Phil Collins: Ansichten über einen Chartstürmer

Ex-Genesis-Frontmann und Solo-Superstar Phil Collins wird 70 Jahre alt / Fünf Kritiker dieser Redaktion erinnern sich an Aspekte einer Weltkarriere

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Bernhard Zinke und Jörg-Peter Klotz und Stefan M. Dettlinger und Georg Spindler und Markus Mertens
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Der Soundtrack für Generationen 

Sänger Phil Collins wird 70

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Von Bernhard Zinke

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Philip Collins wurde am 30. Januar 1951 im Londoner Stadtteil Chiswick geboren.

1970 stieg er als Drummer bei Genesis ein. 1975 beerbte er Sänger Peter Gabriel. Nach einer langen Auszeit ab 1997 und einem Comeback 2007 war für 2021 eine Tour angedacht.

Seine Solokarriere startete 1980 mit dem Hit „In The Air Tonight“ vom Album „Face Value“ (1981). Das veröffentlichte er wie alle Soloplatten ab 2016 musikalisch und optisch aktualisiert neu (Bilder). jpk

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Phil Collins hat ganzen Generationen den Soundtrack ihrer Jugend geliefert. Er konzipierte die Prog-Rock-Songs der frühen Genesis-Ära mit, führte die britische Band zum Mainstream und stieg mit ihr zu Rockgiganten der 1980er und 90er Jahre auf, stets getragen vom untrüglichen Gespür für Melodien und Harmonien. Nebenbei legte der Workaholic eine unfassbar erfolgreiche Solo-Karriere hin, komponierte Film- und Musical-Hits und stand als Schauspieler vor der Kamera.

Dabei begann die Karriere des Briten, der an diesem Samstag seinen 70. Geburtstag feiert, so ganz und gar nicht im Rampenlicht. Dort stand schon Peter Gabriel und zelebrierte die Musik der Band wie Theaterstücke, als Collins 1970 auf eine Anzeige im Melody Maker hin zu Genesis stieß. Collins fiel der Part zu, mit dem Schlagzeug die komplexen Rhythmen wie etwa bei frühen Art-Rock-Meisterwerken wie „Suppers Ready“ oder „The Cinema Show“ zusammenzuhalten. Als Sänger Peter Gabriel 1975, letztlich entnervt vom immer größer werdenden Erfolg der Band als Sänger hinschmiss, wechselte Phil Collins – wohl mehr aus der Not – vom Hinterbänkler zum Frontmann. Erstaunlich genug: Die Stimmfarbe war ähnlich zu seinem Vorgänger, der Übergang geriet reibungslos. Und nicht nur das. Mit zarter Hand führte er die Band, die ab 1977 nach dem Abgang von Steve Hackett als Trio weiterarbeitete, immer mehr in Richtung Rock-Pop, landete Klassiker wie „I Can’t Dance“, „Invisible Touch“ oder „Land Of Confusion“. Diese Songs fehlen heute in keiner Classic-Rock-Disco.

Die Preise, die sich in Collins’ Schubladen sammeln, können sich sehen lassen: Für den Song „You’ll Be In My Heart“ aus Disneys Tarzan-Musical holte er den Oscar, er gewann sieben Grammys, fünf Brit Awards, hat einen Stern auf dem Hollywood Walk Of Fame und ist mit Genesis Mitglied in der Rock ’n’ Roll Hall of Fame.

Der Schlagzeugstar und Produzent

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Von Jörg-Peter Klotz

Auf dem Höhepunkt seiner Erfolge als Solo-Superstar und Frontmann von Genesis, die zunehmend wie ein Phil-Collins-Projekt klangen, teilte er das Schicksal von Größen wie ABBA oder The Bee Gees: Er wurde belächelt – oder ging vielen auf die Nerven. Beides aufgrund extremer Dauerpräsenz im Radio und Musikfernsehen in den 1980ern. Der Höhepunkt: Beim gigantischen Benefizfestival „Live Aid“ gab es 1985 das „Doppelte Philchen“: Er spielte am Nachmittag mit Sting in London und jettete per Concorde und Hubschrauber nach Philadelphia, um dort abends mit Led Zeppelin und Eric Clapton aufzutreten. Mehr Weltstar geht wohl nicht ...

