Wunder der Prärie - Das Performancefestival bringt ab morgen erneut Vielfalt ins Künstlerhaus Zeitraumexit in Mannheim Narziss und Gemeinschaft

Von 
Martin Vögele
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Zu erleben beim Performancefestival Wunder der Prärie: "The automated Sniper" gastiert am 15. und 16. September in Mannheim.

© Bas de Brouwer

Mannheim. "Social Body Building", das sei eigentlich ein Zufallstreffer gewesen, "ein Begriff, den unsere Designer vorgeschlagen haben", sagt Jan-Philipp Possmann. "Bodybuilding gilt ja allgemein als der narzisstischste Sport", bei dem es darum gehe, den eigenen Körper zu vervollkommnen, sich selbst schön zu finden, sich dadurch von anderen abzusetzen.

Informationen zum Festival

  • "Wunder der Prärie" findet von 14. bis 24. September im Mannheimer Zeitraumexit (Hafenstraße 68) statt. Weitere Spielorte sind Pozzistraße 7, Laboratorio17, Multihalle im Herzogenriedpark und der Alte Meßplatz.
  • Das Programm und weitere Infos gibt es unter www.wunderderpraerie.de.
  • Kuratoren sind Zeitraumexit-Leiter Jan-Philipp Possmann und Gabriele Oßwald.
  • Possmann (Bild) stammt aus Frankfurt und studierte in Berlin Kultur-, Theater- und Politikwissenschaft. Seit 2005 kuratierte er verschiedene Festivals wie Plateaux (Mousonturm Frankfurt) und die Internationalen Schillertage in Mannheim sowie für die Sophiensaele in Berlin.
  • Von 2009 bis 2012 war er Schauspieldramaturg am Nationaltheater Mannheim. Seit 2012 arbeitet er an der Schnittstelle von Wissenschaft und künstlerischer Praxis, kuratiert und moderiert Diskussionsveranstaltungen und Think Tanks. 
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"Und die Kombination mit 'social' und mit dem 'Sozialkörper', den es ja auch gibt in der Politikwissenschaft, fanden wir extrem interessant", meint der Leiter des Mannheimer Künstlerhauses Zeitraumexit: "dass man einen Narzissmus pflegen sollte, der darin besteht, die Gemeinschaft schön zu machen und zu bilden."

"Social Body Building" - unter diesem Titel firmiert die zehnte Ausgabe von Wunder der Prärie, des internationalen Festivals für Performancekunst und Vernetzung, das vom 14. bis 24. September im Zeitraumexit (und einigen weiteren Spielstätten wie der Multihalle im Herzogenriedpark) stattfindet. Das Publikum kann hierbei neun Performances, eine interaktive Installation und einen "automatischen Workshop" erleben, die von internationalen Künstlern kreiert und aufgeführt werden - darunter vier Uraufführungen und drei Deutschlandpremieren.

Ebenso bietet das Festival Gelegenheit, politische Debatten zu führen und die Regeln für das kommende halbe Jahr kultureller Arbeit im Zeitraumexit zu bestimmen - aber dazu später mehr und zurück zur grundlegenden Programmatik von Wunder der Prärie: Man könne dieses Festival auch "als eine Trainingseinheit im Social Body Building" sehen, meint Possmann, insbesondere weil die darstellende Kunst, besser: die Live-Kunst, die im Zeitraumexit gemacht werde, "immer eine soziale Übung ist. Insofern, als sie nur funktioniert, wenn verschiedene Leute zusammenkommen."

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Die Rolle des Publikums sei auch deshalb so interessant, weil "wir nicht nur ein Künstlerhaus, sondern auch ein soziokulturelles Zentrum sind. Und wir haben - auch meine Vorgänger - die Kulturarbeit, die wir hier machen, immer als eine soziale Arbeit verstanden, also als einen Dienst für die Gemeinschaft. Und das soll dieses Festival auch reflektieren." Anfang des Jahres hatte Possmann die Leitung von Zeitraumexit im Jungbusch von dessen Gründern Gabriele Oßwald, Wolfgang Sautermeister und Tilo Schwarz übernommen. "Ein fließender Übergang", wie Possmann erklärt, der Wunder der Prärie zusammen mit Oßwald kuratiert; Sautermeister ist als Künstler mit einem Performance-Parcours ("My Fiction_Future - Eine Suchbewegung") vertreten.

Mitwirken an der Aufführung

Und wie stark spiegelt sich der Aspekt der Teilhabe, des Mitwirkens in der Aufführungspraxis wider? "Die große Welle der partizipativen Kunst" sei eigentlich schon wieder vorbei, stellt Possmann fest. "Und auch zu Recht, weil das jetzt jahrelang ein ganz zentrales Thema war. Wir haben versucht, Arbeiten zu finden, die partizipativ sind, aber auf eine andere Art und Weise als man das kennt" - eben nicht "das Mitmachtheater, bei dem alle auf die Bühne gehen oder jeder seine Geschichte erzählen darf." Stattdessen können die Besucher etwa einem Abend von David Weber-Krebs beiwohnen ("The Guardians of Sleep"), bei dem sie den Performern beim Einschlafen zusehen. Man muss nichts machen, erläutert Possmann, aber: "Die Performer schlafen nur ein, wenn ich mich entsprechend verhalte, wenn ich leise bin."

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Einen bemerkenswerten Schritt weiter in Sachen Partizipation geht ein Experiment namens "Artfremde Einrichtung": Dabei will das Zeitraumexit nach Ende von "Wunder der Prärie" für ein halbes Jahr zur "Allmende" werden, Räume und Infrastruktur allen zur Verfügung stellen, die sich in einem demokratischen Verfahren darum bewerben, den Ort jeweils einen Monat lang zu bespielen. Die Regeln hierfür werden bei acht "Der Konvent"-Zusammenkünften während des Festivals bestimmt.

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Daneben treffen Kulturschaffende aus Barcelona, Belgrad, Budapest, Athen, Antwerpen und Zagreb bei der Konferenz "Art, Politics and the Institution - A European Summit" zusammen, um über die politische Rolle von Kultureinrichtungen in Europa zu diskutieren. Also: hingehen, teilhaben, mitreden - oder auch einfach ansehen!

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