Kulturelle Amnesie

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Wir leben in einer Welt, die sich ständig neuen technologischen Herausforderungen stellt, das digitale Universum erobert und innovative Nanomaterialien kreiert. Im Schatten dieser Zukunftsorientiertheit sind wir aber dabei, unser kulturelles Gedächtnis zu verlieren. Symptomatisch ist der gestern bekannt gewordene Skandal von einmaligen Steinzeit-Relikten, die in einem archäologischen Notdepot in Mecklenburg-Vorpommern verrottet sind, weil es keine geeigneten Räumlichkeiten zu ihrer Aufbewahrung gab.

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Es handelt sich dabei um drei bis zu 7000 Jahre alte Boote - die ältesten in Europa gefundenen Wasserfahrzeuge -, die 2002 in der Nähe der Ostsee entdeckt worden waren und nun in einem baufälligen Schuppen vergammelt sind. Was Naturgewalten über sieben Jahrtausende hinweg nicht vermochten - menschliche Ignoranz hat es innerhalb von sieben Jahren geschafft. Die Ironie des Schicksals will es, dass das einstige Museum im Schweriner Schloss 1992 geschlossen wurde, weil der Landtag dort einzog. Wer als "Wessi" darüber die Nase rümpft, sollte vor seiner eigenen Haustür kehren: Denn auch hier fallen Barockhäuser wegen mangelnder Pflege zusammen, sind Gemälde in schlecht klimatisierten Museen vom Zerfall bedroht. Die Mannheimer wissen, wovon die Rede ist. So läuft Kultur auf Grund. Georg Spindler