Literatur - Autorin Sabine Kobel aus Forst an der Weinstraße veröffentlicht Roman / Außergewöhnlich dynamischer Erzählstil trifft auf Persiflage-Elemente und Regionalität Koffer voller Liebe, Sex, Hass und Tod

Von 
Lea Seethaler
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„Es ist Zeit für deine Beichte, Vera.“ Protagonistin Vera ist mit einem Kunsthändler mit Sadomaso-Vorliebe im Hotelzimmer gelandet – unfreiwillig. Der Grund dafür: Ihre Leidenschaft, fremde Koffer zu stehlen. Die Kofferkleptomanie bringt die Hauptfigur in Sabine Kobels neuem Roman „Die Koffer der Anderen“ von einer Bredouille in die andere.

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Schon zu Beginn wird man geradezu in die rasante Handlung hineingeschleudert. Die Tatsache, dass Gepäckdiebstahl bei Vera zu „heftigen Eruptionen führt“, ist Grundstein für skurrile Kurzgeschichten aus ihrem Leben. Kapitel, die „Durchgeknallt“ oder „Der Psychopath“ heißen, wecken Leselust. Kobels außergewöhnlicher Schreibstil tut sein Übriges. Kurze Sätze führen durch den Roman, verleihen der Handlung ein fast surreales Tempo. „Ich hasse Bücher, bei denen ich seitenlang lesen muss, bis etwas passiert“, sagt die Autorin im Gespräch mit dieser Zeitung. Bei ihr geschieht das Gegenteil: Kobel schafft es durch Satzbau und Erzähltechnik auch, unglaublich viele Informationen unterzubringen.

Absurde Szenen

Die von Überzeichnung lebende Handlung ist stets mit einer Prise Regionalem versehen. Zwischen Dossenheimer Modellflugclub, Heidelberger Kopfklinik und Mannheimer Innenstadt finden sich Erzählungen rund um Liebe, Lüge, Lust und Mord. Eine pralle und kontrastreiche Handlung zieht sich durch den Roman – mit auffallend vielen toten Männern. Mittendrin Protagonistin Vera, die in Ich-Form erzählt. Sie berichtet mal schroff, mal gefühlsduselig – aber immer chronisch triebgesteuert aus ihrem Leben. Die Monologform lässt einen als Leser näher an das Phänomen Vera – die als Ghostwriterin arbeitet – heranrücken. Nach skurrilen Vorfällen findet sie sich mit Gedächtnisverlust in einem Odenwälder Sanatorium wieder. Dort taucht „Mona aus Monnem“ auf, natürlich mit Koffer im Gepäck. Beim Lesen scheint es, als wäre man eine Freundin, die diesen aberwitzigen Gesprächen lauscht und versucht, sich die Überforderung, die einen anhand dieser überkommt, nicht anmerken zu lassen. Es ist ein fast gesprochen klingender Erzählstil, der es so wirken lässt, als säße Figur Mona einem im Sanatorium direkt gegenüber. Ähnlichkeiten zu Ingrid Nolls Roman „Die Apothekerin“ sind nicht zu leugnen. Der Buchtitel zeigt, wer Kobel noch inspiriert: Filme oder Bücher. „Aber auch vor allem das, was tagtäglich aus den Medien oder aus Erzählungen anderer Menschen auf einen einrieselt“, beschreibt Kobel.

Eine Nähe zu den Figuren entsteht in diesem Buch trotz starker Überzeichnung und obwohl sie mitunter wie Karikaturen wirken. Zwischen all dem Lustigen, Extremen und Absurden steckt in diesem Roman auch das Ernste. Die Eigenheiten, die Tragik, die Komplexität und die Unvorhersehbarkeit des Lebens, schimmern zwischen den Zeilen durch. Das Motiv Koffer ist von der Autorin in diesem gelungenen Buch klug gewählt, es garantiert immer eine neue Geschichte und so Spannung, die erst auf der Schlussseite endet.

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Sabine Kobel: „Die Koffer der Anderen“, Lauinger Verlag, Karlsruhe. 172 Seiten. 15 Euro

Redaktion Redakteurin und Online-Koordinatorin der Mannheimer Lokalredaktion