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Diese Bedeutung schlug sich in sehr vielen Gastspielen auf Alben anderer Stars nieder – seit dem enormen Erfolg seines Solodebüts „Face Value“ (1981) auch als Produzent. Er führte unter anderem Klangregie für ABBA-Sängerin Frida oder Eric Clapton. So verbreitete sich der Collins- typische, trocken peitschende Drum-Sound (Gated-Reverb-Effekt) nahezu pandemisch in Pop und Stadionrock. Was heute nicht immer zeitlos klingt.

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Dabei ist Collins unstrittig einer der größten Rock-Drummer: Dafür steht nicht nur sein Markenzeichen, das epochale, klangraumfüllende Magic-Monster-Break im Hit „In The Air Tonight“ (1980). Schon seine jazzigen Rhythmen bei Brand X ragten heraus, aber selbst in einem Virtuosen-Genre wie Progressive Rock setzte Collins bei Genesis Maßstäbe: Nicht nur durch Technik oder Tempo, er kreierte auf Alben wie „Selling England By The Pound“ (1973) und „The Lamb Lies Down On Broadway“ (1974) einen komplexen, aber auch ungewöhnlich persönlich klingenden Stil. Der wirkt selbst bei Metal-Bands wie Dream Theater und Mastodon oder Alternative-Rockern wie den Foo Fighters nach. Das beeindruckt.

Der Sänger und Songschreiber

Von Stefan M. Dettlinger

Wer, wie ich, Genesis Mitte der 1970er schon mit Phil Collins als Sänger kennengelernt hat, musste erst später mit Schrecken feststellen: Es gab vor ihm einen anderen am Mikro, einen, der expressiver, erdiger, grauzoniger und im finsteren Sinne mystischer klang: Peter Gabriel, der Mann mit dem Urschleim auf den Stimmbändern. Dass Collins diese Stimme zuvor rund vier Jahre täglich eingesogen hatte, hört man auf Alben wie „A Trick Of The Tail“ oder „Wind And Wuthering“ sehr deutlich. Das Selbstbewusstsein, mit dem er dann – zumal als Schlagzeuger – in die Fußstapfen des großen Gabriel von „The Lambs Lies Down On Broadway“ trat, fasziniert mich aber immer noch. Collins wurde im Laufe der Jahre im besten Sinne ein großer Popsänger mit Charakterstimme: unverwechselbar, mit großer Range nach oben und dennoch Tiefe, zudem allein von der Herkunft mit musikalischer Komplexität vertraut, popfernen ungeraden Takten, Tempowechseln und Sphären, die weit über die von Rock und Pop hinausreichen.

Ganz anders als Gabriel, der nach der Trennung von Genesis auch eine gewisse Pop-Vereinfachung an den Tag legte („Solsbury Hill“, „Sledgehammer“), schielte Collins aber als Songwriter sehr schnell nach den Charts. Das erste Stück, das nur von Collins war, hieß „Misunderstanding“ („Duke“, 1980), das, zunächst für Collins’ Soloalbum „Face Vallue“ geplant, die Linie in Richtung Charts schon deutlich absteckte. Viele alte Genesis-Fans sahen ja bereits in der 1978er-Nummer „Follow You, Follow Me“ („And Then There Were Three“) den Untergang des Imperiums. Tatsache ist, dass der singende Drummer ein untrügliches Gespür für einfache harmonische Muster, Songstrukturen und fassbare Melodien hat. Das klingt ketzerischer, als es gemeint ist. Die Musik von Superstar Collins, von „In The Air Tonight“ bis „We Can’t Dance“ mit Genesis, war zwar nie mehr mein Geschmack. Aber große Anerkennung muss ich dem superbegabten singenden Liedschreiber zollen.

