Musical: Mei Hong Lin inszeniert Andrew Lloyd Webbers Rockoper "Jesus Christ Superstar" am Staatstheater Darmstadt Osterhasen im Konsumtempel

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Uwe Rauschelbach

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Den Konfirmandenunterricht haben wir - manchmal - geschwänzt. Doch den Text von "Jesus Christ Superstar" konnten wir auswendig mitsingen. Sogar im Original. Religiöse Sozialisation geht eben meist unerwartete Wege. Und ganz sicher lag die Faszination der Rockoper von Andrew Lloyd Webber vor allem darin, das sie so vieles reflektierte von den Hoffnungen und Sehnsüchten der Jugendlichen damals.

Die 70er Jahre nahmen ihren Lauf. Die Blumenkinder wurden erwachsen, über Woodstock verdampfte ein Rest an Aufbruchstimmung. Die bleierne Zeit brach an. Da hatte uns "Jesus Christ Superstar" viel zu sagen. Von Idealismus und seinem Schatten, dem Weltschmerz, vor allem von Erwartungen, die diese Gesellschaft nicht erfüllen wollte. Und konnte.

In der Figur des friedensbewegten Hippie-Jesus spiegelt sich eine Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Oder einfach nach mehr. Dass dieser Jesus vor allem als Mensch und weniger als göttliches Wesen gezeigt wird, macht "Jesus Christ Superstar" bei kirchlichen Dogmatikern verdächtig. Und es ist auch in dramaturgischer Hinsicht ein Problem des Musicals, dass es diesen Jesus zwar säkularisiert, andererseits aber eine transzendente Dimension benötigt, ohne die seine Rolle als "Superstar" nicht funktionieren würde. Dies macht auch die Inszenierung der Rockoper in deutscher Sprache durch Mei Hong Lin in Darmstadt deutlich. Wer dieser Jesus eigentlich ist, gescheiterter Idealist oder Gottes Sohn, bleibt bis zum Schluss unbeantwortet. Jesus krepiert an einem Kreuz aus bunten Neonröhren. Seine letzten Tage bringt er in einer feucht-fröhlichen Straßengang zu, die immer wieder von martialisch auftretenden Ordnungshütern aufgerieben wird.

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Die Handlung bettet Mei Hong Lin vor allem in Tanzszenen ein. Die Choreografie (Christina Comtesse) ist mitreißend. Sie bildet jenen Überschwang dieser Jahre in wirbelnden Bewegungen und wechselnden Formationen ab. Dafür ist die Bühne umso spartanischer ausgestattet, was kein Manko ist. Beste Szene: Weihnachtsmänner und Osterhasen (Bühne und Kostüme: Thomas Gruber) vergnügen sich im Konsumtempel, aus dem sie ein ausgerasteter Jesusfreak verjagt.

Das ist, nach fast 40 Jahren, wenig revolutionär, aber durchaus nicht schlecht gemacht. Dazu spielt die Band (Thomas Peuschel) munter mit, könnte jener Mischung aus Orchester- und Rocksound aber etwas mehr Druck verleihen. Der Chor des Staatstheaters (André Weiss) setzt zusätzliche Farbtupfer ins Klangbild. Vor allem die beiden Hauptdarsteller leisten bei der Premiere Übermenschliches: Chris Murray als Jesus tut dies bei seinen strapaziösen Einsätzen sowohl körperlich als auch gesanglich. Man fürchtet im wachsenden Verlauf des Abends um die Unversehrtheit seiner Baritonstimme, die vom Flüstern bis zum Schrei das gesamte Klangspektrum durchmisst. Auch Oliver Fobe als geplagter Judas beansprucht seinen Tenor bis aufs Äußerste.

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Sigrid Brandstetter gibt eine flotte Hippiebraut, wie sie als Maria Magdalena so nicht im Buche steht, während Thomas Mehnert als Kaiphas arg knödelt, um die tiefen Bassregister zu erreichen. Sehr achtbar David Pichlmaier als ratloser Pilatus, Oleksandr Prytolyuk als Partylöwe Herodes und Markus Durst als wohlklingender Petrus-Bariton.

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Zwischenbeifall nach beinahe jeder Szene und Riesenapplaus nach der Premiere: "Jesus Christ Superstar" ist in Darmstadt gut angekommen. Jetzt kann's Ostern werden.