Das Interview - Staatssekretärin Petra Olschowski zum Dialogprozess „Kulturpolitik für die Zukunft“ und das Finale mit Thea Dorn in Mannheim zum Thema Demokratie Olschowski sieht Paradigmenwechsel bei Förderung

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Stefan M. Dettlinger
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Mannheim. „Ich glaube: 2045 wird alles anders sein. Die Räume werden offen und durchlässig sein. Es wird zum Beispiel keine geschlossenen Bühnenräume mehr geben.“ Das sagte Baden-Württembergs Kulturstaatssekretärin Petra Olschowski im Interview mit dieser Zeitung vor einem Jahr. Sie glaube, dass die „Zukunft viel anarchischer“ werde. Nun, ein gutes Jahr später, kommt sie nach Mannheim und diskutiert im Rahmen des Dialogs „Kulturpolitik für die Zukunft“ mit Philosophin Thea Dorn, Schauspielchef Christian Holtzhauer und Oberbürgermeister Peter Kurz darüber, welche Rolle die Kultur in der Demokratie übernehmen sollte - Anlass für einige Fragen.

Petra Olschowski und der Dialog Kulturpolitik

  • Die Staatssekretärin: Petra Olschowski, geboren 1965 in Stuttgart, ist seit 2016 Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Nach dem Abitur machte sie eine Lehre als Einzelhandelskauffrau im Kunsthandel, ab 1986 studierte sie Kunstgeschichte und Germanistik in Stuttgart.
  • Die Karriere: Von 1996 bis 2002 war Olschowski Redakteurin bei der „Stuttgarter Zeitung“. 2002 wechselte sie als Geschäftsführerin an die Kunststiftung Baden-Württemberg GmbH, von 2010 an leitete sie als erste Rektorin die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Sie lebt mit dem politischen Krimiautor Wolfgang Schorlau in Stuttgart.
  • Der Prozess: Seit Juni 2018 suchen Baden-Württembergs Kunstministerin Theresia Bauer und Olschowski zusammen mit 200 Kulturschaffenden und -interessierten nach der „Kulturpolitik für die Zukunft“. Im Abschluss geht es am Donnerstag, 14 bis 16 Uhr, im Mannheimer Schloss um „Neue gesellschaftliche Bündnisse“. Nach der Eröffnung durch Oberbürgermeister Peter Kurz und Petra Olschowski wird die Autorin, Philosophin und TV-Moderatorin Thea Dorn den Impulsvortrag halten, nach dem auf der Bühne diskutiert wird.
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Frau Olschowski, wie kam es zum Dialog Kulturpolitik?

Petra Olschowski: Als ich vor dreieinhalb Jahren als Kunststaatssekretärin begonnen habe, war klar, dass ein wichtiges Thema die Frage sein würde: Wie geht es weiter nach der Kunstkonzeption „Kultur 2020“, die im Jahr 2010 entwickelt wurde. Vieles davon war noch aktuell. Aber vieles auch nicht. Die Gesamtwahrnehmung ist heute eine andere als damals. Wir wollten daher mit möglichst vielen Menschen aus allen Bereichen spartenübergreifend Fragen diskutieren wie: Welche Rolle spielt das Digitale? Wie sieht es mit Kunst und Kultur in den ländlichen Räumen aus? Welche neuen gesellschaftlichen Bündnisse brauchen Kunst und Kultur? Welche Strategien brauchen Einrichtungen und welche Förderung, um die Transformation in die Zukunft richtig zu gestalten?

Sind das nicht alles Dinge, die man ohnehin von der Politik erwartet, dass sie eben in steter Kommunikation und Diskussion mit den Playern steht und mit ihnen über die Zukunft spricht?

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Olschowski: Das ist richtig. Aber die Chance dieses Prozesses ist, dass wir die verschiedenen Player zusammenbringen und dass man nicht in Einzelgesprächen verharrt. Und dass die Ergebnisse dann entsprechend auch nicht im Raum der Institution stehen bleiben, sondern dass man sie gemeinschaftlich über Protokolle und Arbeitsgruppen weiter verarbeitet. Am Ende sollen im Frühjahr 2020 konkrete Handlungsempfehlungen stehen. Die richten sich in erster Linie an die Politik, aber auch an die Verwaltung und die Kulturinstitutionen selbst.

Gehört zu den Zwischenergebnissen das, was auch schon im Koalitionsvertrag steht: dass nämlich die Förderung weg von der institutionellen und mehr hin zur projektbezogenen Subvention wandern soll und so mehr Freiräume geschaffen werden?

