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Schreibwettbewerb und Podcast "Erzähl mir was"

Krankenhausmutter - eine Mutter bangt um das Leben ihres Frühchens

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© istock

Von Lena Rupp

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Noch gar nicht wirklich im Leben angekommen, kämpft ein Frühchen schon um dieses. Immer an seiner Seite: seine erzählende Mutter, die zwischen Geräten und Milchabpumpen ihren Platz im Leben wiederfinden will.

Es regnet viel diesen Herbst. Ich beobachte, wie die anderen Mütter und Väter mit klatschnassen Neoprenmänteln durch den Eingang huschen. Ich sehe sie ihre Haare bändigen, während die Feuchte durch ihre zweite Schicht Kleider kriecht. Ich rieche de metallischen Geruch des Desinfektionssprays, das durch jede Hautpore dringt und sich mit der Feuchte der regennassen Hände vermischt. Ich beobachte, wie sie ihre Spinde füllen, sich umsehen und dann verstohlen in ihre Müsliriegel beißen, obwohl ab Stationseingang Essverbot herrscht.

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Manche haben Zeitschriften dabei, manche eine Nackenrolle, alle ihre Smartphones. Die Scheiben des Inkubators reflektieren, und es ist kaum Licht in euren Zimmern, aber trotzdem gucke ich mir jeden Tag die Bilder der Lisas, Fridas und Emils neben dir an und zeige meine verschwommenen Aufnahmen. „Nur noch drei Schläuche, seht mal. Zum ersten Mal ohne Hilfe geatmet. Seit heute 1500 Gramm Gewichtsmarke erreicht.“ Wir handeln mit einer anderen Währung als die draußen, die jetzt schon beim Baby-Fotoshooting waren und euch in Plüsch oder Teddykostüm auf Schafsfell abgelichtet haben. Wir feiern andere Meilensteine.

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Hier, bei dir im Zimmer, höre ich den Regen, ich sehe ihn nicht. Die Station liegt im Untergeschoss, und kein Tageslicht dringt zu uns durch. Wenn man genau hinhört, lernt man zu unterscheiden, wo der Regen drauffällt. Ist es ein Metallrohr, Steine oder die Hauswand? Ist es ein Gewitter in fünf Akten oder ein sanfter Landregen? Seit du hier bist, höre ich Platzregen.



Dein Zuhause ist die Neointensivstation. Jeden Tag stecken wir unsere Hände durch die runden Öffnungen, um dich berühren zu können, beobachten die Monitore und verfolgen jeden Atemaussetzer. Die Station liegt am westlichsten Punkt des Krankenhauses und hat einen separaten Eingang. Wir laufen über den Flur der Jugendpsychiatrie direkt zu den Inkubatoren.

Deine Haut war bleich. Ich habe dich nicht gesehen, als sie dich aus mir geschnitten haben, und gehört habe ich dich auch nicht. Dein Apgar war so schlecht, dass sie schon die Seelsorgerin angerufen hatten. Im Zimmer mit mir lag Anna, sie hat ihr Kind in der 26. Schwangerschaftswoche verloren, aber da es schon über 500 Gramm wog, musste sie ihr Baby beerdigen. Während sie und ihr Mann über Eiche- oder Buchensärge für Babys diskutierten, versuchte ich, weiter zu atmen. Atmen. Atmen.

Ich bringe dir jeden Tag frische Milch, fein säuberlich beschriftet, Vor- und Nachname von dir und von mir, Datum und Uhrzeit. Im Kühlschrank hält die Milch zwei Tage, tiefgefroren ein halbes Jahr. Auf Station gibt es andere Milchpumpen als die zuhause und dann funktioniert das Abpumpen nicht. Dann sitzen wir zusammen, du willst trinken, aber es kommt nicht schnell genug, und du schreist, bis jemand eine gewärmte Flasche meiner abgepumpten Milch füttert, während ich neben dir sitze und weinend wieder versuche, abzupumpen.

