Journal - Die gegenwärtige Krise greift alle Fundamente unseres Daseins an – worauf kommt es da an? Liebe zum Leben – gerade jetzt

Von 
Uwe Rauschelbach
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In Lars von Triers Film „Melancholia“ rast ein Planet auf die Erde zu. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es zur Kollision kommt. Wenn es so weit ist, wird alles Leben vernichtet sein. Eine der Hauptfiguren im Film macht dabei eine radikale Wandlung durch: Justine, die zuvor an Depressionen gelitten hat, erlangt auf einmal eine Hellsichtigkeit, die sie die Dinge um sich herum ertragen lässt. Im Angesicht der nahen Katastrophe ist sie es, die gelassen bleibt. Das drohende Ende vor Augen, erwachen in ihr Lebens- und Liebeskräfte, die zuvor abgestorben schienen. Mit ihrer Wahrnehmung einer feindlichen Welt hatte sie sich zuvor isoliert; nun wird ihre Wahrnehmung nicht nur bestätigt, sondern weicht einem versöhnlichen Einverständnis.

In dunkler Nacht können durchaus helle Gedanken erscheinen. © Daniel Karmann / dpa
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Im Roman „Die Pest“ von Albert Camus kämpft der Arzt Rieux zwar gegen die Folgen der Seuche, und das auf sehr praktische Weise, doch ihm bleibt die statistische Irrelevanz seines Handelns inmitten des Leidens und Sterbens seiner Mitmenschen gegenwärtig. Seine Mitmenschlichkeit, die zudem ohne jeden Gottesbezug auskommt, wirkt umso überzeugender, als er sie im klaren Bewusstsein über die Absurdität der bedrohlichen Lage nicht aufgibt. Am Ende rettet sie ihn vor dem Tod.

Verletzbarkeit des Lebens

Purer Optimismus, das mögen diese filmischen und literarischen Beispiele deutlich machen, mag in Krisenzeiten sympathisch sein. Aber er trägt nicht durch. Er ist nicht tief genug gegründet, etwa dann, wenn die Krise nicht unterm Balkon vorüberzieht, sondern an die eigene Tür klopft. Mag es Einzelnen gegeben sein, sich an Durchhalteparolen vom Format „Es wird schon alles gut“ oder „Wir schaffen das“ zu halten – als allgemeine Empfehlung taugen sie jedoch nicht. Schon gar nicht in Situationen, in denen sich tragisches Bewusstsein durch Entwicklungen bestätigt sieht, die auch unverbesserliche Optimisten in die Knie zwingt.

In der Akzeptanz der Fragilität und Verletzbarkeit des Lebens liegt nicht etwa Selbstaufgabe. Es ist kein Akt der Kapitulation, sich bewusst werden zu lassen, dass uns auch die gegenwärtige Entwicklung vor Augen führt, wie dünn der Faden ist, an dem unser Leben hängt. Nach allem, was menschliches Erleben von seinem Anbeginn ausmacht, dürfte es weitaus realistischer sein, von der latenten Gefährdung unseres Lebens auszugehen als von seiner Unempfindlichkeit gegen Bedrohungen aller Art. Alle unsere zivilisatorischen Errungenschaften, mit denen wir unser Leben umpolstern, können uns doch nur einen Schein von jener Sicherheit vermitteln, die wir ersehnen. Sicher ist in diesem Leben gar nichts – außer seine grundlegende Unsicherheit.

Durchdringen statt überwinden

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Sich mit dieser Einsicht zu arrangieren, ist kein Zeichen von Schwäche – ebenso wie es einen Melancholiker nicht depressiv macht, wenn er „traurige“ Musik hört. Vielmehr kommt es zu einer harmonischen Konstellation, wenn äußeres Erleben und inneres Empfinden miteinander in Resonanz gehen.

Daraus lassen sich konstruktive Verhaltensweisen im Umgang mit der Krise gewinnen, die zu konkretem Handeln befähigen. Vielleicht sogar zu einer gewissen Zähigkeit, die programmatischem Optimismus überlegen ist, weil sie sich nicht durch Einbrüche oder Rückschritte widerlegen lässt, sondern von vornherein mit ihnen rechnet.

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Erkennt man, dass sich im unverstellten Blick auf das Dasein eine Liebe zum Leben ausspricht? Eine Haltung also, die den Kampf gegen die Nöte dieser Zeit nicht etwa aufgibt, die Grundbedingungen des Lebens aber unangetastet lässt? „Eine bessere Welt ist möglich“, schreibt der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa in seiner 2016 erschienenen „Resonanz“-Studie. Diese bessere Welt lasse sich daran erkennen, „dass ihr zentraler Maßstab nicht mehr das Beherrschen und Verfügen ist, sondern das Hören und Antworten“.

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Wenn diese Seuche uns etwas lehren könnte, dann vielleicht doch am ehesten dies: dass wir unsere Resonanzverhältnisse erneuern. Indem wir uns Zeiten und Räume des Fragens und Hörens gestatten, um die Zeichen dieser Zeit deuten und verstehen zu können. Vielleicht können wir diese akute Krise nicht wirklich überwinden – vielleicht müssen wir sie viel eher durchdringen.

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Redaktion Zuständig für Lokales in Lampertheim (Kommunalpolitik, Kultur), Mitarbeit im Kulturressort des Mannheimer Morgen (Musikkritik, CD- und Bücher-Rezensionen).

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