Kulturpolitik - Oststadttheater stellt sich auf Spielbetrieb ab Herbst unter Corona-Vorzeichen ein / „Habe ein gutes Gefühl, dass wir das überleben“ Jede zweite Reihe muss leer bleiben

Von 
Peter W. Ragge
Lesedauer: 

„Das Lächeln in N 1“ lautet der Slogan des Oststadttheaters – und dieses Lächeln ist ihr nicht vergangen. „Ich bin überhaupt nicht frustriert, sondern habe ein gutes Gefühl, dass wir das überleben“, sagt Carmen P. Linka-Gamil, die Theaterleiterin, optimistisch über die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Zunächst bis zum 15. Juni ist ihr Haus geschlossen. Wie es danach weitergehen soll, darüber schwebe aber „noch ein großes Fragezeichen“, gesteht sie.

Derzeit sitzt das Publikum eng: das Oststadttheater im Stadthaus N 1, hier bei der Eröffnung 2014. © Markus prosswitz
AdUnit urban-intext1

Als die Krise losging, hatte sie gerade den Spielplan für Sommer und Herbst fertig. „Ich konnte zum Glück noch den Druck stoppen“, erzählt Linka-Gamil. Stattdessen machten das Büroteam, die Theaterleitung und viele ehrenamtliche Helfer Telefondienst. „Wir haben alle Leute angerufen, die Karten gekauft hatten, das waren weit über 1000 Telefonate“, berichtet sie. Nicht nur alle Vorstellungen seien auf den Herbst geschoben worden, auch nahezu alle Ticketinhaber seien auf andere Termine ausgewichen.

Mannheims Oststadttheater – Zahlen, Fakten und Geschichte

  • Das Oststadttheater ist 1990 als „Mannheims heitere Bühne“ für Komödien, Krimis, Kinderstücke und Mundart gegründet worden. Es ist Mannheims zweitgrößtes Theater.
  • Zunächst bespielte es den Kahnweilersaal im Untergeschoss der Kunsthalle (286 Plätze), 2014 zog es in den dafür eigens von der Stadt für 2,7 Millionen Euro umgebauten Bürgersaal in N 1 (19 aufsteigende Reihen mit 440 Plätzen) um.
  • Gespielt wurden prominente Dramatiker wie Ray Cooney, Ephraim Kishon, Peter Shaffer, George Bernard Shaw und Dario Fo.
  • Das Oststadttheater beschäftigt vier fest angestellte Mitarbeiter (zwei im Büro, zwei Techniker) und 34 auf Gagenbasis pro Stück arbeitende Schauspieler bei 160 Vorstellungen im Jahr sowie zahlreiche Aushilfen für Garderobe, Theke usw.
  • Lange besuchten die rund 160 Vorstellungen im Jahr konstant rund 30 000 Besucher. 2019, im größeren Saal, waren es 110 Vorstellungen mit rund 18 000 Besuchern.

Publikum verzichtet auf Geld

„Gerade mal fünf Leute wollten, dass wir ihnen das Geld auszahlen, weil sie aus dem Ausland gekommen wären oder in der Zeit in Urlaub sind“, bemerkt Linka-Gamil dankbar. Daher habe die Einstellung des Spielbetriebs zunächst auch keine gravierenden Folgen für das Oststadttheater gehabt. Auch die mannheim-congress-gmbh als Vermieter der Räume im Stadthaus kassiere derzeit keine Miete für den Saal, da der Raum ja offiziell geschlossen und der Betrieb generell eingestellt sei. Auch Verlage seien „sehr zuvorkommend“, würden Tantiemen stunden. „Anders die halbstaatlichen Stellen, wie GEMA oder Künstlersozialkasse, die schicken fleißig Rechnungen, als wenn nichts passiert wäre“, kritisiert die Theaterleiterin.

