Gedenktag - Schon von Patricia Highsmiths erstem Roman war Alfred Hitchcock so fasziniert, dass er zehn Tage nach Erscheinen die Filmrechte kaufte Meisterin des psychologischen Kriminalromans

Von 
Wilhelm Roth
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Patricia Highsmith ist neben der Engländerin Agatha Christie die bekannteste, populärste Kriminalromanautorin des 20. Jahrhunderts. Agatha Christie (1890-1976) verkörpert die Tradition, Patricia Highsmith (1921-1995) die Innovation. Vor 100 Jahren, am 19. Januar 1921, wurde sie in Fort Worth in Texas geboren, sie starb am 4. Februar 1995 in Locarno.

Liebte Schnecken: Patricia Highsmith (1921-95) 1991. © Hanno Gutmann/epd
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Bevor Highsmith 1951 ihren ersten Roman „Zwei Fremde im Zug“ schrieb, erprobte sie ihr Talent in Kurzgeschichten. Diese schon bekannten Stories sind jetzt im Band „Ladies“ neu erschienen, ergänzt um fünf bisher unbekannte Texte – in denen es nicht um Kriminalfälle geht: In einem Frauenkloster wird ein kleiner Junge als Schwester aufgezogen. Ein junges Mädchen kommt mit seinen Eltern nach New York und erlebt den Schock der Riesenstadt. Eine Spinne leidet darunter, dass sie immer nur Fliegen zu fressen kriegt.

Grausiger Höhepunkt: Ein Schneckenforscher, der die kleinen Tiere herzlich liebt, erstickt schließlich in seinem Zimmer, als die von ihm gezüchteten Schnecken den Raum bis in den letzten Winkel füllen. Patricia Highsmith selbst war eine große Schneckenliebhaberin, sie studierte neben Literatur auch Zoologie.

Wim Wenders verfilmte Highsmith

Ihre Werke sind Krimis und psychologische Romane zugleich. In ihrem ersten Roman, „Strangers on the Train“ („Zwei Fremde im Zug“) lernen sich zwei Männer auf einer langen Zugfahrt kennen. Im Gespräch merken sie, dass beide einen Mord planen. Sie kommen auf die Idee, ihre Morde zu tauschen. So bleiben die Täter unentdeckt, denn sie haben kein Motiv. Regisseur Alfred Hitchcock war so fasziniert von der Geschichte, dass er zehn Tage nach Erscheinen des Romans die Rechte für 6800 Dollar erwarb. Sein Film und der Roman wurden Welterfolge.

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So begann die große Karriere der Patricia Highsmith. Ihre Bücher wurden in 25 Sprachen übersetzt, waren in Europa erfolgreicher als in den USA. Hauptfigur in fünf Romanen war der Kleinkriminelle Tom Ripley, alle wurden verfilmt. Wim Wenders drehte „Der amerikanische Freund“ („Ripleys Game“), einen seiner bekanntesten und besten Filme. Und „Der talentierte Mr. Ripley“ wurde zwei Mal verfilmt, mit Alain Delon in „Nur die Sonne war Zeuge“ und 1999 mit Matt Damon, Jude Law und Cate Blanchett.

Patricia Highsmith verbrachte die ersten Lebensjahren bei ihrer Großmutter, kam dann zu ihrer Mutter nach New York. Ab den 50er Jahren lebte sie in Italien, England, Frankreich und dann im schweizerischen Tessin. In den 1980er Jahren traf man sie manchmal im Sommer beim Filmfestival von Locarno, auch wenn sie kaum Filme gesehen hat. Ihr Haus in der Nähe von Locarno wurde als eine Festung beschrieben. Dort lebte sie zusammen mit Katzen, Hunde mochte sie nicht.

Junge im Körper eines Mädchens

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1978 war sie Jurypräsidentin bei der Berlinale. Der Umgang mit ihr sei nicht einfach gewesen, hieß es. Nach Berlin fuhr sie vor allem, um in der Berliner Kultur- und Alternativ-Szene zu recherchieren. Ihr Privatleben schirmte sie ab. Überliefert ist der Satz: „Ich bin ein Junge im Körper eines Mädchens“.

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1986 hat der Diogenes Verlag in Zürich die Weltrechte an ihren Werken erworben, seitdem ist eine Gesamtausgabe in Arbeit. Bisher sind 24 Romane erschienen und acht Bände mit Stories.

Selbst Menschen wie der früh verstorbene, jetzt wiederentdeckte Autor Jörg Fauser, ein Fan harter Krimis, zeigte sich fasziniert von Highsmith. Wenn auch wider Willen: „Nun – auch wem die Dame Highsmith mit ihren versnobten Kunstfiguren aus dem Jet-Set-Milieu, mit ihren gelangweilten Mittelklasse-Mördern im Nobel-Viereck zwischen Venedig, Tunis, London und New York nicht zusagt: Man wird kaum behaupten können, dass diese Schriftstellerin ihr Handwerk nicht aus dem Effeff beherrscht. Ohne Zweifel ist Patricia Highsmith eine, wenn nicht die beste der gegenwärtigen Thriller-Autorinnen.“ epd