Der Regenmann in Mannheim

Von Georg Spindler

Eigentlich, das muss ich zugeben, war ich nie ein Phil-Collins-Fan. Für einen Anhänger wild brodelnder 1960er-Rockmusik waren die unterkühlten Genesis für mich als Schüler in den 70ern ein Graus. Schätzen gelernt habe ich den Sänger und Schlagzeuger aber bei einem denkwürdigen Konzert, das Genesis am 20. Juni 1987 auf dem Mannheimer Maimarktgelände gaben. Damals war ich noch freier Mitarbeiter des „Mannheimer Morgen“, und die Gelegenheit, 120 Zeilen zu schreiben, wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Es sollte hart verdientes Geld werden. Denn das Konzert wurde von einem heftigen Sommergewitter mit zweistündigem Platzregen buchstäblich überspült. Als Paul Young, der Sänger mit der Samtkehle, den Abend um 18.30 Uhr eröffnete, goss es in Strömen. Und der Regen war eiskalt. 70 000 Fans waren patschnass und troffen wie Zitteraale.

Wie durch ein Wunder hörte es Punkt 20.30 Uhr auf zu gießen, als Genesis ihr Programm eröffneten. Wie Phil Collins der High-Tech-Truppe, die damals als Inbegriff des Elektronik-Gigantismus galt, mit knorrigem Gesang Gefühl verlieh, nötigte mir dann aber doch Respekt ab. Untersetzt, mit hoher Stirn, entsprach er so gar nicht dem Popstar-Klischee. Das war eher ein Kumpeltyp mit Holzfäller-Charme. Gerade das machte ihn mir sympathisch.

Richtig begeistert hat er mich dann, als es wieder zu regnen begann – und Collins sich als echt starker Entertainer bewies. Er zog nicht nur seine Show unbeirrt im strömenden Regen durch, sondern hielt die Fans bei Laune: mit Ruf-und-Antwort-Spielchen und einer Art Geisterbeschwörung, bei der zigtausende mitheulten. Am Schluss war er tropfnass und geschafft wie wir alle. Phil Collins – einer von uns!

Der (bisher) letzte Live-Eindruck

Von Markus Mertens

Wer Phil Collins im Sommer 2019 und damit zum Glück ein gutes halbes Jahr vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie zuletzt in der Stuttgarter Mercedes-Benz Arena zu Gesicht bekam, erlebte einen unverfälschten Meister der Pop-Musik. Der von seinen körperlichen Leiden ohne Zweifel geprägt war, sich davon jedoch keineswegs beirren ließ. Da mochte der seinerzeit 68-Jährige zwar mit Stock und im Drehstuhl noch so sehr auf dingliche Unterstützung angewiesen sein: Zwischen globalen Hits wie „Don’t Lose My Number“ und „In The Air Tonight“ bereitete der Sänger 40 000 faszinierten Zuschauern sprichwörtlich einen Tag im musikalischen Paradies („Another Day In Paradise“).

Gegen alle Widrigkeiten („Against All Odds“) kämpft Collins auch seitdem. Denn der Mann aus London überwand in den sieben Dekaden seines Lebens nicht nur Depressionen und die Alkoholsucht – auch die Taubheit eines Fußes nach einer Rückenoperation kommentierte der Drummer in der Landeshauptstadt mit fast schon souveräner Selbstironie. Dazu passt denn auch, dass große Teile von Genesis sich zu einer Reunion entschlossen haben, die 2021 hoffentlich Realität werden darf.

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Autor Stellvertretender Leiter der Redaktion Mannheim und die Region

Ressortleitung Stv. Ressortleiter Kulturredaktion

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken. Im Zentrum seines Interesses stehen vor allem auch die politische und kulturpolitische Berichterstattung. Davor, seit 2000, war Dettlinger Musikredakteur in der Kulturredaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Dettlinger ist von Haus aus Musiker. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin am musikwissenschaftlichen Institut bei Hermann Danuser und Wolfgang Auhagen sowie dank eines Jahresstipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris bei Michel Béroff Klavier. Den Beginn des Studiums absolvierte er mit dem Musiklehrer-Diplom an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er Klavier, Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition in den Hauptfächern sowie Gesang im Nebenfach studierte. Dettlinger stammt aus Stuttgart, wo er Abitur machte und die ersten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Im Herbst 2016 veröffentlichte er im Wellhöfer-Verlag seinen ersten Roman "Linds letzte Laune", der in der Medienwelt spielt.

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