Doch langfristig sei der Ausfall der Spielzeit „schon existenzgefährdend“, befürchtet Linka-Gamil. Die Schauspieler könnten nur vorübergehend von der staatlichen Soforthilfe überleben, einige hätten sich zudem als Erntehelfer gemeldet. Die vier fest angestellten Mitarbeiter schickte Linka-Gamil in Kurzarbeit. Aber auf Dauer helfe das alles natürlich nicht weiter: „Bis Oktober halten wir noch durch, danach wird es aber spannend!“

AdUnit urban-intext2

Dabei sei es „gerade wieder aufwärts gegangen“, seufzt Linka-Gamil. Lange nach dem Umzug ins Stadthaus N 1 blieb ein Teil des angestammten Publikums weg, weil das Umfeld sich als wenig attraktiv erwies. „Aber gerade im letzten halben Jahr hatte ich den Eindruck, dass es aufwärts geht, dass wir den Durchbruch schaffen“, so die Theaterchefin erleichtert: „Unser Laden war echt wieder gut gefüllt, wir konnten etwas Geld ansammeln“, sagt Linka-Gamil, „und dann war plötzlich alles aus!“

Immer wieder gebe es Anrufe von treuen Zuschauern, die nach den nächsten Terminen fragen. „Die bieten auch an, mit Mund-/Nasen-Maske zu kommen – Hauptsache, wir spielen wieder“, berichtet sie. „Den Leuten fehlt die Unterhaltung – wir würden gerne wieder spielen und die Menschen zum Lachen bringen“, betont Linka-Gamil.

Nur Zwei-Personen-Stücke?

AdUnit urban-intext3

Dabei mache ihr derzeit am meisten die Ungewissheit zu schaffen: Ihr sei klar, dass sie das 30-jährige Bestehen am 21. August wohl nicht mit dem geplanten Fest feiern könne. Aber spätestens ab Oktober, so hofft sie, wolle sie unbedingt wieder spielen, „September wäre noch schöner“. Doch keiner könne ihr derzeit sagen, welche Regeln dann gelten und wie sie sich darauf einzustellen habe.

AdUnit urban-intext4

Die bisherigen Stücke werden wohl nicht gehen, nimmt sie an: „Da sind oft zehn Leute auf der Bühne, da wird auch gerangelt, gekämpft, geschmust“, doch Körperkontakt müsse man ja nun vermeiden. Linka-Gamil sucht daher schon nach Zwei-Personen-Stücken, die dennoch den Anspruch des Oststadttheaters nach niveauvoller Unterhaltung erfüllen und die bis Herbst neu inszeniert werden müssten.

Zudem sei ungeklärt, wie viele Zuschauer ab Herbst erlaubt seien – und ob sich der Betrieb mit der bisherigen Miethöhe rechne. Vermutlich werde man nur jeden dritten Platz pro Reihe verkaufen können, dann noch jeweils eine Reihe dazwischen frei lassen müssen. „Dann kann man sie gleich ausbauen, dann haben die Leute mehr Beinfreiheit“, greift Linka-Gamil eine Kritik vieler Zuschauer am Bürgersaal in N 1 auf, der wegen der Mitnutzung durch das Internationale Filmfestival so eng bestuhlt wurde. Aber wer das bezahle, sei völlig ungeklärt.

Mehr zum Thema

Service Täglicher Themen-Newsletter "Coronavirus"

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Karte und Grafiken Coronavirus: Fallzahlen aus Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg und Rhein-Neckar

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Das Wichtigste auf einen Blick Die aktuelle Corona-Lage im Liveblog

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Redaktion Chefreporter

Thema : Coronavirus

  • Pandemie Gärtnereien, Gartenmärkte und Blumenläden dürfen ab 1. März öffnen

    Baden-Württemberg will ab nächsten Monat einige Geschäfte wieder öffnen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann kann sich auch vorstellen, dass sich wieder zwei Haushalte privat treffen dürfen.

    Mehr erfahren
  • Baden-Württemberg Erzieher und Lehrerinnen können sich ab sofort impfen lassen

    Es sollte für Kita-Beschäftigte und Lehrer eine frohe Botschaft sein: Baden-Württemberg macht für sie eine Impfung gegen das Coronavirus ab sofort möglich - früher als gedacht. Doch dann ruckelt es am Anfang - mal wieder.

    Mehr erfahren
  • Corona-Maßnahmen im Überblick Die neuen Bund-Länder-Beschlüsse vom 10. Februar

    Bund und Länder sehen in deutlich gesunkenen Ansteckungsraten viel erreicht im Kampf gegen Corona - aber noch keinen Anlass für Entwarnung. Denn neue Mutanten breiten sich aus. Die neuen Beschlüsse im Detail.

    Mehr erfahren