AdUnit Billboard
Erzähl mir was

Meer geht nicht

Der Ich-Erzähler wagt das letzte große Abenteuer: Er will als Einhandsegler direkt in die Karibik über den Atlantik fahren. Logisch ist: Er trifft auf Wale, die sein Boot zerstören. Weniger logisch ist: ob er sich retten kann?

Von 
Heiko Mittelstaedt
Lesedauer: 
© istock

Von Heiko Mittelstaedt

AdUnit Mobile_Pos2
AdUnit Content_1

Als ich mein kleines Segelboot vorsichtig von der Hafenmauer des Puerto de la Rada in Tarifa abstoße, ist tiefe Nacht, und der kleine spanische Hafen liegt in absoluter Stille. In der Mitte des Hafenbeckens setze ich quietschend die Segel. Am Anleger der Fähre nach Tanger beginnt ein Hund zu bellen. Niemand reagiert auf das laute Gekläffe. Zum Glück, denn ich kann niemanden gebrauchen, der versucht, mich von meinem Vorhaben abzubringen. Mein Ziel ist die Karibik. Dazu will ich quer über den Atlantik segeln - im ungemütlichen November!

Mehr zum Thema

Schreibwettbewerb

Finale bei „Erzähl mir was“: Für diese zwölf Besten ist der Weg frei

Veröffentlicht
Von
Stefan M. Dettlinger
Mehr erfahren
Erzähl mir was

Jugendsiegerin Nora Antonic im Interview: „Schreiben ist atmen“

Veröffentlicht
Von
Stefan M. Dettlinger
Mehr erfahren

Eine Atlantiküberquerung ist für einen Segler grundsätzlich das letzte große Abenteuer auf dieser Welt. Noch spannender wird es, wenn er die rund 3400 Seemeilen über die Kanaren nach Barbados - ohne Zwischenstopp auf den Kapverden - als sogenannter Einhandsegler allein hinter sich bringt. Ich gehe von sechs Wochen für meine Tour aus und habe dabei mit verdammt wenig Luft kalkuliert. Egal! Ich habe keine Termine und werde garantiert auf neugierige Wale treffen.

Das Wetter ist für diese Jahreszeit erstaunlich gut. Die Winde wehen günstig aus Nord/Ost und bringen mich flott voran. Zwei Wochen nach meiner Abreise treffe ich um drei Uhr in der Nacht tatsächlich auf einen Wal. Es ist eine sehr intensive Begegnung, denn ich ramme das Tier in voller Fahrt! Ich liege beim Aufprall in meiner Koje und schlafe. Der Autopilot hält mein Boot stur auf Karibikkurs und kann mit einem 35 Tonnen schweren Meeressäuger, der mitten im Weg rumdümpelt und gemütlich Grill in sich hinein schaufelt, leider nichts anfangen. Es knallt gewaltig, und das eiskalte Meer strömt in mein Boot, das sofort zu sinken beginnt! Die Kabine füllt sich bis zur Decke mit Wasser, und ich tauche ohne Vorwarnung unter.

AdUnit Mobile_Pos3
AdUnit Content_2

Nur mit Mühe gelingt es mir, meine Notausrüstung zu greifen, die sich in einem knallgelben und wasserdichten Rucksack befindet. Mir geht die Luft aus! Ich stoße mich mit letzter Kraft vom Boden ab und schieße nach oben. Ich öffne mit zitternden Händen die Plexiglasluke meines Innensteuerstandes und lasse mich vom herausschießenden Wasser aufs Deck schleudern. Dort zerre ich sofort an den Seilen, die meine Rettungsinsel halten. Sie geben nicht nach! Schließlich gelingt es mir doch noch, die Rettungsinsel aus ihrer Halterung zu reißen, und sofort ziehe ich an der orangefarbenen Leine, die den Aufblasmechanismus auslöst. Selbstverständlich passiert erneut nichts! Ich ziehe immer wieder an dem verdammten Ding. Ich fluche, ich schreie, ich heule und endlich habe ich Erfolg. Das sture Miststück bläst sich zischend auf und vollführt dabei einen gefährlichen Tanz - wie ein Bulle beim Rodeo.

Die Insel hat schließlich ihre volle Größe erreicht und rutscht von Bord. Ich greife meine Notausrüstung und hechte in sie hinein. Ich richte mich auf und schaue zu meiner abtreibenden Jacht hinüber. Mein Boot, von dem ich jedes Teil persönlich kenne, versinkt vor meinen Augen in den Fluten. Verdammt, ich habe mein Boot verloren! Das ist das Schlimmste, was einem Seemann passieren kann! Wer denkt, dass Ertrinken das Schlimmste ist, der ist eine Landratte und kein Seemann!



