Journal - Wie wirkt die Gesellschaft auf alleinlebende Menschen, und was geben die wiederum zurück? – Gedanken eines Singles Mehr als ein Aufstrich-Problem

Von 
Joana Rettig
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Wer alleine lebt, schaut oft nicht nur beim Kühlschrank in die Röhre. © istock

Als ich neulich im Internet unterwegs war, wurde mir ein Spruch entgegengeschmettert. Er sollte nicht sonderlich in die Tiefe gehen. Aber er brachte mich zum Nachdenken. So banal er war: Er trug mehr in sich, als er vermutlich versuchte. „Die wahren Probleme des Single-Seins: Man muss fünf Tage lang den gleichen Aufstrich essen, damit er nicht schlecht wird.“ Ich lachte. Aber dann dachte ich mir: „Ja! Stimmt!“

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Sicherlich muss ich hier unterscheiden: Da gibt es Singles, also Alleinstehende, die leben in Wohngemeinschaften und nicht allein. Da gibt es Paare, die leben getrennt, sind also nicht solo, aber alleinlebend. Und es gibt uns: die alleinlebenden Alleinstehenden. Hier kurz Singles genannt. Und tatsächlich: Bei mir wechselt der Aufstrich wöchentlich. Hummus, Frischkäse, Auberginencreme. Hatte ich Freunde zum Brunch und eine große Auswahl an Essen da, konnte ich nach zwei Wochen blau-geschimmelten Rotschimmel-Käse und lebendig gewordene Avocados entsorgen. Ganz zu schweigen von haarigen Blaubeeren und Lachsresten, die nicht mal mein Hund attraktiv fand.

Ich dachte aber nicht nur über den Inhalt meines traurig bestückten Kühlschranks nach. Nein, ich fragte mich: Was macht die Gesellschaft mit uns Singles? Geht es uns besser als früher? Haben wir eine Wirkung auf die Gemeinschaft?

Singles zu wählerisch?

Erste Recherchen machten mich direkt glücklich. Denn auch, wenn ich gewünschte Studien wie über den Einfluss von Singles auf die Volkswirtschaft nicht fand – mir wurde fast aggressiv klargemacht: Du bist wunderschön! Du bist emanzipiert! Selbstbewusst! Erfolgreich! Glücklich! Als würde mich Google aufheiternd anschreien. Und dabei war ich gar nicht traurig. Nur neugierig.

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Forscher der Universität Harvard fanden heraus, dass in der Gesellschaft als hübsch eingestufte Menschen häufiger Single sind als andere. Vor allem Frauen. Sie würden Männer einschüchtern und seien viel zu wählerisch. Aber liegt das an uns? Oder eher daran, dass wir uns heute gar nicht mehr unbedingt binden müssen? Früher war es für eine Frau erbärmlich, war sie mit 30 noch nicht unter der Haube. Der Vater musste den Unterhalt für sein Kind zahlen – schließlich verdienten Frauen zu wenig, um sich selbst zu finanzieren. Wenn sie denn überhaupt arbeiten durften.

Globalisierung. Digitalisierung. Emanzipation. Gründe für steigende Zahlen alleinstehender Menschen. Mit dem Handy per Video-Chat lässt sich leicht Kontakt halten. Wir können Menschen auf der anderen Erdseite täglich sehen. Müssen nicht mehr nehmen, was wir kriegen. Der Markt hat sich vergrößert. Die Kontaktmöglichkeiten erleichtert. Beim Statistik-Portal Statista fand ich Zahlen. 16,37 Millionen gibt es von uns in Deutschland. Tendenz steigend.

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So wirkt dieser hypothetische Markt auf uns – denn wir wissen, eher unterbewusst, dass es die Möglichkeit auf etwas Besseres gibt. Einen noch besser aussehenden, noch verständnisvolleren, noch witzigeren, noch interessanteren Partner. So schwindet unsere Angst vor dem Alleinsein. Eigentlich fast paradox, dass genau das der Grund ist, warum immer mehr Menschen allein sind. Allein heißt aber nicht einsam.

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Denn weitere Studien zeigen: Vor allem Singles schätzen ihren erfüllenden Job. Im Vergleich zu Menschen in Partnerschaften fühlen sie sich gesünder und glücklicher. Sie legen mehr Wert auf Freundschaften, haben einen engeren Kontakt zu den Eltern, Nachbarn, Kollegen. Wir füttern den Markt also nicht nur quantitativ an. Nein, die Qualität der noch zu habenden Menschen steigt sozusagen gleichzeitig mit.

Neuen Markt geschaffen

Damit wirken auch wir wieder auf diesen Markt. Und da der eher soziologisch begründet ist, beeinflussen wir also auch unsere Gesellschaft. Wir vergrößern das Angebot. Schaffen weitere Gründe, um nicht zwingend gebunden zu sein. Auch wenn es trotzdem beim Großteil der Menschen immer noch das langfristige Ziel ist, einen Partner fürs Leben zu finden. Kinder zu kriegen. Diese bindungsfernen Überlegungen haben wir, wie erwähnt, unterbewusst. Weil uns ein anderer Weg aufgezeigt wird. Aus diesem wachsenden Single-Markt resultiert zudem ein weiterer – ein wirtschaftlicher.

Ich sprach mit einem Kollegen. Ebenfalls Single. Er stimmte zu. Wir haben Einfluss. Extra für uns werden Dinge entwickelt: Single-Spülmaschinen, Single-Reisen, Single-Partys, Single-Börsen. Selbst der Lebensmittel-Handel stellt sich auf uns ein. So sind wir wieder beim Kühlschrank. Mini-Frischkäse, Mini-Butter, Mini-Nutella. Wäre mein Umweltbewusstsein nicht so groß, wäre mein Aufstrich-Problem gelöst.

Redaktion Weltreporterin mit Wirtschaftsschwerpunkt