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Lena Rupp über sich

Ich bin 33 Jahre alt, lebe in Groß Rohrheim mit meinem Ehemann und Sohn und arbeite als psychologische Psychotherapeutin.

Ich schreibe, um Momente in und zwischen Menschen besser zu verstehen und weil es mich herausfordert und beruhigt.

„Hallo Pia“, begrüße ich Avas Mutter neben mir. Sie nickt mir müde zu und ich blicke fragend in Richtung des leeren Inkubators. „Ole ist eine Station weitergekommen, Anett hat vorhin Tschüss gesagt.“ Anett hatte eine normale Schwangerschaft und eine nicht normale Geburt. Ole kam mit 4000 Gramm auf die Welt, davon könnt ihr nur träumen. Er hat seinen ersten Stuhl schon im Mutterleib abgesondert und verschluckt. Nach einer Woche Breitbandantibiotika ist er jetzt auf die normale Überwachungsstation gekommen. Er kann seine Wärme halten und darf in ein normales Bett. Ohne Monitoren. Es gleicht einem Videospiel. Er hat den nächsten Level erreicht. Auch du und ich waren schon einen Raum weiter, aber dann haben sie ein Loch in deinem Darm, der nicht länger als mein kleiner Finger ist, gefunden und seitdem hast du einen künstlichen Ausgang. Game Over. Wieder zurück auf Start. In die Plastikbox.

Wer atmet als erstes ohne Geräte?

„Ava bekommt gerade einen ZVK, dann müssen sie nicht mehr die Hände anstechen. Sie haben keine gute Stelle mehr gefunden.“ Pia wechselt die Aufsetzer der Milchpumpen und beschriftet ihre 150-Milliliter-Fläschchen. Heute hat sie keine volle Mahlzeit gepumpt. Es wird immer weniger. Ava hatte schon vier Hirnblutungen, Pia weint mehr als früher. Aber sie pumpt trotzdem weiter.

„Weißt du, was es heute gibt?“, fragt mich Pia, während sie ihr Strickzeug aus dem gelben Einkaufskorb holt. Ich weiß, dass Pia den Essensplan auswendig lernt am Anfang jeder Woche, aber ich tue trotzdem so, als müssten wir es beide nachschauen und suche einen Flyer im Zimmer nebenan. Wir haben es uns hier häuslich eingerichtet. Essen im Zimmer ist nicht erlaubt, wir wechseln uns mit dem Gang in die Krankenhauscafeteria ab. Pias Mutter bringt manchmal Tupperdosen vorbei. Es gibt keine Mikrowelle auf Station, dafür nebenan, in der Jugendpsychiatrie. Dort essen wir dann mit jungen Mädchen, die sich ritzen und ihre Selbstmordfantasien berichten. Aber es schmeckt trotzdem besser als die 100. Portion Nudelauflauf in der Cafeteria, die auch Wursteintopf oder Gemüsesuppe sein könnte.

„Ist dein Milchstau mit Quark weggegangen?“, frage ich Pia, und sie nickt müde. „Ja, aber es kommt ja rechts kaum noch was. Ich wünschte, ich hätte so viel Milch wie du.“ Es ist schön, nicht allein hier zu sein, und gleichzeitig ist es wie ein Wettbewerb. Wer pumpt mehr Milch? Wessen Kind hat mehr zugenommen? Welches atmet als erstes ohne Geräte? Dein Vater würde den Kopf schütteln und sagen, dass wir nicht genug schlafen.

Manchmal bin ich auch gerne allein mit dir, und wenn wir Känguruhen dürfen, gehe ich vorher drei Mal auf Toilette, dass ich ja nicht vorher aufstehen muss, sondern jede Minute, die ich dich halten darf, mit dir verbringe. Meistens kommt nach zwei Stunden eine Schwester und legt dich zurück. Dann ist die Besuchszeit vorbei und ich gehe nach Hause.

