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Schreibwettbewerb und Podcast "Erzähl mir was"

Kartoffeln, Stacheldraht und eine Fahrt zurück ins Leben

Eine dünne Kohlsuppe ist das Einzige, was der Ich-Erzähler in russischer Kriegsgefangenschaft zu essen bekommt. Es ist kalt. Zwei Drittel der Mitgefangenen sterben. Dann tritt der Erzähler eine Zugreise an – 6000 Kilometer weit.

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© istock

Von Birgit Klein

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Ein langes Pfeifen, und der Zug setzte sich in Bewegung. Das schneebedeckte Stationsgebäude war das Letzte, was ich von Novosibirsk, im Herzen Sibiriens, sah. Der Zug fuhr an, wurde immer schneller und schneller. Alles, was hinter mir lag, wurde kleiner und verlor an Schrecken. Gleichzeitig wuchs die Freude auf die geliebte Familie und die Sehnsucht nach der Heimat. Die Gewissheit, in nahezu zwei Monaten wieder auf deutschem Boden zu stehen und meine Eltern in die Arme schließen zu können, machte mich überglücklich. Ich schloss meine Augen. Auf der langen Fahrt hatte ich nun viel Zeit nachzudenken. Sogleich kam mir ein wunderbares Bild von dampfenden Pellkartoffeln in den Sinn und mein warmes weiches Bett daheim.

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Das Zuhause, welches ich vor sechseinhalb Jahren verließ, gab es jedoch nicht mehr. In einer Bombennacht im Jahr 1943 brannte das Haus im Lindenhof bis auf die Grundmauern nieder. Wir wohnten damals über einer Weinhandlung, meine Eltern und ich. Was uns noch an Hab und Gut geblieben war, befand sich in einem kleinen Kellerraum im Hinterhaus. Das waren nur einige Sauerkrautfässer, irdene Töpfe und Wäschewannen aus Zink, aber immerhin etwas. Dabei hatte meine Mutter noch das „Glück“, nicht im Bunker leben zu müssen, wie viele andere ausgebombten Mannheimer. Mein Vater war Feldwebel bei der Luftwaffe, die in Sandhofen stationiert war. Da er deshalb über einen eigenen Schlafraum verfügte, konnte meine Mutter dort bei ihm leben.



Der Zug ruckte unvermutet und holte mich so aus meinen Gedanken zurück auf die harte Sitzbank aus Holz. Geduldig blieben die Waggons in langer Reihe mitten in der trostlosen Landschaft stehen. Ich schaute aus dem Fenster und sah die unendliche Weite, am Horizont Birkenwälder und ein stahlblauer unerbittlicher Himmel. Stimmen riefen, russische Worte, die unverstanden an mir vorüberzogen. Die Lokomotive pfiff, ruckte fauchend an. Die hohe Böschung des Bahndamms zog vorüber. Weiter ging die Fahrt durch die weite Taiga der Stadt Omsk entgegen. Auch meine Gedanken wanderten wieder. Es war eine schlimme Bilanz, die ich zog. Es waren so viele überwältigende Erfahrungen in meinem Kopf. So viel Leid, Hunger, Kälte und Tod waren mir seither begegnet.

