Kulturpolitik - Auf ein Schreiben von Politikerinnen und Politikern mit Vorwürfen zur Aktivität während des Lockdowns zeigt sich das Theater einsilbig Nationaltheater findet Offenen Brief „inakzeptabel“

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Stefan M. Dettlinger
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Ansicht aus wartenden Zeiten: Nationaltheater am Goetheplatz. © Uwe Anspach/dpa

Mannheim. Immer wieder hört man die Fragen, von Bürgerinnen und Bürgern, vor allem aber natürlich auch von freien Kunstschaffenden: Was machen die rund 500 Mitarbeiter im Nationaltheater eigentlich zurzeit den ganzen Tag? Eine Mail mit den relevanten Fragen zum Thema ist von dieser Redaktion just am vergangenen Donnerstagvormittag an das Haus am Mannheimer Goetheplatz geschickt worden. Da melden sich am selben Tag abends Kommunalpolitiker mit einem Offenen Brief. Unter dem Titel „Kultur in Corona-Zeiten“ wenden sich damit Angela Wendt, Markus Sprengler und Gerhard Fontagnier (Grüne) sowie Helen Heberer und Thorsten Riehle (SPD) an die kulturpolitisch interessierte Öffentlichkeit. Sie beklagen darin „die fehlende Aktivität unserer Kulturverwaltung und unseres Nationaltheaters“.

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Im großen Spielhaus hat am 1. November mit Rossinis „Barbier“ die letzte Vorstellung vor einer zweiten Schließung seit Corona stattgefunden. Operndirektor Albrecht Puhlmann trat vors Publikum und sagte, der Unterschied zum Frühjahr sei, dass „wir weiter probieren“. Er kündigte also an: Die Maschine und das Proben im NTM laufen weiter – nur eben ohne uns, das Publikum.

104 Tage ist das jetzt her. Und es wird noch 45 Tage dauern. Mindestens. Das ist dann fast ein halbes Jahr. Viel passiert ist nicht. Ein paar digitale Formate hier. Ein Konzert da. Es ist ja auch nicht leicht, das Interesse am Streaming hat nach anfänglichem Hoch schnell wieder abgenommen.

Im Offenen Brief weisen die fünf kulturpolitischen Unterzeichnenden darauf hin, bereits im Lockdown des Frühjahrs 2020 verschiedene Anträge gestellt zu haben, „um der Kulturszene Hilfen und Unterstützung zukommen zu lassen“. Davon sei zu wenig umgesetzt worden. Die Fünf erkennen „keine wesentlichen Initiativen der Kulturverwaltung“, die der Krise begegnen könnten: „Aus dem ersten Lockdown gibt es keine nachhaltigen Erkenntnisse, die uns jetzt helfen würden: Es fehlen vereinfachte finanzielle Projektunterstützungen, schnelle Förderzusagen, zentrale und technisch ausgestattete Bühnen für Streamingangebote und die Vermittlung von leerstehenden Räumen in den großen Kulturhäusern, um kulturelle Aktivitäten, die digital übertragen werden könnten, zu veranstalten. Dieser Mannheimer Kulturkanal hätte schon lange eingerichtet sein können.“

NTM will „sich verhalten“

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Nach Ansicht der Brief-Schreibenden ist es „beschämend für die Kulturstadt Mannheim“, wenn diese Lücken von privaten Initiativen geschlossen würden und aufgrund mangelnder Kapazitäten nicht für alle Kulturschaffenden zur Verfügung stünden. Vermisst würde auch „die kulturelle Präsenz des Nationaltheaters“, auch wenn das derzeit nur digital möglich sei. „Wir verstehen nicht, warum ein großes Haus derart stillliegt und keine Aktivitäten wie in Theatern anderer Städte entstehen. Darauf hatten wir bereits im Frühjahr 2020 mehrmals hingewiesen. Vorbereitungen fanden erkennbar keine statt.“

Unterdessen reagiert das NTM auf Anfrage einsilbig: Man werde sich „zu gegebener Zeit dazu verhalten“, teilte Kommunikationschefin Doreen Röder mit, weiter: „Vorab sei allerdings in aller Deutlichkeit festgestellt, dass dieser Vorgang sowohl von der Form als auch vom Inhalt her in jeder Hinsicht inakzeptabel ist.“

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Die Unterzeichnenden des Briefs haben für Anfang März eine Sondersitzung des Kulturausschusses beantragt. Kulturschaffende könnten Mut machen, heißt es im Text. In Krisen zeige sich, was man könne. Wichtig sei auch, schon jetzt darüber nachzudenken, wie es nach der Corona-Krise weitergehen könne, „was wir aus der Krise lernen und welche Schlüsse wir für die Zukunft und die Aufstellung der Kultur schließen“, so endet der Offene Brief.

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken.