Journal - Reichsbürger, Rechtsextreme und andere Nationalisten feiern gerade 150 Jahre Deutsches Reich – aus den falschen Gründen „Jeder erbärmliche Tropf …“

Von 
Jörg-Peter Klotz
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Seit Tagen wird in den sozialen Medien das 150. Jubiläum des Deutschen Reichs gefeiert. Mit den richtigen Gründen wäre daran nichts auszusetzen: Die vom eigentlich stockkonservativen „Eisernen Kanzler“ Otto von Bismarck begründete Sozialversicherung ist zum Beispiel eine denkwürdige Errungenschaft des ersten deutschen Nationalstaats. So progressiv, dass Trumpisten in den USA sie noch heute für stalinistisches Teufelszeug halten.

Die Reichsflagge hat nicht nur auf Kundgebungen gegen die Corona-Maßnahmen wie hier vor dem Berliner Reichstag, Hochkonjunktur. In diesem Jahr feiern viele den ersten deutschen Einheitsstaat, der 1871 gegründet wurde. © dpa
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Man könnte auch lange über diese alte These nachdenken: Dass Deutschland und Italien „verspätete Nationen“ sind, also viel später zum Einheitsstaat wurden als Großbritannien oder Frankreich, soll die Bevölkerung anfälliger für Faschismus gemacht haben. Stattdessen bejubeln Reichsbürger, Rechtsextreme und andere Querdenker mit einschlägigen Flaggen geschichtsvergessen die Zeit von 1871 bis 1945 und den „letzten souveränen deutschen Staat“. Eine „Kriegsgeburt“, die völlig zu Recht von der Landkarte verschwunden ist, weil sie beide Weltkriege zu verantworten hat.

Wirkungslose Lehren

Der Grund für all das: Nationalismus. Was heute wieder als verhängnisvolles Phänomen Europa zu vergiften droht, war ursprünglich auch eine liberale Ideologie. Hinter der sich selbstbewusst gewordene Bürger und Studenten versammelten, um im Feudalismus mehr Freiheit zu erwirken, Großmachtdenken und die heute als „White Supremacy“ wieder auflebenden völkischen Überlegenheitsfantasien haben nicht nur den Begriff, sondern auch das Denken dahinter pervertiert.

Aber selbst die Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Demokratie haben letztlich völkische Denkmuster im politischen System der Bundesrepublik nicht komplett ausmerzen können: Bis heute wirkt sich die Tradition des ethnischen Nationalismus aus – im Fehlen eines rationalen Einwanderungsgesetzes und im Staatsbürgerschaftsrecht. Das Grundprinzip des Blutrechts (ius sanguinis) und Fehlinterpretationen des Begriffs Kulturnation befördern hierzulande bei Einzelnen offenkundig absurde Auserwähltheitsgefühle.

Im Irrtum geeint

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Von staatsbürgerlichem Nationalismus und ius solis (Geburtsortrecht) geprägte Länder wie die USA oder Kanada tun sich letztlich leichter mit ihrem Selbstverständnis als Nation. Ironischerweise auch mit Migrationsbeschränkungen. Der vom Heidelberger Dolf Sternberger und Jürgen Habermas postulierte Verfassungspatriotismus konnte sich trotz aller Strahlkraft des Grundgesetzes nur sporadisch durchsetzen.

US-Politikwissenschaftler Karl W. Deutsch hat nationalen Überlegenheitsgefühlen 1972 mit einem halb scherzhaften Bonmot eigentlich den rhetorischen Todesstoß verpasst: „Eine Nation ist eine Gruppe von Menschen, die durch einen gemeinsamen Irrtum hinsichtlich ihrer Abstammung und eine gemeinsame Abneigung gegen ihre Nachbarn geeint ist.“ Für diese Erkenntnis muss man nur auf die deutsche Bevölkerungsdurchmischung seit der Römerzeit und den Völkerwanderungen schauen. Aber: Statt „Man kann froh sein, in einem privilegierten Rechtsstaat wie Deutschland zu leben“, heißt die Parole der NPD: „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein.“

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Schon Arthur Schopenhauer hat das Gefühl nationaler Auserwähltheit von zufällig als Deutsche geborenen Menschen 20 Jahre vor der Reichsgründung fast als Persönlichkeitsdefizit beschrieben: „Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt.“ Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitze, erkenne die Fehler seiner Nation am deutlichsten, schrieb der politisch eher monarchistisch orientierte Danziger. Und macht im Satz darauf Nationalisten geradezu lächerlich: „Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.“

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Deutsche sind natürlich gut beraten, sich ihrer Kultur und Tradition bewusst zu sein – an genialen Leistungen von Goethe, Schiller, Kant, Beethoven oder Bach bis Einstein, Benz, Beuys oder Böll kann man sich orientieren. Und aus den negativen Eckpfeilern (Drittes Reich, Kolonialverbrechen) sollte jeder Einzelne – man kann es angesichts von „neuen Sophie Scholls“ wie „Jana aus Kassel“ offensichtlich nicht oft genug betonen – die Konsequenz ziehen, alles zu tun, damit sich solche Katastrophen nicht wiederholen.

Von Heine bis Kraftklub

Daraus folgt: Gegen Neo-Nationalismus anzugehen, ist Staatsdoktrin der Bundesrepublik – und Antifaschismus kein Kampfbegriff für linksextreme Gewalt im Schwarzen Block. Es heißt aber auch: Sich auf die Verdienste der Altvorderen etwas einzubilden und irgendwelche letztlich auf völlig irrationaler völkischer Überlegenheit begründete Anrechte herbeizufantasieren, war – und ist – eine Vorstufe zum Totalitarismus. Ein Merkmal des „autoritären Charakters“, den Theodor W. Adorno faschistischen Deutschen in den 1940er Jahren attestiert hat.

Stumpfe Deutschtümelei hat schon 1855 Heinrich Heine im köstlichen Gedicht „Die Wahlesel“ satirisch entlarvt: „O welche Wonne, ein Esel zu sein! / Ein Enkel von solchen Langohren! / Ich möcht es von allen Dächern schrein: / Ich bin als ein Esel geboren. (…) Ich bin ein Esel, und werde getreu, / Wie meine Väter, die Alten, An der alten, lieben Eselei, / Am Eseltume halten.“

Die Band Kraftklub aus der – durch Nazi-Aufmärsche aufgefallenen – Kulturhauptstadt Chemnitz hat das Thema in „Schüsse in die Luft“ unverblümter aufgearbeitet: „Und selbst wenn alles scheiße ist, du pleite bist und sonst nix kannst / Dann sei doch einfach stolz auf dein Land.“ Die Leute, die Kraftklub, Heine oder Schopenhauer nachdenklich machen sollten, sind aber zu sehr damit beschäftigt, das Deutsche Reich zu feiern – statt aus seiner abschreckenden, letztlich katastrophalen Entwicklung im 20. Jahrhundert die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Ressortleitung Stv. Ressortleiter Kulturredaktion