Plötzlich spüre ich einen heftigen Ruck durch meine Rettungsinsel gehen. Die Fangleine! Sie verbindet mein versinkendes Boot mit der Rettungsinsel. Ich muss diese letzte Verbindung schnellstens kappen, wenn ich nicht mit in die Tiefe gezogen werden will. Ich habe einen fetten Kloß im Hals, als ich die Fangleine mit dem scharfen Messer aus meiner Notausrüstung kappe. Ich verspüre ein Gefühl, als würde ich eine Nabelschnur durchtrennen, die ein Kind mit seiner Mutter verbindet. Nach dem Durchtrennen der Nabelschnur wird ein Kind ins - hoffentlich sehr lange dauernde - Leben entlassen. Mein Boot sinkt nach der Durchtrennung der Fangleine jedoch seinem nassen Grab entgegen …

Am nächsten Morgen mache ich Inventur. Ich habe nur sehr wenige Vorräte in meiner Rettungsinsel. Ohne zusätzliche Vorräte werde ich keine Woche überleben, aber das ist überhaupt kein Problem, denn man wird mich in den nächsten 24 Stunden ganz sicher finden. In einem schlechten Film darf man so etwas niemals sagen, denn dann lässt der Regisseur den Hauptdarsteller …

AdUnit Mobile_Pos4
AdUnit Content_3

Meine Seenot ist real. Ich bin nicht in einem schlechten Film und man findet mich trotzdem nicht innerhalb der nächsten 24 Stunden! Kein Wunder, denn außer einem kläffenden Hund hat niemand meine Abreise vor einer Woche bemerkt, und kein Mensch kennt mein Ziel. Und selbst wenn jemand wüsste, wo ich hinwill, wird mir das nichts nützen. Ich hocke in einer unscheinbaren Rettungsinsel und treibe irgendwo kurz hinter den Kapverden mit ihr im Meer herum, und das ist die verlassenste Gegend im gesamten Atlantik überhaupt!

Goldmakrelen stehen nicht auf den Tod

Am zweiten Tag fällt mein SOS-Licht auf dem Dach der Rettungsinsel aus, am dritten Tag sind auch die Batterien meines Notsenders leer. Ich teile mir meine paar mickrigen Liter Trinkwasser sehr sorgfältig ein und nehme täglich nur einen Mundvoll davon zu mir. Ich habe zwei Destillationsapparate dabei, die ich nach fünf Tagen in Betrieb nehme und von denen ein Gerät auf Anhieb nicht funktioniert. Der zweite Apparat liefert mir zum Glück zusätzliches Trinkwasser. Nach meinen Berechnungen benötige ich mit meiner schwimmenden IKEA-Schrankwand mindestens 14 Tage, um mit der Strömung in die befahrene Schifffahrtsroute zu treiben. Ich überlebe diese zwei Wochen aber nur dann, wenn ich - neben dem Trinkwasser - in Kürze auch Nahrung finde. Meine fünf Tüten Erdnüsse und die zehn Packungen Hartkekse aus meiner Notausrüstung sind nicht wirklich viel und bald weg.

Der Autor über sich



Geboren wurde ich 1971 in der Lüneburger Heide. Bis 1998 lebte ich an der Nordseeküste in Wilhelmshaven. Dann brachte mich mein Beruf nach Hemsbach, wo ich mit meiner Familie seit 23 Jahren wohne.

Ich arbeite als Sicherheitsingenieur bei der Deutschen Flugsicherung in Langen. Meine Hobbys sind die drei großen „M“: Meer, Musik und … äh, Mehr oder weniger oft Geschichten schreiben.

Die gute Nachricht ist, dass ich an Tag 25 endlich Nahrung finde - eine Goldmakrele! Nach unzähligen erfolglosen Jagdversuchen in den letzten Tagen gelingt es mir endlich, ein Tier mit meiner selbstgebauten Harpune zu treffen und in die Rettungsinsel zu zerren. Der Fisch ist etwa einen Meter lang und wiegt gute 20 Kilogramm. Goldmakrelen schmecken hervorragend, stehen aber absolut nicht auf den Tod. Die Viecher können die Inneneinrichtung eines Fischkutters zerstören und ich arme Sau hocke in einer weichen Rettungsinsel. Meine erste Goldmakrele wehrt sich selbstverständlich bilderbuchmäßig! Sie faucht, sie blubbert, sie schlägt um sich! Ich breche ihr schließlich mit letzter Kraft das Rückgrat, zerteile sie und verschlinge ein erstes Filetstück mit Heißhunger - natürlich roh, denn mein Gaskocher liegt auf dem Meeresgrund. Das Fleisch schmeckt scheußlich! Ich habe es irgendwie anders in Erinnerung, aber das war vor der Seenot und an meinen gegrillten Makrelenfilets waren wohl etwas mehr Gewürze dran.