Jeden Tag am Kinderbett

„Willst du jetzt gehen?“, fragt Pia. Wir wechseln uns ab mit den Pausen im Aufenthaltsraum neben der Borderlinestation, wo sich die einzige Besuchertoilette befindet. Heute ist Luise im Aufenthaltsraum. Wir kennen uns schon. Sie wirkt für einen Moment so, als wolle sie in Ruhe gelassen werden, aber dann beginnt sie zu sprechen.

„Wie geht es?“, fragt sie mich.

„Heute ist ein guter Tag“, sage ich.

„Bei mir auch.“

Ich würde gerne wissen, was das bei ihr heißt, aber ich traue mich nicht zu fragen. Bei uns ist ein guter Tag, wenn du keine Atemaussetzer hast, wenn ich dich halten darf, und wenn ich genug frische Milch pumpe.

„Kommst du von hier?“, frage ich Luise.

„Ja. Ich bin hier im Krankenhaus geboren. Es gab die erste Spezialisierung auf Station für FAS. Fetales Alkoholsyndrom, falls dir das was sagt.“

Ich schlucke. Mein Drama im Untergeschoss reicht mir. Ich erzähle ihr von dir. „Mein Sohn ist in der 25. Woche geboren. Ich habe aber nicht getrunken. Es war eine Schwangerschaftsvergiftung.“

„Jaja, kein Problem, ich weiß, dass ihr auf der Neostation seid. Aber nicht auf der FAS. Die ist geschlossen worden. Ich bin auch zu früh geboren worden. War insgesamt sechs Monate hier. Meine Mutter aber nicht. Ihr seid jeden Tag hier, du und die mit dem Strickzeug. Oder?“

„Ja, wir sind jeden Tag da. Außer jemand ist krank, aber zum Glück war es bisher immer machbar.“

„Durfte deine Mutter nicht mit auf Station?“

„Doch. Aber sie hat weiter gesoffen. Sie hat vergessen, mich nach den sechs Monaten hier abzuholen. Hat mir meine Oma erzählt.“

Das erste Wickeln

Neben dir hat auch am Anfang ein Mädchen gelegen, das niemand besucht hat. Irgendwann kommt einer der Betreuer und holt Luise ab. Ich laufe zurück zu dir. Pia kommt mir entgegen für ihren Toilettengang und Kaffee. Ich will ihr von Luise erzählen. Kannst du das glauben, Pia. Sein Baby zu vergessen. Es nie zu besuchen. Aber sie kommt mir mit pragmatischeren Dingen zuvor. „Wenn du willst, können wir uns von gestern die Gulaschsuppe aufwärmen. Meine Mutter hat noch eine Portion für dich eingepackt.“ Ich behalte Luises Geschichte für mich. „Ja, lass mich nur noch kurz eine neue Haube holen. Ich pumpe nochmal, bevor ich gehe.“ Es gibt nur Small, Medium, Large als Brusthauben-Größen, und ich passe in keine und pumpe mir regelmäßig Milchstaus.

„Warum gibst du nicht Säuglingsmilch?“, fragte mich meine Schwester vorgestern am Telefon. „Dann kannst du auch mal durchschlafen und Energie tanken. Das wird noch hart genug, wenn er nach Hause kommt. Jetzt hast du noch rund um die Uhr Hilfe.“ Es klingt, als müsste ich froh sein, dass du nicht zuhause bei mir bist. „Ja, aber …“, erwidere ich, und sie unterbricht mich: „Ich meine es ja nicht böse, aber du musst wirklich wieder zurück ins Leben, ins richtige Leben.“

Ich lege auf und weine. Ich will wiedergutmachen, dass ich dich nicht in mir halten konnte. Also pumpe ich weiter. Es hat einen Monat gedauert, bis du groß genug warst, dass ich dich wickeln durfte. Ich weiß nicht, wie du am besten liegst, dass dein Bauchweh weggeht. Ich habe das Gefühl, die Schwestern sind bessere Mütter als ich. Sie haben auf alles eine Antwort. Sie sind ruhig, gelassen und professionell, während ich bei jedem Atemaussetzer weine. Ich bin eine Sechs-Stunden-Krankenhausmutter. Dann gehe ich nach Hause.

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