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Olschowski: Das Gegenteil hat sich herausgestellt. Eines der Zwischenergebnisse des Dialogs ist, dass die Projektförderung noch stark mit der alten Kunstkonzeption verbunden ist. Wir stellen fest, dass wir die schnellere Förderung von Projekten brauchen, um Prozesse zu dynamisieren und Neues auszuprobieren, dass der große Bedarf der Einrichtungen aber an zuverlässigeren Finanzierungsmodellen besteht. Das muss nicht immer für die Ewigkeit sein. Wir werden künftig parallel zur institutionellen Förderung wohl eher über Fördermodelle für fünf, sechs oder sieben Jahre nachdenken, auch um Transformationen besser ermöglichen zu können.

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Ist das ein Paradigmenwechsel?

Olschowski: Ja, und zwar gerade in diesem Feld zwischen der institutionellen Förderung „für immer“ und der kurzen Einzelprojektförderung.

Ein weiteres Stichwort dürfte „kulturelle Bildung“ sein. Über sie sprechen heute fast alle, und fast scheint es, die Politik ist so sehr in Erklärungsnot bei Ausgaben für die eigentliche Kunst, dass sie die Ultima Ratio ist, um Mehrheiten zu erhalten. Kunst erscheint so bisweilen als Zweck zur Bildung. Tut das nicht weh im Herzen der ehemaligen Kunstakademiedirektorin?

Olschowski: Überhaupt nicht. Ich sehe da zwei Linien, die zusammengehören. Zum einen müssen wir zwischen Kunst und Kulturinstitutionen unterscheiden. Wir brauchen natürlich eine Kunstszene auf höchstem Niveau, die unabhängig von allen gesellschaftlichen Fragen arbeitet. Angesichts der Entwicklung in der Gesellschaft brauchen wir aber auch Möglichkeiten, diese verschiedenen künstlerischen Wege über Institutionen, die die Kunst präsentieren, anders zu vermitteln, die Teilhabe anders zu organisieren als bisher. Persönlichkeitsbildung durch Kunst ist ein Angebot, eine Chance. Klar ist: Wir wollen mehr Menschen erreichen, auch die, die noch nichts mit Kunst und Kultur zu tun haben. Wir müssen uns fragen, wie wir sie besser ansprechen und einbinden können, aber auch, wie wir ihre Interessen in die Arbeit der Kulturinstitutionen anders integrieren können.

Und um das zu erforschen haben Sie Gespräche mit Jugendlichen und Migranten geführt. Welche Kultur und Kunst wird von diesen Menschen gewünscht?

Olschowski: Auch das ist ganz vielfältig. Die Migrantenvereine reden über die Sanierung der Staatsoper oder des Nationaltheaters. Aber sie sagen auch: Wir wollen von diesen Einrichtungen anders wahrgenommen werden, wollen, dass sie verstehen, dass es auch ein kulturelles Interesse gibt bei Gruppen, die vielleicht nicht nur Mozart hören wollen, sondern andere Komponisten, weil sie andere musikalische Traditionen haben. Und sie erwarten zu Recht, dass diese Einrichtungen, die in der Mitte unserer Städte liegen, ihre Bedürfnisse auch ernst nehmen.

Sie haben es bereits angesprochen: Wie schneiden bei diesen Diskussionen die großen öffentlichen Theater und Museen ab?

Olschowski: Gar nicht schlecht. In Karlsruhe haben die jungen Leute, die ich getroffen habe, interessanterweise besonders über die großen Einrichtungen gesprochen. Die interessieren sich dann im Landesmuseum für das „Museum X“, das speziell auf sie ausgerichtet ist und ihnen Räume und Begegnungsmöglichkeiten zur Verfügung stellt. Das gleiche gilt für das Badische Staatstheater, das für sie sehr wichtig ist, auch weil es dort Personen gibt, die mit ihnen im Gespräch sind. Sie reden aber genauso über das Jugendzentrum. Meine Erfahrung ist: Die Jugendlichen unterscheiden nicht mehr zwischen E und U, elitär oder populär, groß oder klein. Sie sehen das breite Angebot und entscheiden tageweise, was sie interessiert und was nicht.

