Frederic Hormuth setzt in der Corona-Krise auf monatliche Download-Kabarettalben, wartet auf den Nikolaus und schaut nicht mehr täglich auf die R-Zahl Kabarettist Frederic Hormuth:  "Wenn der Nikolaus dieses Jahr keine Maske tragen muss, haben wir Glück gehabt"

Von 
Jörg-Peter Klotz
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Wenn alle brav seien, könnte sich Frederic Hormuth im Dezember wieder Auftritte wie hier Ende 2019 in der Mannheimer Klapsmühl vorstellen. © Manfred Rinderspacher

Der Mannheimer Kabarettist Frederic Hormuth hat ein Herz für Journalisten: „Es gibt eine Berufsgruppe, deren Schicksal bei allem berechtigten Wehklagen der Künstler vergessen wird: Die Kritiker. Nichts zu tun. Aus Verzweiflung schreiben sie über Viren oder posten Fotos von den Weinflaschen, mit denen sie sich über ihr Schicksal hinwegtrösten. Ich fühle mit ihnen“, schrieb er dieser Redaktion.

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  • Frederic Hormuth ist als Kabarettist, Autor, Sänger und Pianist Dauergast auf Kleinkunstbühnen wie der Mannheimer Klapsmühl’.
  • Am 1. November 1968 in der Quadratestadt geboren, sammelt er ab 1992 im Trio Die Allergiker Erfahrung. Seit 1995 gibt er Soloprogramme.
  • Hormuth lebt im südhessischen Heppenheim.
  • Sein Kabarettalbum „Lachen in geschlossenen Räumen #1“ gibt es als Download bei iTunes oder Amazon als Kauf-Donwload für 9,99 Euro beziehungsweise 11,61 Euro.
  • Zu hören ist das Album zudem auf gängigen Streaming-Plattformen wie YouTube, Spotify oder Deezer.
  • Nummer #2 soll ab 15. Juni verfügbar sein, dann nur zum Kauf.
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Mit dem winzigen Hintergedanken, dass er in der Corona-Krise nun monatlich ein Kabarettalbum veröffentlicht. „Das wäre mal was zum Rezensieren. Hallelujah!“, frohlockt er, gibt sich aber auch damit zufrieden, ein paar Fragen zu dem Projekt „Lachen in geschlossenen Räumen“ zu beantworten. Die erste Folge gibt es bereits auf den gängigen Download- und Streaming-Portalen, die zweite folgt am voraussichtlich Mitte Juni.

Herr Hormuth, zu Beginn von „Lachen in geschlossenen Räumen #1“ heißt es: „Sie lassen mich nicht mehr raus. Ich sitze im Büro und meide das Tageslicht. Ich komme mir vor wie eine Art Vampir: Sobald der Sonnenstrahl des Publikums mich trifft, könnte ich zu Staub zerfallen.“ Muss man sich Sorgen um Sie machen? Sollen Ihre Fans Ihnen vielleicht auf die Mailbox applaudieren?

Frederic Hormuth: Nein, die ist schon voll, weil meine Mutter immer anruft und mich fragt, wie ich zurechtkomme. Wer es gut mit mir meint, kauft einfach meine beiden entsprechenden Download-Alben, dann habe ich sogar Einkünfte. Das wäre ein nostalgischer Moment. Die Aufnahmen gibt es überall, wo man digital Musik erwerben kann. Jetzt sind sie topaktuell, später sind es historische Satire-Dokumente aus der Corona-Zeit.

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Wie beantworten Sie die selbstgestellte Frage „Wann werde ich wieder Menschen vor mir haben, die auf meinen Biss warten?“

Hormuth: Sagen wir mal so: Wenn der Nikolaus dieses Jahr keine Maske tragen muss, dann haben wir Glück gehabt und waren brav.

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Apropos „wir waren alle artig“- Als Kabarettist muss einem die Einschränkung der Grundrechte und das Wedeln mit der Rute durch die Politik ein Dorn im Auge sein. Wenn man das rhetorisch scharf angeht, hat man aber womöglich plötzlich ein ganz anderes Publikum mit Alu-Hüten - ein Dilemma?

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Hormuth: Nein, das „ganz andere Publikum“ wird schnell merken, dass es bei den einschlägigen Verschwörungserzählern und Flach-Erdlern mit Soul-Hintergrund besser aufgehoben ist.

Ich stelle es mir auch schwierig vor, wenn Sie Sätze schreiben wie „Die machen ja alles richtig. Der Söder, der Spahn und die Merkel“ . Hatten Sie zu so solchen Aussagen in Ihrer Karriere schon mal Anlass? Kabarettisten sind ja berufsbedingt chronisch unzufrieden.

Hormuth: Also die machen natürlich viel richtig. Angefangen vom Schuhezubinden über das Sprechen in ganzen Sätzen bis hin zum Reagieren auf Gefahren, die sie vorher hätten kommen sehen können…

Und wie weit sind Sie auf Ihrer kafkaesken Verwandlung zu einem von 82 Millionen Virologen?

Hormuth: Ich versuche, mich der vollständigen Virologisierung zu widersetzen und die R-Zahl auch mal einen halben Tag aus dem Auge zu lassen.

„Kabarett ist Kontaktsport“, formulieren Sie an einer Stelle. Meinen Sie, man kann bei den ersten Live-Shows etwa in der Klapsmühl’ wieder unbefangen losprusten vor Lachen?

Hormuth: Ich denke, wir werden von vorne anfangen müssen. Wir sind jetzt zum Lachen in den Pandemieschutzkeller gegangen. Da müssen wir uns erst in Kleinarbeit wieder hochkichern.

Sind Auftritte in Autokinos für Sie keine Option? Vor Ihrer Haustür in Heppenheim gäbe es in Bensheim oder Viernheim Möglichkeiten auch für kleinere Auftritte.

Hormuth: Dass Kultur plötzlich kraftfahrzeugbasiert ist, irritiert mich. Im Grunde würde ich lieber vor Fahrrädern spielen.

„Kunst ist nicht systemrelevant, Kunst kann weg“, stimmen Sie an anderer Stelle in das Lamento der Kulturszene ein. Das ist nicht unberechtigt, aber läuft es denn in anderen Staaten besser? Die deutsche Kulturpolitik bemüht sich doch immerhin, oder?

Hormuth: Sie hat sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten immer redlich bemüht. Trotzdem fühlt es sich derzeit an, als hätten wir Kulturschaffenden die Systemrelevanz einer Kindergeburtstags-Ballonknoter-Zweitbesetzung. Denkfehler. Nur ein Beispiel: Zuschauer gehen vor dem Theater was essen, hinterher einen trinken und benutzten dabei auch noch den öffentlichen Nahverkehr.

Man hat auch den Eindruck, dass es nicht ins Selbstverständnis von Künstlern passt, zur Arbeitsagentur zu gehen und Grundsicherung zu beantragen, weil es sich wie Hartz IV anfühlt. Täuscht das?

Hormuth: Wir sind jetzt alle am Rechnen, ob unser privates Vermögen gering genug ist, um Hilfe zu bekommen. Sieht meistens gut aus. Nur wer jahrelang brav fürs Alter gespart hat, der hat jetzt Pech und muss das abschmelzen. Da entsteht viel Verbitterung, vor allem weil die Situation aus heiterem Himmel kam. Darauf war keiner vorbereitet.

Die Texte auf „Lachen in geschlossenen Räumen“ sind bis jetzt noch etwas besser, selbst bei einer hübschen Alltags-Nummer wie „Baumhaus“, als man das von Ihnen gewohnt ist. Schärft die Isolation den Schliff der Texte?

Hormuth: Nein, ich denke, das ist die quasi literarische Form. Die erlaubt mir noch etwas sprachverliebtere Formulierungen, die für die Bühne zu gestelzt wären.

Den Peter-Cetera-als-Alleinunterhalter-Gedächtnissound, mit dem Ihre Songs aus dem Heimstudio kommen, finde ich dagegen etwas gewöhnungsbedürftig. Ist das Absicht oder krisenbedingt?

Hormuth: Natürlich beides. Ich sag mal so: Einen guten Ohrwurm kann nichts entstellen. Mir macht das Spaß, diesen Fake-Pop zu arrangieren. Ich sitze mit breitem Grinsen vorm Computer und mache da Sachen, die ich noch nie gemacht habe. Wenn schon Krise, dann nehme ich mir wenigstens Narrenfreiheit. Am Klavier bin ich erst wieder, wenn die Theater normal öffnen dürfen. Das ist auch als Drohung und Druckmittel gedacht.

Ressortleitung Stv. Ressortleiter Kulturredaktion