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„Tote raus“

Mit kaum 16 Jahren hatte ich zum Schulhalbjahr einen Notabschluss der Kaufmännischen Handelsschule gemacht. Eine überhastete Prüfung und ein Stück Papier bescheinigten mir den erfolgreichen Schulbesuch. Niemand wusste, ob und wann die Schule wieder in gleicher Weise ihre lehrende Funktion aufnehmen konnte. Und niemand dachte mehr an die Schule, denn kurz danach kam der Einberufungsbefehl zum Arbeitsdienst der Wehrmacht. Ich erhielt Uniform und ein Paar Stiefel mit unterschiedlicher Schuhgröße. Der rechte Stiefel war zu klein und irgendwo in diesem schrecklichen Krieg gab es noch so einen armen Teufel mit den Gegenstücken. Dass aber gerade dieser unglückliche Umstand dazu führte, dass ich lange nach Kriegsende aus einer Gefangenschaft entlassen wurde, ahnte ich da noch nicht. Der Krieg führte mich an die Ostfront und schließlich in amerikanische Gefangennahme. Der Amerikaner lieferte uns jedoch an den Russen aus und zusammen mit anderen Soldaten wurde ich in einen geschlossenen Eisenbahnwaggon verfrachtet wie ein Stück Vieh. Der Gefangenentransport rollte immer weiter und weiter, mit jeder Sekunde entfernten wir uns mehr von unserer Heimat. Unbarmherzig stampften die Räder: Ram-tam-tam, ram-tam-tam. Keiner von uns wusste, wohin es ging, aber dass es eine Reise ins Verderben war, das war uns allen klar. Die stete Fahrt nach Osten kam einem Todesurteil gleich. Allein schon die Tatsache, dass deutsche Soldaten für die klirrende Kälte Russlands nicht genügend eingekleidet wurden, war unser Verhängnis. Wir verbrachten 49 Tage und Nächte zusammengepfercht in einem geschlossenen Waggon. Nur einmal täglich wurden die Türen zur Seite geschoben. „Tote raus“, hieß es dann.

Der Zielort nahe der Stadt Tomsk, lag an einem Bergrücken. Als wir nach einem langen Fußmarsch im Lager ankamen, wurden Kriegsgefangene für den Bau gesucht. Umzäunt von allgegenwärtigem Stacheldraht meldeten sich viele und wurden in Gruppen abgeführt. Als Maurer gesucht wurden, trat auch ich einen Schritt vor. So schwer konnte ein Hausbau nicht sein, die Fertigkeiten konnte mir jemand beibringen. Die russischen Aufseher riefen ihr stetiges „Dawai, dawai“ und winkten uns mit ihren Armen vorwärts. Es war die allerletzte Gelegenheit gewesen, mich zu melden und ich konnte so mit meiner Entscheidung die Dauer meiner gesamten Gefangenschaft an der frischen Luft verbringen. Denn alle restlichen Kriegsgefangenen wurden in ein Steinkohlebergwerk gebracht. In Sibirien gab es viele solcher Bergwerke, in denen Braunkohle oder Eisenerz, Gold oder Blei abgebaut wurden. Dort starben sie in den nächsten Jahren an Unterernährung und Krankheiten wie die Fliegen. Von den ursprünglich 7600 Mann, überlebten bis zu meiner Abreise nur 2800. Zu essen gab es nur Kapusta, eine dünne Kohlsuppe, die hauptsächlich aus Wasser bestand. Heimkehren durfte ich nur deshalb, weil der zu kleine rechte Stiefel bei der Eiseskälte zu Erfrierungen sämtlicher Zehen des rechten Fußes führte. Auch wenn auf den letzten Seiten im Wehrpass die Information stand: „Der größte Feind des deutschen Soldaten ist die Kälte“ und Ratschläge folgten, was zu tun wäre, wenn Blässe und Taubheit die Gliedmaßen ergriffen, war die Amputation der Zehen mein Schicksal. Ich hatte aber das berühmte Glück im Unglück: Mithilfe eines Stocks humpelte ich in die Freiheit.

Birgit Klein über sich

  • Ich bin 58 Jahre alt und wohne mit meiner Familie schon seit vielen Jahren in der schönen Mannheimer Gartenstadt.
  • In meiner Freizeit bin ich gerne kreativ, da gehört auch das Schreiben dazu und wenn es nur mal eine Hochzeitsrede ist.