Aber Sie haben natürlich mit Menschen gesprochen, die sich zur Veranstaltung gemeldet haben. Das ist nicht der Querschnitt der jungen Leute und Migranten…

Olschowski: Das trifft sicherlich ein Stück weit zu. Wir haben das Gespräch aber über den Stadtjugendring organisiert, nicht über einen Kulturclub. Entsprechend waren auch Gamer dabei aus der Computerszene, Akrobaten aus dem Jugendzirkus, natürlich alles aktive Jugendliche. Und das ist es doch, was wir gerade bei der jungen Generation erleben: dass sie Gesellschaft aktiv mitgestalten will. Bei unserem Kulturpolitik-Dialog sieht man das ganz klar: Die jungen Menschen wollen eine andere Teilhabe bei den Prozessen. Sie wollen vielleicht nicht selbst das Opernprogramm bestimmen, aber sie wollen in einen Dialog darüber kommen mit den Leuten, die das tun, und ihre Meinung dazu einbringen. Das ist doch eine große Chance!

Es gibt ja überhaupt keine Homogenität in unserer zersplitterten Gesellschaft - es ist zu beobachten, dass immer mehr kleine Institutionen und große Häuser entsprechend immer mehr kleinere Formate Kunst auf kleine gesellschaftliche Gruppen zuschneiden. Also eine Entwicklung weg von Kunst, die möglichst viele erreicht, und hin zu einer exklusiven Kunst für Grüppchen? Brauchen wir nicht das Gegenteil, die große identitätsstiftende Kulturveranstaltung?

Olschowski: Ja, das ist ein großes Thema. Das ist mir deutlich geworden im Gespräch mit den Migrantenvertretern. Es geht oft um die Wahrnehmbarkeit für die eigene Gruppe. Wenn wir aber über die Funktion der Kultur als bindende Kraft für den gesellschaftlichen Zusammenhalt diskutieren, dann wird es auch darum gehen, dass es nicht nur ausschließende, exklusive Angebote gibt für eine einzelne Gruppe, sondern dass wir es schaffen, viele Menschen zusammenzubringen. Das ist die Chance der großen Häuser, das ist die Aufgabe, die sich für die Zukunft stellt, für das Nationaltheater, für die Staatstheater in Stuttgart und Karlsruhe.

Aber das Gegenteil passiert.

Olschowski: Möglicherweise ist das der Versuch, in einer Übergangsphase Menschen zu erreichen, die man bisher nicht erreicht hat, und sie über spezielle Formate ans Haus zu binden. Jetzt müsste es aus meiner Sicht darum gehen, sie in einem nächsten Schritt zusammenzuführen. Man kann das Ziel nicht mit einem Schritt erreichen. Es ist ein Experimentieren. Niemand, nicht die Intendanten, nicht die Politik, hat die Weisheit.

Und so rechtfertigen Sie dann auch die Sanierungskosten für die Staatoper Stuttgart von über einer Milliarde Euro?

Olschowski: Es gibt viele Gründe. Dazu gehört die große Aufgabe dieser großen Einrichtungen. Diese Kultureinrichtungen stehen mit ihren fantastischen Gebäuden nicht ohne Grund in den Zentren der Städte. Es sind wirkliche Orte der Begegnung, des Austauschs. Das können sie aber auch nur sein, wenn wir sie weiterentwickeln. Sanieren bedeutet auch, die räumliche und technische Voraussetzung zu schaffen, in denen das auf diesem Niveau machbar ist. Ich glaube, es gibt keine Alternative dazu, diese Orte als zentrale kulturelle Denkmale einerseits und Zukunftswerkstätten andererseits auf höchstem Niveau weiterzuentwickeln und für die Besucherinnen und Besucher auch in den kommenden Jahrzehnten attraktiv zu halten - und dazu braucht es diese Baumaßnahmen.

In Mannheim spricht Thea Dorn zum Auftakt über „Kultur und Demokratie“. Demokratie ist die Herrschaft des Volkes. Will das Volk diese Sanierung?

Olschowski: Was meinen Sie mit „das Volk“? Sicher ist, wir müssen die Menschen in diese Prozesse mitnehmen, es muss darum gehen, die richtigen Formate zu finden, um die Menschen zu informieren, zu begeistern, ihnen zu erklären, worum es geht, sie zu beteiligen, wo es möglich ist, ihre Fragen und Zweifel ernst nehmen, ihre Anregungen aufgreifen.

Mit beteiligen meinen Sie nur informieren?

