Kultursommer Rheinland-Pfalz - Theater Oliv aus Mannheim zeigt Premiere des Stücks „Heimat? Straße!“ in Ludwigshafen Leben am Rand der Gesellschaft

Von 
Martin Vögele
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Szene mit Julia Stephanie Schmitt und Boris Ben Siegel. © Siegel

In dieser Notunterkunft ist offenbar kein Platz mehr frei. „Alles voll“, erfahren wir, aber bekommen immerhin einen Zettel ausgehändigt. Mit dem kann man sich noch einmal in der Schlange vor dem Ludwigshafener Caritas-Förderzentrum St. Martin anstellen, um schließlich eine alternative Adresse für einen Schlafplatz in die Hand zu bekommen.

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Die ist nicht weit entfernt, es ist die Kantine der Stadtentwässerung des Wirtschaftsbetriebs, die im Folgenden zur Bühne für „Heimat? Straße!“ wird, wie die rheinüberschreitende Performance von und mit Boris Ben Siegel und Julia Stephanie Schmitt heißt. Mit ihr setzt sich das Mannheimer Theater Oliv unter dem Dach des rheinland-pfälzischen Kultursommers (dessen Motto: „heimat/en“) mit dem Leben und den Lebensläufen von obdachlosen Menschen auseinander.

Dort eingetroffen, weist Siegel den Ankömmlingen nummerierte Isomatten und Karton-Unterlagen zu, die rund 50 Plätze sind bald ausnahmslos belegt. Draußen spielt der Musiker und Schauspieler Jürgen Bräutigam den „Honky Tonk Blues“, drinnen werden die Jalousien geschlossen. „Wir wollen, dass Ruhe einkehrt“, sagt Siegel und ermahnt zu „gegenseitiger Rücksichtnahme“.

Dann beginnen er und Schmitt zu erzählen, schildern Schicksale von Menschen, denen das eigene Leben entglitten und auf die Straße getrieben ist: Der Mann, der seine Mutter bis zu deren Tod gepflegt hatte, danach arbeitslos wurde; die Frau, die Flaschen sammelt, um an Geld zu kommen, und die von sich sagt: „Ich habe viele gute Tage.“ Das ist beklemmend, macht traurig, wütend. Dabei ist „Heimat? Straße!“ eine multiperspektivische Erzählung: Die Theatermacher haben aufwendig recherchiert, mit Menschen auf der Straße, in Notunterkünften, Förderzentren und Suppenküchen gesprochen. Neben Wohnsitzlosen werden ebenso die Stimmen von Sozialarbeitern und Polizisten zu Gehör gebracht, auch der Rechercheprozess an sich wird zum Gegenstand der Performance.

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Deren stärkster Moment findet statt, als die Zuschauer selbst Teil des Vielklangs werden, als eine Taschenlampe streiflichtartig herumgereicht wird und die Besucher Texte vorlesen, die kurze Einblicke in die Erlebnisse, das Innenleben und die Außenwahrnehmung von Obdachlosen geben. Nach knapp zwei Stunden endet eine eindrückliche Premiere, dann geht es heim. Oder wieder auf die Straße.

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