Industrietempel-Gründer Thomas Reutter: „Mich hat die Kunst verändert“

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Mit einem „Appell“ schickt sich der Industrietempel an, an der Weltrettung teilzunehmen. Aber wer schreibt den flammendsten Appell, damit möglichst viele Menschen teilnehmen? Darum geht es am 6. September in Mannheims Mitte. Es ist eine der Kunstaktionen, die der Industrietempel in der Region seit 30 Jahren unternimmt. Und diesmal erhält der am leidenschaftlichsten Redende auch noch 1000 Euro und die Tonfigur „Die klare Kante“. Thomas Reutter hat den Industrietempel gegründet - ein Gespräch.

Freut sich auf flammende Appelle zur Weltrettung: Thomas Reutter im Gespräch mit Stefan M. Dettlinger. © Rinderspacher
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Herr Reutter, ich habe gehört, Sie wollen mit dem Industrietempel die Welt retten. Stimmt das?

Thomas Reutter und Industrietempel

  • Der TV-Mann: Thomas Reutter ist 1967 in Mannheim geboren und arbeitet als Fernsehjournalist beim Südwestrundfunk. Der studierte Politikwissenschaftler arbeitete davor unter anderem als Investigativ-Reporter für das Polit-Magazin Report Mainz.
  • Der Industrietempel: Sie nennen sich Industrietempler und veranstalten seit 1989 „außergewöhnliche Projekte für außergewöhnliche Orte“, wie sie selbst von sich sagen. Es sind Aufführungen, Ausstellungen und Konzerte in Räumen, die niemals dafür vorgesehen waren: Klär-, Pump- und Wasserwerke, Bunker, Türme oder unterirdische Regenwasserrückhaltebecken - meist Räume, die sonst geschlossen sind, in die man sonst niemals hineinkommt.
  • Das aktuelle Projekt: Bis 23. August (12 Uhr) kann man sich noch für die Jubiläums-Performance „Schreib’ Deinen Appell zur Rettung der Welt!“ bewerben. Die Aufführung findet am 6. September bei Einbruch der Dunkelheit voraussichtlich auf der Bühne eines Feuerwehrautos auf dem Mannheimer Marktplatz statt. Ein Videotriptychon in einem Waschsalon folgt demnächst.

Thomas Reutter: Ja, wir wollen sehr gerne etwas dafür tun, denn das ist bitter nötig.

Und wie wollen Sie vorgehen?

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Reutter: Wir würden dann schon mal anfangen und zwar mit einem flammenden Appell zur Rettung der Welt. Wir schreiben da gerade einen Wettbewerb aus: Wer hält den leidenschaftlichsten Weckruf zur Rettung des Planeten? Jetzt sind die Poetinnen und Poeten gefragt! Der überzeugendste Aufruf gewinnt 1000 Euro Preisgeld und die Trophäe „Die Klare Kante“.

Das sollten möglichst viele Leute hören. Wo veranstalten Sie es?

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Reutter: Das gibt einen spektakulären Auftritt, mitten in Mannheim auf dem Marktplatz. Das wird so eine Art Poetry Slam, nur ohne Slam. Industrietempel-Juror ist Klaus Kufeld, der Gründungsdirektor des Ernst Bloch Zentrums. Die besten 20 Texte werden Online und in einem Heft zum Projekt „Der Appell“ veröffentlicht.

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Das klingt spannend, aber auch nach viel Worten, denen dann keine Taten folgen.

Reutter: Das wäre die Kunst: Worte zu wählen, die uns wirklich dazu bringen, die Welt zu retten oder zumindest etwas zu verbessern.

Sind Sie denn selbst, also privat, so ein Weltverbesserer oder spielen Sie nur mit dem Thema auf kreative Art und Weise?

Reutter: Privat wäre ich gerne ein Weltverbesserer. Beruflich beschäftige ich mich als Fernsehjournalist auch mit Themen wie der globalen Entwaldung. Aber als Reporter darf man ja nie Aktivist sein und kann Missstände immer nur aufdecken. Eigentlich würde ich selbst gerne so einen Appell verfassen: einmal nicht zurückhaltend und sachlich. Endlich mal sagen: Leute, wir müssen jetzt wirklich was tun! Gegen das Artensterben, das Abschmelzen der Pole zum Beispiel oder gesellschaftlich gegen die totale Ökonomisierung aller Lebensbereiche oder gegen die wachsende Anti-Mitleidsbewegung und so viele andere gefährliche Trends! (Aber ich darf ja als Industrietempel-Mitglied nicht am Wettbewerb teilnehmen und) ich bin gespannt, was vor allem die jungen Leute zu sagen haben.

Sie machen das jetzt seit 30 Jahren. Was treibt Sie an?

Reutter: Erstens: die eigene Neugier, beispielsweise wenn ich mit einer Taschenlampe im Inneren eines Brückenpfeilers stehe und mich frage, wie in so einem leeren, tiefen Hohlraum wohl gregorianische Gesänge klingen und wie das wirkt? Zweitens: Unsere KünstlerInnen, die so für diese besonderen Räume brennen. Drittens: Unser anspruchsvolles Publikum, das sich immer wieder auf neue Orte einlässt, aber auch immer wieder etwas Neues entdecken möchte. Das fordert uns alle heraus.

Glauben Sie, man kann mit Kunst im Sinne des Humanismus den Menschen ändern?

Reutter: Mich hat die Kunst verändert und sicher auch einige andere im Industrietempel. Ich glaube, wir haben eine Chance, die Leute mit Kunst zu erreichen, zu überraschen, zu berühren, mehr als mit Journalismus, Wissenschaft und Lehrbüchern. Wenn die Kunst es schafft, uns offener und neugieriger zu machen und wir wieder ein bisschen kindlicher werden, wäre das eine wunderbare Veränderung im Sinne des Humanismus.

Also machen Sie auch nach 30 Jahren mit Schwung weiter?

Reutter: Klar machen wir weiter und mit Schwung! Ich nehme mir da mal meinen Vater als Vorbild. Der ist gerade 88 Jahre alt geworden und plant als Bildhauer gerade eine große Ausstellung zu seinem 90 Geburtstag. Ich hoffe, dass ich mit 90 auch noch so einen Elan an den Tag lege. Jedenfalls stürzen wir uns gerade voll in unser Jubiläumsprogramm und haben dieses Jahr noch Einiges vor.

Für die Weltrettung gibt es ja auch noch viel zu tun, wie uns nicht zuletzt die Jugend freitags immer wieder vor Augen führt …

Reutter: Ja, klar, Fridays for Future, aber auch UNO-Berichte und viele Studien zeigen uns, dass es gerade an allen Ecken und Enden brennt. Ich finde, auch Künstler sind da gefordert. Wir können uns nicht mehr ausschließlich mit uns selbst beschäftigen. 2017 hatten wir die Videoinstallation „Die Apologeten des Wachstums“ im Müllheizkraftwerk Ludwigshafen. Das war ein Projekt gegen Konsumfetischismus, Wachstumsideologie und Wegwerfkultur. Unser Video lief auch in Schulen, in einer Kirche und kürzlich bundesweit im Rahmen der Kampagne „Kaufnix“. Das kam gut an. Seitdem glaube ich, dass es einen großen Bedarf an gesellschaftskritischer Kunst gibt, wenn sie nicht zu pädagogisch ist.

Das Interview wurde vor Veröffentlichung schriftlich autorisiert.

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Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „MM“ seit 2006.