Olschowski: Informieren, Diskussionen führen, Anregungen aufnehmen - das heißt auch, Dinge überdenken. Ich glaube, Mehrheitsentscheidungen über solche Projekte sind schwierig, weil sie sehr komplex sind und die Abwägung der Fragen in der Zuständigkeit zwischen Kommune und Land - manchmal kommt ja auch der Bund dazu - extrem schwierig ist. Die Demokratie mit ihren gewählten Volksvertretern hat da durchaus ihren Sinn. Wir müssen in dieser Rolle auch Verantwortung übernehmen. Nicht zuletzt reden wir ja nicht nur über ein kulturpolitisches Projekt, sondern vor allem auch über ein großes Bauprojekt, das mit anderen großen Bauprojekten verglichen werden muss. Aus meiner Sicht wäre eine Volksabstimmung nicht das richtige Instrument.

Worum wird es am Donnerstag im Mannheimer Schloss gehen?

Olschowski: Es wird genau um die Fragen gehen, die wir besprochen haben: um Beteiligung und die Rolle bürgerschaftlichen Engagements. Aber auch darum, was Heimat und Identität mit Kultur zu tun hat. In der Diskussion mit Thea Dorn, Oberbürgermeister Peter Kurz und Schauspielintendant Christian Holtzhauer werden wir auch darüber sprechen, ob wir Kulturpolitik, also nicht die Kunst selbst, ob wir also Kulturpolitik verstärkt als Gesellschaftspolitik verstehen sollten. Auch die Frage nach der Kunstfreiheit wird gestellt. Das ist ein wichtiges und offenes Thema. Und dann: Was kann Kultur für unsere Demokratie leisten?

Ihre Betonung der Trennung von Kunst und Kultur ist auffällig. Sie sehen also schon auch eine gewisse Gefahr, dass Kunst danach beurteilt wird, ob sie einem Zweck dient. Sie haben von Kunstfreiheit gesprochen. Das kann die Freiheit des Künstlers sein, aber auch die Freiheit der Kunst selbst, losgelöst von einem übergeordneten Zweck zu existieren, als l’art pour l’art.

Olschowski: Absolut, die Kunst muss frei sein von einem Zweck. Wir schaffen ja in der Kulturpolitik nur Rahmenbedingungen, in der die Kunst selbst frei ist, die Kulturinstitutionen aber ihren Platz finden in einem gesellschaftlichen Miteinander. Man kann vielleicht sagen, die Kultureinrichtungen markieren den Raum zwischen Künstler und Zuschauer. Auch sie müssen in ihrer Arbeit frei und unabhängig sein, aber es stellen sich andere Fragen als im künstlerischen Prozess selbst.

Wird Kunst mehr gefördert, wenn sie unter Schlüsselbegriffe zusammenzufassen ist wie kulturelle Bildung oder Identitätsstiftung?

Olschowski: Nein. Wir fördern ja einzelne Künstlerinnen und Künstler vor allem über Preise und Stipendien, und die bekommen, wenn die Jury gut gearbeitet hat, die unkonventionellsten Künstler, die innovativsten. So garantieren wir eine große Vielfalt und Unabhängigkeit.

Sie vertreten damit eine sehr offene Kulturphilosophie für das Land. Das politische Spektrum hat sich ja in alle Richtungen erweitert. Wie macht sich das bei der Arbeit im Landtag bemerkbar?

Olschowski: Die Kunstkonzeption 2020 ist 2010 einstimmig vom Landtag bestätigt worden. Das würde uns mit einer Konzeption im Jahr 2020 nicht mehr gelingen. Zumindest die AfD würde nicht zustimmen. Das ist beispielhaft dafür, dass wir im Landtag im Moment sehr gegensätzlich über Kulturpolitik diskutieren. Bestimmte Prämissen, die wir für unantastbar gehalten haben, werden von der AfD immer wieder neu infrage gestellt. Wir diskutieren immer wieder über Freiheit und Unabhängigkeit von Kunst und Kultur. Das führt aus meiner Sicht auch zu einer bestimmten Unruhe in der Gesamtdiskussion. Das tut den Themen nicht immer gut. Die demokratischen Fraktionen haben allerdings eine große Übereinkunft beim Thema Kunstfreiheit…

… die AfD ist immerhin demokratisch legitimiert.

Olschowski: Das stimmt, wir müssen uns deshalb auch mit ihren Positionen auseinandersetzen. Aber die sind oft sehr durchschaubar und einfach nur provokativ.

Das Interview wurde telefonisch geführt und vor der Veröffentlichung schriftlich autorisiert.

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Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „MM“ seit 2006.