Das Interview - Zeitraumexit-Leiter Jan-Philipp Possmann propagiert mit seinem Performance-Festival Wunder der Prärie die Verkehrswende Jan-Philipp Possmann: „Autos sind tolle Kunstobjekte“

Von 
Ralf-Carl Langhals
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Unter dem hintersinnigen Titel „Autonomie“ geht es im Jungbusch von 19. bis 29. September um das Automobil. Um seine Geschichte, um die Faszination, aber vor allem auch um die Risiken, die von ihm ausgehen. Der Leiter des Kunsthauses Zeitraumexit spricht über die elfte Auflage des internationalen Performance-Festivals.

Blickt kunstvoll auf städtische Mobilität: Jan-Philipp Possmann (links) mit Kulturredakteur Ralf-Carl Langhals. © Rinderspacher
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Herr Possmann, haben Sie das Auto schon aufgegeben?

Der Kurator und das Festival

  • Jan-Philipp Possmann studierte an der Freien Universität und der Humboldt Universität in Berlin Kultur-, Theater- und Politikwissenschaft. 2009 bis 2012 war er Schauspieldramaturg am Nationaltheater.
  • 2017 übernahm Possmann die Leitung von Zeitraumexit vom Gründer-Trio Gabriele Oßwald, Wolfgang Sautermeister und Tilo Schwarz.
  • Am Freitag 19. September, 19 Uhr, wird bei Zeitraumexit (Hafenstr. 68) Wunder der Prärie eröffnet. Bis 29. September bietet das Internationale Festival für Performancekunst & Vernetzung in seiner 11. Auflage Workshops, Skulpturen, Tanz, Performances und Begehungen im öffentlichen Raum. Unter dem Titel „Autonomie“ geht es um die gesellschaftlich anstehende Mobilitäts- und Verkehrswende.
  • Am 21. September findet ab 16 Uhr die „No-Motor-Parade als Straßeneroberung“ statt (Treffpunkt Carl-Benz-Denkmal, Augustaanlage, Eintritt frei).
  • Karten und mehr Informationen zum Festivalprogramm unter www.wunderderpraerie.de 

Jan-Philipp Possmann: Ich würde mir tatsächlich wünschen, dass das Auto mehr zum Kunstobjekt und weniger zum Alltagsverkehrsobjekt wird. Und dazu leisten wir vielleicht einen Beitrag. Die Verkehrswende - und das ist die These unseres Festivals - ist wirklich eine Kulturfrage.

Inwiefern?

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Possmann: Menschen wollen in Städten leben, aber sich doch nicht so nah sein. Historisch gesehen taucht das Auto breitenwirksam zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf. Es ist das Jahrhundert der Masse. Durch Industrialisierung werden die Städte immer voller, es bilden sich politische Massenbewegungen wie Sozialismus und Faschismus aus.

Die Antwort darauf ist das Auto?

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Possmann: Genau. Da ist man zwar auch immer unter allen, aber gleichzeitig enthoben von der Masse, in einem individuellen und geschützten Wohlfühlbereich.

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Spielt da Sehnsucht nach Mobilität, einer durch technischen Fortschritt neu gewonnen Freiheit nicht die größere Rolle?

Possmann: Natürlich ist es primär einfach auch praktisch. Aber wenn man schaut, wie groß ein Auto ist und wie oft es einfach nur rumsteht - und da geht es mir zunächst nicht um ökologische Aspekte - ist das Auto nicht besonders sinnvoll. Die Städte stehen voller Autos - und alles nur, weil sie so ungeheuer praktisch sind? Es geht auch darum, dass man im Auto vor anderen geschützt ist, einen Raum für sich hat. Viele Leute gestalten ihr Wageninneres sehr persönlich, wie ein Wohnzimmer. Und das führt zur Frage: Was zeige ich da?

Für junge Leute scheinen Führerschein und Auto nicht mehr den- selben Stellenwert zu haben, wie vor 30 Jahren, oder?