Der Zug verringerte seine Fahrt und passierte langsam ein kleines Dorf mitten im Ural. Rauchschwaden der Lokomotive zogen wie Nebelfähnchen am Fenster vorüber. Die ärmlichen Holzhütten der Bevölkerung kauerten aneinander, als würden sie gegenseitig Schutz suchen vor den frostigen Temperaturen. Auch bei hohen Minustemperaturen waren wir noch auf dem Bau, bis der Zement gefror. Da wir den Kontakt zur Bevölkerung hatten, konnten wir uns manchmal etwas Nahrung beschaffen, die sofort unter uns aufgeteilt wurde, denn man durfte damit nicht erwischt werden. Hungern oder vielleicht erschossen werden, waren die Optionen. Rohe Kartoffelscheiben klebten wir an ein Ofenrohr, bis sie gar waren. Sie schmeckten einfach wunderbar. Einmal stieg ich Stufen eines Hauses hinauf und klopfte an eine Tür. Unter meinem Hemd hielt ich ein ledernes Mäppchen versteckt, dessen Besitz verboten und deshalb lebensgefährlich war. Ich wollte es schleunigst für Essbares eintauschen. Eine Frau öffnete mir, und ich trat ein. Am Tisch saß ihr Mann, hielt aus Vorsicht mit beiden Händen eine Zeitung vor sein Gesicht und blieb die ganze Zeit dahinter versteckt. Ich sollte ihn nicht sehen und er wollte mich später nicht wiedererkennen. Es folgte zunächst ein russischer Wortwechsel zwischen den beiden und schließlich der Tausch. Die Frau band mit Schnur meine beiden Hosenbeine fest zu, jeweils oberhalb meiner Knöchel. Gespannt beobachtete ich, was geschah. Sie deutete mir an, den Hosenbund zu dehnen, dann füllte sie mir so viele Kartoffeln in die Hose, dass ich Schwierigkeiten hatte, die Treppe wieder hinunterzusteigen. In diesem Moment lebte ich noch gefährlicher als zuvor. Wieder einmal musste ich umgehend mit anderen teilen, und bald würde ich von meinen Kameraden etwas abbekommen. Hauptsache, es sah niemand.

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Ein schrilles Räderkreischen, dann das laute Tuten der Lokomotive. Erschrocken erwachte ich aus meinem Schlummer. Schweiß stand auf meiner Stirn. Der auf mich gerichtete Gewehrlauf und der folgende laute Knall war nur ein böser Traum gewesen, und was ich im Schlaf hörte, waren nur die normalen Geräusche des rollenden Zuges, der schon seit Wochen immer Richtung Westen unterwegs war. Ein Blick durch das Fenster sagte mir, dass wir Moskau erreicht haben. Eine Frau stand auf dem Bahnsteig direkt vor meinem Fenster, eingehüllt in ein warmes Kopftuch. Sie trug einen Korb mit Rüben und Brot. Ich musste an meine Mutter denken. Jeder Tag, jede Minute auf dieser Reise, brachte mich näher nach Hause.

Deutschland kaum wiederzuerkennen

Als Woenno-Plennui, ein Kriegsgefangener, wurde man oft gefilzt. Bei unserer Ankunft im Arbeitslager war der Haufen mit persönlichen Besitztümern auf dem Boden recht groß. Jedes Mal, wenn keiner der Russen hinschaute, holte ich mir das kleine Mäppchen mit meinem Rosenkranz wieder zurück. Ich trug ihn während der gesamten Zeitdauer des Krieges nahe bei mir, als könnte er mich vor dem Schlimmsten bewahren. Und wer weiß, vielleicht hatte ich einen Schutzengel.

Das monotone Stampfen der Räder veränderte seinen Rhythmus, und die Fahrt wurde langsamer, Bremsen kreischten, der Zug hielt. Das Zischen der Lokomotive klang wie ein großes Ausatmen. Spurwechsel, alle Passagiere mussten aussteigen. Schwer auf den Stock gestützt, wechselte ich zum ersten Mal den Zug. Ich kämpfte mit dem Gleichgewicht, und meine Wunde am Fuß schmerzte. Eine ordentliche Strecke durch Polen lag noch vor mir.

An einem wolkenverhangenen Nachmittag lief der Zug in Berlin ein. Deutschland - kaum wiederzuerkennen. Ich fragte mich, ob meine Eltern mich noch wiedererkennen würden? Den Jungen von einst gab es nicht mehr. Ich war ein Mann geworden, abgemagert und gezeichnet vom Krieg. Im Wartesaal des Bahnhofes begegnete mir ein vornehmer Herr, der mich die nächste Etappe bis Frankfurt in der 1. Klasse mitnahm. Die hölzerne Bank tauschte ich gegen dunkelrotes Polster.

Meine Reise zurück ins Leben war 6000 Kilometer lang, die längste Reise meines Lebens.

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