Schauspiel - Das Junge Theater Heidelberg feiert mit einem aufwendigen interaktiven Projekt online Premiere Kinder betreten „Neuland“

Von 
Ralf-Carl Langhals
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Schauspieler Leon Wieferich improvisiert im weißen Raum in die Kamera. © rcl

„Wir lassen euch gleich in Kleingruppen eintreten“ steht auf dem heimischen weißen Bildschirm, der durch das Internet-Konferenz-Werkzeug „Zoom“ zum virtuellen Foyer des Jungen Theater Heidelberg wird. Einlass begehrt die Premieren-Klasse, eine sechste, der Waldparkschule vom Heidelberger Boxberg. Dort tummeln sich Schülerinnen und Schüler, die sich entschlossen haben, „Neuland“ zu betreten. Denn so heißt die Premiere, die sich ein Kollektiv aus Theaterpädagogen, Dramaturgen und Schauspielern für Heidelbergs lernende Kinder ausgedacht hat.

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Simon Labhart, Nadja Rui, Katharina Rückl, Markus Strobl, Isabell Wibbeke, Paula Handl, Mathilde Lehmann und Leon Wieferich heißen sie, die im Vorfeld zum Thema Utopie, White Cube und Tabula Rasa geforscht haben.

Finn ist fit, hat den digitalen Bogen raus und sogar noch Schnee im Hintergrund, Leon chattet wie ein Erwachsener. Luna, Lina und Ramses kämpfen noch mit der Kamera-Einstellung oder wollen nicht gesehen werden. Eine Saboteurin ist wohl auch dabei, kritzelt hackermäßig subversiv den anderen den Bildschirm voll – sie hat jedenfalls schon jetzt das Zeug zur Softwareentwicklerin. In separaten Räumen erzählt man sich Geschichten von Haustieren, von Freundschaft, dem Leben eben, und schafft somit den lebendigsten Teil von „Neuland“. Es gibt Gruppen zu Wort, Klang oder Farbe und am Schluss sollen all diese Genres zu einem Gesamtkunstwerk namens Gesellschaft, zumindest aber zu einem alles und alle vereinenden Film werden. 100 Minuten braucht es, um an Pulten zu basteln, zu komponieren, filmen, samplen.

Simon Labhart gibt sich Mühe, charmant den Sack ausbüchsender Digitalflöhe zusammenzuhalten, Leon Wieferich bespielt den weißen Raum mit den live erstellten Vorgaben: Improvisationskunst unter Schwerstbedingungen. Die Kinder schauen dem zu langen Live-Kunstwerdungsverfahren nur zu. Gut, das täten sie im Theater auch, nennen wir das Ergebnis also mal sympathisch so „mittel interaktiv“...

Redaktion Ralf-Carl Langhals studierte Jura, Germanistik, Romanistik, Theater- und Musikwissenschaft in Mannheim, Berlin und Nizza. Er arbeitete als Regieassistent und Dramaturg an verschiedenen deutschen Theater und schrieb danach als freier Theaterkritiker für SWR, Die Welt, Frankfurter Rundschau, Theater der Zeit u.a. Seit 2006 ist er Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen, zuständig für die Bereiche Schauspiel, Tanz und Performance.