Possmann: Es gibt zwar Untersuchungen dazu, aber so ganz kann ich es nicht glauben. Das betrifft eine bestimmte soziale Schicht, in der das zutrifft, in der Nachhaltigkeit eine große Rolle spielt. Wenn ich mich aber hier im Jungbusch oder auf dem Land umsehe, habe ich nicht den Eindruck, dass das Auto nicht attraktiv ist. Es gibt zwar eine wachsende Minderheit, die das anders sieht, aber für die Mehrheit ist es noch selbstverständlich, ein Auto zu haben - bis hin zum Statussymbol.

Wir sind also immer noch eine Autogesellschaft?

Possmann: Ja, die Neuzulassungen zeigen, dass die Leute nicht kleinere, verbrauchsärmere Autos fahren, sondern dickere SUVs, das sieht man ja auf der Straße. Die Leute lieben Autos, das muss man ernst nehmen, die Faszination ist unbestritten.

Lassen Sie uns über Männer reden, Magnum, James Bond ...

Possmann: Schöne Autos, vor allem Sportwagen aus den 70ern und 80ern, sind tolle Kunstobjekte, die Faszination kann ich verstehen.

Und bei Frauen?

Possmann: Die Faszination teilen Frauen auch, gerade in Mannheim. Bertha Benz war sicherlich die erste! Trotzdem kennt man heute bei der Kfz-Innung im ganzen Umkreis keine KfZ-Mechanikerin, nicht mal eine Auszubildende. Da sieht man doch, dass es beim Auto stark um Identität geht, und damit auch um Gender. Autos gelten als männlich besetzte Domäne.

Und sie steuern dem entgegen?

Possmann: Etwa mit der feministischen Werkstatt-Performance der Autoschrauberinnen „Screwing Bitches“, die das KfZ-Patriarchat mit künstlerisch-parodistischen You-Tube-Videos für selbst reparierende Frauen angehen. Sie werden bei uns gleich mehrere Workshops geben.

Kurioserweise haben Sie auch für Raser etwas im Angebot …

Possmann: Die deutsche Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung ist weltberühmt, das Rasen ist eine Touristenattraktion. Wir bieten interessierten Zuschauern für 699 Euro an, das professionelle Angebot der Firma Motion Drive zu nutzen. Ist es nicht kurioser, dass es Leute gibt, die sich das leisten können - und vor allem wollen?

Zur Ehrenrettung gibt es Projekte zur Elektromobilität?

Possmann: Ohne den ökologischen Sinn oder Unsinn von E-Autos zu bewerten, fragen wir uns in „E-Sound of Silence“: Wenn es so kommt, wie die Politik uns sagt, dann heißt das doch, dass die Stadt in Zukunft ganz anders klingen wird - eine massive Veränderung unseres Alltags. Warum entscheiden Sound-Designer der Industrie und nicht Bürger, wie unsere Welt künftig klingen wird?

Was erwartet Teilnehmer der „No-Motor-Parade“?

Possmann: Es gibt Initiativen im Stadtraum wie „Critical Mass“, eine Fahrrad-Demo oder den „Parking Day“, ein aktivistisches Projekt, um öffentlichen Raum zurückzugewinnen. Am 21. September ist dies die Fressgasse. Wir beteiligen uns am Geschehen - und versuchen auch, die so genannten Poser, die das Aufreger-Thema in Mannheim sind, dafür zu gewinnen.

Wie das?

Possmann: Indem wir sie einladen, mit uns zusammen ihre Autos durch die Fressgasse zu schieben. Das wäre doch super!

Das Interview wurde persönlich geführt und Jan-Philipp Possmann vor Veröffentlichung zur Autorisierung vorgelegt.

Redaktion Ralf-Carl Langhals studierte Jura, Germanistik, Romanistik, Theater- und Musikwissenschaft in Mannheim, Berlin und Nizza. Er arbeitete als Regieassistent und Dramaturg an verschiedenen deutschen Theater und schrieb danach als freier Theaterkritiker für SWR, Die Welt, Frankfurter Rundschau, Theater der Zeit u.a. Seit 2006 ist er Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen, zuständig für die Bereiche Schauspiel, Tanz und Performance.