Enjoy Jazz - Archie Shepp und Joachim Kühn brillieren im Heidelberger Schloss als Originale, finden aber selten zusammen Kontrastreiche Konversationen

Von 
Georg Spindler
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Das ist nur etwas für Schwindelfreie: Bei seinem Solo über den Jazzklassiker „Lonely Woman“ entfesselt Joachim Kühn in halsbrecherischem Tempo derart atemberaubende Tonfolgen, dass einem beim Zuhören schon mal die Sinne schwinden können. Der Pianovirtuose verwandelt Ornette Colemans Ballade mit überschäumend aufbrandenden Endloslinien in einen tosenden Sturmlauf aus wogend tremolierenden Wellenschlägen, die weit wegführen vom ursprünglichen Thema.

Voller Hingabe: Archie Shepp (hier bei seinem Auftritt 2018 in Mannheim) beschwört große Gefühle. © Manfred Rinderspacher
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Kühns mitreißende Improvisation ist einer der Höhepunkte bei seinem Duo-Konzert mit der Saxofon-Ikone Archie Shepp, das im Rahmen des Enjoy-Jazz-Festivals im nahezu ausverkauften Königssaal des Heidelberger Schlosses über die Bühne geht. Mehr als 500 Zuhörer werden Zeugen dieser denkwürdigen Begegnung zweier Altmeister, die nicht immer zusammenfinden, weil beide ganz unterschiedliche musikalische Ansätze verfolgen. Gleichwohl wird sie von der Originalität dieser Ausnahmeinstrumentalisten geprägt.

Zwei Altmeister

  • Der US-Saxofonist Archie Shepp, geboren 1937, wurde in den 1960er Jahren als zorniger junger Mann des Free Jazz bekannt.
  • Er experimentierte mit Popmusik und afrikanischer Folklore, ehe er in den 1970er Jahren die Rückbesinnung auf die Jazztradition vollzog. Shepp spielte Klassiker mit der Erfahrung im freien Spiel. Nach längerer Krisenzeit erlebt der Saxofonist seit 2011 eine furiose kreative Rückkehr.
  • Der deutsche Pianist Joachim Kühn, geboren 1944, sorgte in den 60ern als Free-Jazz-Pianist für Furore. Der Bruder des Klarinettisten Rolf Kühn wurde in den 1970ern als Jazzrock-Star bekannt. In den 80er besann er sich auf akustische Musik.
  • 1996 spielt er mehrfach mit dem US-Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman. Von 2007 bis 2013 leitete er ein Weltmusik-Trio, das mit afrikanischer Musikern zusammenspielte.

Unterschiedliche Konzepte

Während Kühn mit 75 noch immer von fast jugendlichem Entdeckergeist beseelt zu sein scheint und jedes Solo nutzt, um in unerwartete Klangsphären vorzudringen, agiert Shepp als Sachwalter der Tradition. Der 83-Jährige sieht sich als Bewahrer afroamerikanischer Musikgeschichte und ihrer Werte. Die deklamatorische Expressivität des Blues, das schmerzvoll-hymnische Pathos des Gospel, die rhythmische Leichtigkeit des Swing-Rhythmus – all dies sind Konstanten seiner Spielweise, die im Alter zwar an Beweglichkeit eingebüßt hat, aber noch immer emotionale Kraft verströmt.

Und so führt er bei „Lonely Woman“ nach Kühns ekstatischen Klangfluten zurück zum Kern des Stückes: Bewegend klagt er vom Leid einer verlassenen Frau. Und seine schmachtenden Tonverschleifungen und schrundigen Phrasen betonen in ihrem Bluesklang, dass es hier um eine schwarze Frau geht.

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Meist stehen die Spielhaltungen der beiden Duo-Partner unversöhnlich gegenüber. Shepp geht nicht ein auf Kühns Klangsprache, die ihrerseits seine Verwurzelung in der Musik Johann Sebastian Bachs etwa durch kontrapunktische Strukturen betont, zugleich aber von der melodischen Fortschreibungskunst Ornette Colemans befeuert wird.

Der Pianist wiederum ist keiner, der als Begleiter bei Jazz-Standards wie „Body And Soul“ oder „Sophisticated Lady“ – beides Lieblingsstücke von Shepp, die auch an diesem Abend zu hören sind – behagliche dichtflorige Akkordteppiche webt, auf denen der Saxofonist sich bequem bewegen könnte. Kühn ist ein kommentarfreudiger Mitspieler, der sich, auch wenn er kein Solo spielt, mit unvorhersehbar eingestreuten Floskeln und Kürzelmotiven aktiv in das Geschehen einschaltet.

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Trotzdem schafft dieser Kontrast eine elektrisierende Dauerspannung. Das Duo zelebriert nicht die Harmonie zweier Gleichgesinnter; wer das erwartet, wird enttäuscht. Es wirft vielmehr Schlaglichter aus wechselnden Perspektiven auf die musikalische Szenerie. Und so beschwört Shepp emotionsstark das Erbe seiner Saxofon-Ahnen: die rhapsodierende Klangfülle eines Coleman Hawkins, die sinnliche Flüsterpoesie Ben Websters, die raue Bodenständigkeit von Eddie Lockjaw Davis. Und in seinem boppigen Stück „Hope 2“ zitiert er „Epistrophy“ und „Softly As In A Morning Sunrise“ in der lässigen Diktion des „Tenor-Titans“ Sonny Rollins.

Begeistertes Publikum

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Kühn dagegen blickt nach vorne, verblüfft mit Soli, die man so von ihm noch nicht gehört hat. Bei „Sophisticated Lady“, Ellingtons melancholischer Nacht-Ballade, wirkt er wie ein romantischer Lyriker: isoliert einzelne Phrasen, die er in unerwartetem Pianissimo mit Momenten der Stille behutsam nebeneinanderstellt; so, als rezitiere er nachdenklich die Worte eines Gedichtes.

Das Publikum im Heidelberger Schloss ist hingerissen und erklatscht sich, obwohl die Saalbeleuchtung längst eingeschaltet ist, eine Zugabe. Thelonious Monks „Blue Monk“ gerät schließlich zur schlüssigsten Darbietung des Abends. Kurz, kompakt, doch nach wie vor kontrastreich – denn Jazz lebt auch von Gegensätzen.

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