aber ersetzen soll die originelle Aktion auch nichts, denn das „Eigentlich“ ist hier kein „Anstatt“, weil die Premiere ja noch stattfinden wird. Wann weiß freilich niemand. Bis dahin gehen wir Theaterbesucher, solange die Blätter treiben, auf und ab zum Postkasten und schreiben lange Briefe …

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Redaktion Ralf-Carl Langhals studierte Jura, Germanistik, Romanistik, Theater- und Musikwissenschaft in Mannheim, Berlin und Nizza. Er arbeitete als Regieassistent und Dramaturg an verschiedenen deutschen Theater und schrieb danach als freier Theaterkritiker für SWR, Die Welt, Frankfurter Rundschau, Theater der Zeit u.a. Seit 2006 ist er Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen, zuständig für die Bereiche Schauspiel, Tanz und Performance.