Mannheimer Pianist und Hip-Hopper Lukas DeRungs begeistert Engländer

Von 
Georg Spindler
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Vielfach talentiert und mehrfach ausgezeichnet: der Mannheimer Pianist Lukas DeRungs. © Manfred Rinderspacher

Als das „nächste große Jazz-Ding“ aus Deutschland wurde die höchst originelle Musik Lukas DeRungs an dieser Stelle schon 2016 gefeiert. Jetzt ist der Mannheimer Pianist in England groß herausgekommen. Zum zweiten Mal wurde er mit dem Nicky Hopkins Award ausgezeichnet. Über sein Musikverständnis berichtet er im folgenden Interview, das telefonisch geführt wurde.

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Hallo Herr DeRungs, wie ist denn die Lage in Großbritannien?

  • Lukas DeRungs, geboren 1990 in Freiburg, hat Jazz-Klavier bei Jörg Reiter und Rainer Böhm in Mannheim studiert. Seit 2019 studiert er an der Royal Academy of Music in London. Dort ist er vor Kurzem zum zweiten Mal in Folge mit dem Nicky Hopkins Award ausgezeichnet worden, einem jeweils einjährigen Stipendium.
  • 2016 erhielt DeRungs beim Yamaha-Jazz-Piano-Wettbewerb in Nürnberg und bei der International Jazz Piano Competition in Langnau (Schweiz) jeweils den ersten Preis. 2019 wurde er von der Kunststiftung Baden-Württemberg und vom Deutschen Akademischen Austauschdienst ausgezeichnet.
  • Mit dem Trio de Lucs war er von 2016 bis 2019 zuvor international erfolgreich. Die Band spielte etwa bei den Jazzopen Stuttgart. Zuletzt leitete er ein eigenes deutsch-schweizerisches Quintett. Außerdem ist er Mitglied im Deutschrap-Duo Kleister und Arrangeur für den Jazzchor Freiburg. Derzeit arbeitet DeRungs an seinem Debütalbum. Im Januar ist das neue Album von Kleister erschienen. Infos unter: lukas.derungs.de.

Lukas DeRungs: In London ist Lockdown, ich bin gerade in Karlsruhe bei meiner Freundin. Ich bin über Weihnachten nach Deutschland gekommen, um sie zu sehen, und dann kam am 31. Dezember die Nachricht, dass in Großbritannien alle Bildungseinrichtungen bis Mitte Februar geschlossen werden. Lehrveranstaltungen finden jetzt komplett online statt.

War zuvor noch Live-Unterricht?

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DeRungs: Im Herbst war eigentlich noch ziemlich normaler Betrieb möglich. Wir hatten sogar Big-Band-Proben, mit Maske und Mindestabstand. Und jetzt hat die Jazzabteilung schnell reagiert. Unser Studiengangsleiter, Nick Smart – ein cooler Name, find ich (lacht) – hat innerhalb weniger Tage alles neu geplant. Er hat viele Projekte, die in Person hätten stattfinden sollen, in den Sommer verschoben. Jetzt haben wir ein Minimalprogramm. Komposition und Arrangement kann man ganz gut online unterrichten, und Masterclasses gibt’s auch, das geht ganz gut auf Zoom.

Was kam zuerst: der Nicky Hopkins Award oder das Studium?

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DeRungs: Der Preis kam später. Ich hatte mich mit einem DAAD-Stipendium beworben und wurde dann für den Preis ausgewählt.

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Was der Grund, dass Sie nach England gingen – der Ruf der Royal Academy oder die britische Szene?

DeRungs: 2017/18 war ich ziemlich beschäftigt, habe viele Konzerte gespielt. Es war fast zu viel, und ich hatte dann das Bedürfnis verspürt, für eine Weile aus all dem rauszugehen und woanders hinzuziehen. Ich hatte noch nie so richtig im Ausland gelebt. Ich mag die englische Sprache, besonders das Britische, und ich hatte viel von der Jazzszene in London gehört. Ich hab dann eigentlich erst nach meiner Bewerbung herausgefunden, was für ein Niveau die Academy hat. Ein Grund, dahin zu gehen, war für mich auch der Pianist Kit Downes, ein unfassbarer Musiker. Aber auch Pete Churchill, der viel Erfahrung hat mit Chor-Arrangement.

Sie spielen das Klavier gerne perkussiv. Ich muss da an den berühmten Spruch von Cecil Taylor denken:„Das Piano, das sind 88 gestimmte Trommeln“. Können Sie damit etwas anfangen?

DeRungs: Absolut. Die Art, wie ich Klavier spiele, ist tatsächlich oft sehr perkussiv. Ich glaube, dass ich sehr gerne auch Schlagzeuger geworden wäre. Deswegen habe ich wahrscheinlich auch irgendwann angefangen zu beatboxen, um rhythmische Energie zu kanalisieren. Und ich erlebe das Klavier auch schon als Schlaginstrument. Wenn du nicht Teil des Grooves sein kannst, zum Beispiel, wenn du in einer Popband immer nur flächige Sounds legen sollst, dann ist das nicht mein Ding. Ich verzahne mich gerne mit Bass und Schlagzeug.