Die erste schlechte Nachricht des 45. Tages ist, dass ich mich total verrechnet habe. Die 14 Tage sind lange um, und ich befinde mich noch immer nicht auf einer dicht befahrenen Schifffahrtsroute. Die zweite schlechte Nachricht dieses Tages ist, dass ich langsam aber sicher verhungere! Wenn man mehr Geld ausgibt, als man einnimmt, ist man irgendwann pleite. Und wenn man für das Jagen mehr Energie ausgibt, als man danach mit dem Essen des Fangs zurückbekommt, ist das eine üble Sache …

Mischung aus Süßwarenladen und Blumen

Übel ist auch, dass man oft erst aus Schaden klug wird. So wie ich, als ich in der Nacht von Tag 62 in der Ferne ein Schiff erblicke und vor lauter Übermut alle Leuchtraketen verballere. Leider sieht und hört mich niemand. Das Schiff dampft munter geradewegs seinem Ziel entgegen und hinterlässt mir nichts weiter, als einen Hauch von Dieselaroma, der aber gut zu abgehangener Goldmakrele passt. Das Leben geht weiter.

Und wie das Leben weitergeht! Ich destilliere täglich Trinkwasser, ich verputze meine Goldmakrelenhäppchen, ich zähle meine offenen Salzwassergeschwüre, ich schreibe Tagebuch, und ich genieße endlich auch die Naturspektakel, die sich mir jeden Tag bieten. Manchen Menschen genügt bereits ein zweitägiges Achtsamkeitsseminar im Odenwald, um sich zu finden. Ich benötige dafür geschlagene 70 Tage Seenot …

„Es löscht das Meer die Sonne aus“, heißt es in einem Lied und nirgendwo kann man das eindrucksvoller erleben als auf dem Meer. Es ist fantastisch!

Überhaupt nicht fantastisch ist, dass es heute mit mir zu Ende geht. Mein Geruchssinn spielt verrückt! In den letzten 82 Tagen auf hoher See habe ich nur Salzwasser gerochen. Jetzt rieche ich plötzlich Land,und dieses Land duftet herrlich süß! Es riecht in meiner Rettungsinsel nach einer Mischung aus Süßwarenladen und Blumengeschäft, nur etwa hundertmal stärker.

Jetzt höre ich mitten auf dem Meer sogar eine Brandung rauschen, wie sie eigentlich nur an einem Strand zu hören ist. Ich schaue mit zusammengekniffenen Augen aus der Luke der Rettungsinsel und stelle fest, dass sich scheinbar auch meine Sehkraft von mir verabschiedet hat. Ich sehe nämlich einen weißen Karibikstrand vor mir, und zwei Männer in roten Badeshorts, die mit ungläubigem Gesicht auf mich zukommen.

Das war’s dann wohl! Ich schließe die Augen und lächle selig. Ich bin frei wie der Wind. Meer geht nicht …

Thema : Schreibwettbewerb "Erzähl mir was"

  • Erzähl mir was "Erzähl mir was": Vanessa Palumbo mit „Taktlos“ weit vorn

    Vanessa Palumbo aus Oftersheim hat für ihre Kurzgeschichte „Taktlos“ mit Abstand die meisten Stimmen unserer Leserinnen und Leser gesammelt und damit den von dieser Redaktion organisierten Schreibwettbewerb „Erzähl mir was“ gewonnen“.

    Mehr erfahren
  • Schreibwettbewerb und Podcast "Erzähl mir was" Die Stille ist ein Geschenk

    Franz wartet seit zwei Jahren darauf, dass seine Frau Asali aus dem Koma erwacht. Er sitzt da und denkt nach, über die Welt, das Leben - und wie Asali durch den Autounfall nichts von der Pandemie mitbekommen hat.

    Mehr erfahren
  • Schreibwettbewerb und Podcast "Erzähl mir was" Der Mai ist ein schöner Monat - zum Sterben?

    95 Jahre sind genug – Martha will sterben; aber nicht, ohne sich zu verabschieden, Kleidung auszusuchen und Musiker proben zu lassen. Manchmal hat das Leben aber andere Pläne.

    Mehr erfahren
AdUnit Footer_1
AdUnit Mobile_Footer_1