Das Porträt - Der Mannheimer Julien Appler will mit seiner Kurzgeschichtensammlung zum Hinterfragen anregen Mannheimer Julien Appler schreibt über Probleme der Generation Y

Von 
Julia Brinkmann
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Wenn Hochwasser kurzerhand zum Bildmotiv wird: Julien Appler beim Spaziergang-Interview am Rheinufer in Mannheim. © Julia Brinkmann

Schreiben, um seine Gedanken zu ordnen und sich selbst zu hinterfragen - diese Funktion soll etwa tagebuchschreiben erfüllen. Julien Appler belässt es jedoch nicht dabei, nur seine eigenen Sichtweisen in Worte zu verpacken: Er ordnet vielmehr die Lebenswelt einer ganzen Generation ein, veranschaulicht und kritisiert sie gelegentlich auch. Vor kurzem hat der 31-Jährige die Kurzgeschichtensammlung „Smartphones leuchten mit Akku heller“ veröffentlicht.

Video-Lesung der Geschichte „Aquaner“ auf Instagram zu sehen

Julien Appler ist 31 Jahre alt, gebürtiger Mannheimer und lebt in Neckarau.

Appler wollte nach dem Abitur zunächst Schauspieler werden, gab den Traum aber auf. Er studierte Übersetzungswissenschaften und Business Administration. Heute ist er Studienberater.

2014 belegte er bei seinem ersten Poetry Slam in Heidelberg den ersten Platz, seitdem tritt er in Süddeutschland auf – derzeit online.

„Smartphones leuchten mit Akku heller“ hat Appler im Eigenverlag herausgebracht. Es ist als Taschenbuch für acht Euro etwa via Amazon erhältlich. Link: amzn.to/3cRo993.

Eine kurze Video-Darbietung der Kurzgeschichte „Aquaner“ ist auf der Instagram-Seite des „Mannheimer Morgen“ zu sehen. julb

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Die Geschichten des Mannheimers drehen sich um das, was die „Generation Y“, also grob die Geburtsjahrgänge 1980 bis 1995, bewegt: das allgegenwärtige Smartphone und die Suche nach der großen Liebe, aber auch elementare Themen wie eine unstetige Berufswelt und die Klimakrise. „Am meisten macht die Generation Y aus, dass sie ganz große Träume hat“, sagt Appler im Gespräch mit dieser Redaktion. „Es gibt aber ein Problem: Die Generation Y lebt stark von dem Gedankengut, dass ihr vorige Generationen mitgegeben haben. Sie haben der Generation Y vermittelt, dass sie alles schaffen könne - aber sie haben dabei vergessen zu erwähnen, dass es schon mal zehn Jahre oder länger dauern kann, bis man irgendwo angekommen ist.“

Bitterböse oder zum Schmunzeln

Am deutlichsten treten die Träume der „Generation Y“ in ihren Berufswünschen zu Tage, von denen mehrere Geschichten in Applers Buch handeln. In „Traumjob“ nimmt sich eine junge Frau eine Auszeit, nachdem sie in ihrem Studium kurz vor dem Abschluss gescheitert ist. In der Geschichte verarbeitet Appler Erfahrungen, die viele junge Erwachsene machen: „Ich habe immer mal wieder Leute getroffen, die nicht wussten, wo sie hinsollten, weil ihr Plan A schiefgegangen ist.“

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Der Text „Und was jetzt?“ trägt auch biografische Züge: Appler stand von 2010 bis 2013 bei diversen Theaterproduktionen auf der Bühne, hatte auch eine kleine Rolle in einer Nationaltheaterproduktion - hat dann jedoch keinen Platz an einer Schauspielschule bekommen, so dass er diesen Traum aufgegeben hat. Appler begann, Übersetzungswissenschaften in Heidelberg zu studieren. „Ob es so richtig passt, wusste ich aber am Anfang nicht.“ Der Protagonist der Geschichte entschließt sich letztlich, es einfach auf sich zukommen zu lassen.

Die Geschichten unterscheiden sich stark voneinander, sind mal bitterböse, wie der sehr kurze Text „Aquaner“, in dem Appler aufs Korn nimmt, wie Ernährungsweisen zu Heilsreligionen erhoben werden; und sie laden mal zum Schmunzeln ein, wie „Kaffee für zwei“, bei dem es um die ersten schüchternen Dates eines künftigen Liebespaares geht. Auch dem drängendsten Thema der heutigen Zeit widmet Appler eine Geschichte: „Eruption“ spielt in einer postapokalyptischen Welt, in der die Erde beinah unbewohnbar geworden ist. Ein junger Vater lebt mit seinen zwei Kindern in einer Höhle. Und dann kommt die nächste Katastrophe, die außerhalb der menschlichen Kontrolle liegt: Es droht ein Sonnensturm. „Mir war es dabei wichtig, über die Situation im Kleinen zu schreiben, was sie konkret mit einer Familie macht.“ In vielen von Applers Geschichten stecken die Figuren in solchen Extremsituationen oder entscheiden sich dazu, kontrovers zu handeln. „Das wirkt vielleicht überzogen, aber genau darum geht es. Leute sollen anfangen, sich zu hinterfragen“, erklärt er.

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Inspiration durch Poetry Slams

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Die Inspiration für seine Geschichten findet Appler in alltäglichen Gesprächen. Viele dieser Unterhaltungen finden nach Poetry Slams statt, also literarischen Wettbewerben, bei denen Texte vorgetragen und durch das Publikum bewertet werden. Appler hat sich zu Beginn seines Studiums spontan entschlossen, an solch einem Poetry Slam teilzunehmen. „Wenn man einmal auf der Bühne gestanden hat, will man auch wieder zurück“, beschreibt der Mannheimer, „die Szene hat mir persönlich die Freiheit gegeben, mein eigener Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler zu sein.“

„Smartphones leuchten mit Akku heller“ ist nicht Applers erste Veröffentlichung. Das war eine Studien-Hausarbeit. Eine ungewöhnliche Publikation? „Ich dachte, bevor sie jetzt auf meiner Festplatte untergeht, warum nicht“, erklärt Appler. Danach schrieb er einen Ratgeber über Nachhilfe. Da er dafür keine Zusage eines Verlags bekam, brachte er ihn kurzerhand selbst heraus. Und so war auch bei „Smartphones leuchten mit Akku heller“ direkt klar, dass er im Eigenverlag veröffentlichen will. „Ich denke lieber daran, wie ich an mein Ziel komme, anstatt daran, was mir im Weg steht.“

Und damit hat Appler vielleicht schon ein zentrales Problem seiner Generation überwunden: Er „macht“ einfach, anstatt zu viel zu grübeln.

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