War Herbie Hancock ein Einfluss?

DeRungs: Auch, aber eher Keith Jarrett, und vor allem auch östliche Jazzgruppen. Das Avishai Cohen Trio war da mein Einstieg, Tigran Hamasyan und Shai Maestro. Leute, die auch viel mit krummen Takten arbeiten.

Arbeiten Sie gerne mit komplexen Rhythmen?

DeRungs: Das würde ich schon sagen. Wobei ich noch nie so etwas konstruiert habe. Wenn ich einen Groove geschrieben habe, der ungerade war, dann entstand das fast immer aus einer Improvisation heraus. Ich hab mich nie hingesetzt und gesagt: Ich schreibe jetzt was in Sieben. Aber ich mag das – alles, was rhythmisch sozusagen abweicht von der Norm.

Ungerade Metren führen ja auch dazu, dass die Melodien, die darüber liegen, ungewöhnlich sind...

DeRungs: Das kann ein Effekt sein. Ich wundere mich, dass die Fünf nicht so populär ist. Wir haben ja auch fünf Finger. In anderen Kulturen ist das ganz normal, sowas zu spielen. Aber hier ist es, glaube ich, durch den Einfluss von Militärwesen und Marschmusik glattgebügelt worden. Deswegen haben wir fast nur Vierer-Takte.

Ich habe den Eindruck, dass neben der Perkussivität in Ihrer Musik auch dynamische Nuancierungen eine große Rolle spielen. Sie mögen nicht nur auf einem Level spielen?

DeRungs: Das stimmt. Ich mag Straight-ahead-Jazz, aber es wird oft von Anfang bis zum Schluss eine Lautstärke gespielt. Meistens passiert dynamisch nicht sehr viel, weil es ja auch um andere Sachen geht, Swing, Tonauswahl etc. Aber ich kann verstehen, warum das viele Leute langweilt.

Neben Jazz machen Sie auch Hip-Hop mit Ihrem Duo-Projekt. Kleister. Wie kam es dazu?

DeRungs: Die Liebe zum Rhythmus war zuerst da. Dann kam der Jazz und dann ist das Faible für Hip-Hop daraus entstanden, durch das Interesse an Beats und Ausprobieren. Ich bin aber keiner, der aus der Hip-Hop-Szene kommt. Ich war da nie drin. Kleister ist in der Zusammenarbeit mit meinem damaligen Mitbewohner Johannes Fäßler entstanden. Es wurde dann Hip-Hop, aber das war eigentlich gar nicht geplant.

Ich höre auch viel Elektronik heraus, Einflüsse deutscher Bands und alte Synthesizer-Sounds.

DeRungs: Das liegt auch am Produzenten unseres letzten Albums, Monojo. Der hat da viel einfließen lassen. Wir sind als Duo Kleister eigentlich ziemlich analog. Es ist alles greifbar. Wenn man ein Konzert von uns besucht, dann sieht man, wie alles entsteht. Es wird live geloopt und es werden fast keine Samples oder Playback benutzt.

Aber das ist völlig anders als Ihre Jazz-Aktivitäten. Schlagen da zwei Herzen in Ihrer Brust?

DeRungs: Es ist so, als ob Kleister immer schon meine Spielwiese gewesen wäre für alles, was mir außer Klavier spielen noch Spaß macht. Es geht da schon auch ums Improvisieren, und es geht auch ums Arbeiten mit Texten. Und der Live-Effekt ist sau wichtig. Leute, die mich nur aus dem Jazz kennen, haben vielleicht das Gefühl, ich sei ein ernster, melancholischer Typ, der viel nachdenkt (lacht), was auch stimmt. Aber bei Kleister kann ich auch schon mal ausrasten.

Der Spaßfaktor ist ja bei Kleister enorm wichtig. Schreiben Sie auch Texte für das Duo?

DeRungs: Es gibt eine relativ klare Trennung. Ich bin für die Musik verantwortlich und der Johannes für die Texte. Natürlich ist es auch so, dass wir uns gegenseitig schon mal zur Seite springen.

Stimmt mein Eindruck, dass Sie als Jazzmusiker versuchen, aus dem gängigen Thema-Solo-Thema-Schema auszubrechen?

DeRungs: Das ist schon so. Es ist etwas, worüber ich nachdenke. Als Jazzmusiker beschäftigt man sich ja viel mit dem Jetzt, beim Improvisieren. Es geht immer um die Kommunikation im Moment. Und es ist voll krass, wie viel man das Zuhören üben muss, bis man in der Lage ist, den Mitmusikerinnen und -musikern zuzuhören, während man selber spielt. Das ist die größte Herausforderung: auf allen Kanälen offenzubleiben. Aber Form als die längste Zeiteinheit ist der schwierigste Faktor.

Worauf legen Sie Wert bei einer Komposition?

DeRungs: Ich glaube, ich lege Wert auf eine gewisse Nachvollziehbarkeit. Es ist wie bei einer Sitcom, da wird eine Figur eingeführt, du lernst jemand Neues kennen und sie tritt später immer wieder auf. Dieses Ding, dass du eine Melodie erst vorstellst und damit etwas machst, was Erwartungen erfüllt, aber auch mit Erwartungen bricht. Es geht darum, einen Spannungsbogen zu erzeugen und den Improvisierenden für diese kompositorische Form zu nutzen. Dabei geht es auch darum, was man erzählen will.

Sie schreiben ja gerade eine Suite für Chor und Jazzensemble. Können Sie dazu schon etwas sagen?

DeRungs: Ich habe mir dafür eine Liste von verschiedenen Gefühlszuständen skizziert. Und ich überlege mir: Was soll in diesem Stück zum Ausdruck kommen? Die erste Fassung soll 45 Minuten lang sein und heißt „Kosmos Suite“. Da gibt es einen Abschnitt, in dem es um Einsamkeit geht, verloren zu sein in einer großen Leere. In einer anderen Episode geht es um eine Art innere Explosion, um das Gefühl, dass man ausbrechen will, irgendwo anders hingehen, um sich weiterzuentwickeln. Das versuche ich in Musik zu fassen. Das habe ich bisher noch nie so gemacht. Aber ich finde das gerade ganz spannend. Ich versuche, so eine Art Narrativ zu erzeugen. Und jetzt stehe ich vor der Herausforderung, geeignete Texte für den Chor zu finden. Ich lese daher gerade viele Gedichte.

Inspirieren Sie auch andere Genres wie Malerei oder Film? Oder geschieht das alles im rein musikalischen Raum?

DeRungs: Ich glaube schon, dass das meiste innerhalb der Sphäre Musik passiert. Ich höre auch viel Musik, ganz verschiedene Musik. Das mit der Poetry ist jetzt etwas Neues, das habe ich gerade erst für mich entdeckt. Zur Bildenden Kunst habe ich noch nicht so den Bezug gefunden. Aber das ist vielleicht wie mit Rotwein, vielleicht kommt das ja noch.

Wie wichtig ist denn die Jazzgeschichte für Sie? Gibt es bestimmte Musiker oder Plattenaufnahmen, durch die Sie zum Jazz gekommen sind?

DeRungs: Das wird immer wichtiger. Aber auch da ist meine Herangehensweise eher umgekehrt gewesen. Ich bin mit 19 nach Mannheim gezogen, und als ich dann das erste Mal Jazz so richtig live gehört habe, da ist erst der Funke übergesprungen. Ich hatte natürlich vorher schon mal was von Jazz gehört, aber in der Schulzeit habe ich vor allem Pop gespielt, ich war sogar mal Sänger in einer Rockband und später dann Keyboarder in einer Coverband. Jetzt höre ich sehr viel Jazz und gehe immer weiter rückwärts auf der Zeitleiste. Ich fange gerade erst an, mich so richtig für John Coltrane zu begeistern, oder Bud Powell – auch wenn die mir natürlich schon länger ein Begriff sind.

Unbelastet von der Tradition zu sein, ist aber vielleicht gar nicht so schlecht. Ihre Musik ist ja durchaus unkonventionell, empfinden Sie es da womöglich als Vorteil, nicht die ganze Last der Jazzgeschichte mit sich herumzutragen?

DeRungs: Unbelastet ist ein gutes Wort, unvoreingenommen. Denn es kann einen ja auch einschüchtern, wenn man weiß, was es alles schon gab. Aber am Ende muss es zusammenfließen. Wenn man nur sein eigenes Ding macht und gar nicht schaut, wo alles herkommt, das funktioniert nicht. Wie im echten Leben. Das fällt mir immer mehr auf, auch durch mein Studium an der Academy. Das Niveau dort ist ziemlich hoch, und da gibt es viele Leute, die enorm gut über die Jazz-Tradition Bescheid wissen. Mich beeindruckt das, was manche 18-Jährige alles kennen. Aber mir fällt im Vergleich zu manchen Jüngeren auch auf, was ich alles schon Eigenes gemacht habe und dass ich da auf vieles zurückgreifen kann.

Suchen Sie in Ihrer Musik nach Neuem, was noch niemand sonst gemacht hat?

DeRungs: Ich glaube, es kann heutzutage gar nicht darum gehen, etwas bahnbrechend Neues machen zu wollen. Wenn das die Motivation ist, kann man nur scheitern. Es geht eher darum, herauszufinden, was einem entspricht. Dem möglichst nahe zu kommen, an diesem Punkt sind, glaube ich, noch gar nicht so viele Menschen angekommen. Viele Jazzstudent:innen haben das Gefühl, sie müssten gewissen Erwartungen entsprechen oder die Jazztradition auf Biegen und Brechen ausgecheckt haben, bevor sie die Erlaubnis haben, auch noch was anderes zu machen. Ich bin jetzt 30 und ich versuche, noch mehr auf diese Suche zu gehen, herauszufinden, was die Dinge sind, von denen ich wirklich sagen kann: Da kann ich voll und ganz dahinter stehen. Ich habe das Gefühl, dass ich zur Zeit immer noch auf der Suche bin nach dem Kern all dessen, und wahrscheinlich auch immer bleiben werde.

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